Die Technik des Kontrafaktes

Einem erfolgreichen weltlichen Werk einen geistlichen Text unterlegt: Die „Schöpfungsmesse“ von Luigi Gatti. Von Barbara Stühlmeyer

Wenn heute Musiker die Werke von Kollegen zur Grundlage eigener schöpferischer Ideen machen, ist das oft ein Problem. Denn sobald etwa Popmusiker aus drei verschiedenen Werken ein neues kreieren, müssen nicht nur deren Urheber dem zustimmen, sondern auch die Verlage, die die Rechte verwalten. Die Produktion von Medleys, ein Begriff, der bereits in der Renaissancemusik, konkret im Fitzwilliam Virginal Book verwendet wird, hat das aber nicht verhindert. Denn die Idee, aus etwas Vorhandenem etwas neues, ganz anderes zu machen, hat eine lange Tradition und es gibt vor allem in der Kirchenmusik eine Reihe berühmter Beispiele für den Einsatz der Technik des Kontrafaktes, also der Verwendung einer vorhandenen Melodie, die mit einem neuen Text versehen und gegebenenfalls bearbeitet wird. Das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ verdankt seine Melodie beispielsweise der Bearbeitung des von Hans Leo Haßler komponierten Liebesliedes „Mein Gmüt ist mir verwirret“ durch Johann Crüger und das Weihnachtslied Friedrich Spees, „Zu Bethlehem geboren“ wurde mit der Melodie des beliebten und ein wenig frivolen französischen Chansons „Une petite feste“ verbunden. Johann Sebastian Bach verwendete für seine Fuge BWV 579 ein Thema von Archangelo Corelli, und Wolfgang Amadeus Mozart zitiert melodische Elemente aus Johann Valentin Rathgebers „Ohrenvergnüglichem Tafelconfect“ in seinem „Divertimento Es-Dur“ und dem Finale seiner Oper „Die Zauberflöte“.

Im 18. Jahrhundert wurde es unter Kirchenmusikern in Österreich zu einem Trend, die Melodien beliebter weltlicher Kompositionen mit geistlichen Texten zu versehen und in die Gestaltung des Gottesdienstes zu integrieren. So entstanden beispielsweise Zauberflötenmessen, die sicherlich nicht zu Unrecht die Kritik kompetenter Theologen auf sich zogen, hat diese Oper Mozarts doch klare freimaurerische Bezüge.

Ein weiteres Werk, das mehrfach für die Aufführung innerhalb des Gottesdienstes bearbeitet wurde, ist das Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn. Das Werk war ein Publikumsmagnet, mit dem sich die größten Konzertsäle mühelos füllen ließen und wie auch heute, wo findige, in der Jugendarbeit der Kirche eingesetzte Sozialpädagoginnen es für eine gute Idee halten, Firmlinge mit „Helene-Fischer-Gottesdiensten“ in die Kirche zu locken, versuchten die Kirchenmusiker des 18. Jahrhunderts die vielerorts im Niedergang begriffene Kirchenmusik dadurch aufzuwerten, dass sie erfolgreichen weltlichen Werken einen geistlichen Text unterlegten. Die Qualität der so entstandenen Werke ist höchst unterschiedlich, im Falle von Luigi Gattis „Schöpfungsmesse“ jedoch untadelig. Qualitativ übertriff sie die anderen kursierenden Bearbeitungen von Haydns berühmtem Oratorium bei weitem. Denn der am 7. Oktober 1740 in Lazise geborene und am 1. März 1817 in Salzburg gestorbene Komponist wählte für seine Schöpfungsmesse jene Sätze aus, die in ihrem Affektcharakter dem der daraus entwickelten Ordinariumsteile entsprach und adaptierte den liturgischen Text passgenau auf die haydenschen Melodien. Er meisterte zudem die Herausforderung, den opulenten Orchesterapparat der Schöpfung auf die zu diesem Zeitpunkt deutlich reduzierteren Möglichkeiten an der Salzburger Hofkapelle zuzuschneiden, ohne dabei in die musikalische Substanz der Vorlage Haydns einzugreifen.

Luigi Gatti ist mit Kirchenmusik aufgewachsen, denn schon sein Vater war Organist. Er selbst studierte zunächst Theologie und wurde in Mantua zum Priester geweiht, wirkte aber von Anfang an als Tenor und Organist. 1783 wurde Gatti fürsterzbischöflicher Hofkapellmeister im Dienste von Fürsterzbischof Hiernonymus Graf Colloredo in Salzburg – sehr zum Ärger von Leopold Mozart, der sich als Vizekapellmeister selbst Hoffnungen auf den Posten gemacht hatte. Gatti war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt und konnte auf das komplette Spektrum musikalischer Möglichkeiten am Hof zurückgreifen. Ab 1796 litt die Salzburger Hofmusik jedoch stark unter den Folgen der napoleonischen Kriege. Da die Schöpfungsmesse zwar ein im Vergleich zum Oratorium Haydns geringeres, aber immer noch umfangreich besetztes Orchester und mindestens doppelt besetzte Vokalstimmen verlangt, geht man davon aus, dass die nicht datierte Partitur in den ruhigeren Jahren zwischen 1803 und 1805 entstand, in der Salzburg weniger unter den kriegerischen Auseinandersetzungen zu leiden hatte. Ihre Erstellung wurde durch die von Joseph Haydns Bruder Michael geleitete Aufführung des Oratoriums „Die Schöpfung“ inspiriert. Die Anzahl der Wiedergaben der „Schöpfungsmesse“ wird überschaubar gewesen sein, da die Hofmusik ab 1806 auf eine Minimalbesetzung reduziert wurde, mit der eine Aufführung nicht mehr realisierbar gewesen wäre. Die erste Aufführung in unserer Zeit fand daher 2001 in Salzburg statt und basierte auf der autografen Entwurfspartitur Luigi Gattis und dem Stimmensatz, der im Bestand der Bibliothek des Klosters Tittmoning überliefert worden war und sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek München befindet.

Auch Joseph Haydn selbst ließ sich von seinem Oratorium zu einer 1804 im Druck erschienenen „Schöpfungsmesse“ inspirieren, die er in der um 1800 neu entwickelten Form der Missa solemnis realisierte. Haydns „Schöpfungsmesse“ verdankt ihren Namen der Tatsache, dass er im Gloria das Duett „Holde Gattin, dir zur Seite“ zitierte – eines der bekanntesten Teil des Oratoriums. Die Haydensche Bearbeitung zeigt die auch theologische Auseinandersetzung des Komponisten mit seinem Werk. Denn für das Agnus Dei wählte der Komponist in der Überzeugung, dass die meisten Menschen gegen die Gebote der Mäßigkeit und der Keuschheit sündigten, die tändelnde Melodie der Worte der Schöpfung „Der thauende Morgen, ob wie ermuntert er!“ und kombinierte sie mit einem darauffolgenden mit vollem Chor angestimmten „Miserere“. Der Kaiserin gefiel die Idee nicht und wünschte sich für die Wiener Hofmusikkapelle eine geänderte Fassung, die sie, wie der überlieferte Stimmensatz zeigt, auch erhielt. Für die offizielle Edition blieb Haydn jedoch bei seiner ursprünglichen Idee.

Luigi Gattis Schöpfungsmesse ist inzwischen ebenfalls ediert. Sie ist bei Carus in der Reihe Salzburger Kirchenmusik erhältlich.

Nachhören können Sie die Schöpfungsmessen von Luigi Gatti und Joseph Haydn auf der bei Carus edierten CD Frauenkirche Dresden, Schöpfungsmessen. Luigi Gatti, Joseph Haydn. Es singen und spielen der Dresdner Kreuzchor, die Dresdner Philharmonie, Anna Korondi. Sopran, Annette Markert, Alt, Yves Saelens, Tenor und Klaus Mertens, Bass, die Leitung hat Kreuzkantor Roderich Keile.

Rückblick