Sich von Christus umarmen lassen

Über das befreiende Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit: Warum Beichten wie ein Fest der Auferstehung im Alltag ist. Von Rainer Maria Kardinal Woelki

Kardinal Rainer Maria Woelki. Foto: KNA

Seit vielen Jahren erscheint im Advent, herausgegeben von unseren evangelischen Schwestern und Brüdern, ein bemerkenswerter Adventskalender mit dem Titel „Der andere Advent“. Immer wieder erlebe ich, dass sich Menschen darüber austauschen, wenn am Morgen etwas besonders Anregendes und Beeindruckendes einen der Adventstage eröffnet hat. Im Advent 2008 fand sich ein Impuls, dessen Spuren bis heute an so mancher Kühlschranktür haften: es waren kleine, luftig-leicht gefertigte Magnete mit „vom Aussterben bedrohten Worten“. Darunter so schöne wie „Augapfel“, „Lichtspielhaus“, „hold“, „Nasenfahrrad“ oder „Dreikäsehoch“. Als ich mich fragte, welche Worte es aus meiner Sicht wären, die gerettet werden müssten, fiel mir als erstes das Wort „Beichte“ ein; ein Vorgang, der so gänzlich aus dem alltäglichen Verhaltensrepertoire der Menschen verschwunden zu sein scheint.

Früher – und das ist noch gar nicht so lange her – also etwa vor 50 Jahren, war das noch anders. Damals hatten die Beichte und ebenso die Feier der heiligen Eucharistie für katholische Christinnen und Christen einen unbedingten Stellenwert. Was ist in der Zwischenzeit passiert? War früher alles besser oder hat die Art und Weise des Früher etwas mit der heutigen Ignoranz gegenüber der Beichte und einer fast ebensolchen gegenüber der Feier der Eucharistie zu tun? Was ist in diesen gut 50 Jahren geschehen, in der unsere Welt sich so verändert hat, dass die Kirche ihre wesentlichen Inhalte alphabetisierend neu vorschlagen muss?

Es mag vielleicht wissenschaftlich nicht jedem Prüfstand genügen, wenn ich behaupte: Während die Generation unserer Eltern in den Beichtstuhl ging, geht die Generation Golf in die Therapie. Nun, nicht dass Sie mich falsch verstehen: die Ausbildung der Humanwissenschaften, das Wissen um die Psyche und ihre Kränkungen sind Errungenschaften, ohne die unsere Welt nicht mehr auskommt. Fast aber haben diese Errungenschaften etwas anderes – ohne das die Welt ebenfalls nicht auskommt! – ersetzt: das Zutrauen in einen Gott, der uns Schuld und Sünde vergibt!

Was ist das für ein Geschenk, das Gott uns damit macht: er straft nicht, er ist kein Big Brother im Himmel, er rechnet nichts auf. Er macht etwas ganz anderes: Er erbarmt sich unserer Schuld. Und diese hat begangen zu werden nicht aufgehört – auch nicht in dieser Zeit, in der wir die Beichte als antiquiert und als unserer Freiheit und Modernität nicht angemessen abgetan und damit eine Chance für unser Leben vertan haben: die Chance, uns von Christus selbst umarmen zu lassen.

So wie er – der selbst ohne Sünde geblieben ist – uns seine Gegenwart in der Feier der heiligen Eucharistie schenkt, so schenkt er uns seine Güte und seine Zärtlichkeit in dem Moment, in dem wir ihm unsere Sünden anvertrauen. Es ist ja nicht der Priester, der die Beichte hört, und der selbst ein Sünder ist und der Beichte bedarf, es ist Christus, der Auferstandene, der uns im Moment der Reue mit seiner Liebe umfängt.

Der Heilige Vater selbst wird nicht müde, uns darauf hinzuweisen, dass auch er dieser Liebe bedarf. Er gehe selbst alle zwei Wochen zur Beichte, denn „es gibt keine Sünde, die Gott nicht vergeben könne, keine! ... Die Sakramente sind, wie wir wissen, der Ort der Nähe und der Zärtlichkeit Gottes für den Menschen. Sie sind die konkrete Weise, in denen Gott uns begegnet, um uns zu umarmen, ohne sich unser und unserer Begrenztheiten zu schämen.“

Folgerichtig drängt Papst Franziskus darauf, diese Nähe Gottes den Menschen zu vermitteln. Denn in der Beichte macht sich Gott ja selbst auf den Weg zu uns, um das zu tun, was er uns bereits durch den Propheten Ezechiel zugesagt hat: Die Verlorenen will ich suchen, die Verletzten verbinden, die Schwachen kräftigen und die Starken behüten (Ez 34, 16).

Dem Papst zufolge dürfen die Beichtväter die Beichtenden nicht einfach ausfragen. Damit empfiehlt er nicht etwa den laxen Umgang mit Sünde und Schuld. Er legt den Beichtvätern vielmehr nahe, die Büßenden an die Hand zu nehmen und voller Barmherzigkeit zur Bekehrung zu begleiten. „Ganz viel Barmherzigkeit!“ lautet daher ganz konsequent die Weisung für das außerordentliche Jahr der Barmherzigkeit. Beichtväter sollten, so die Empfehlung des Heiligen Vaters, an der Bekehrung und Reue der Laien Maß nehmen: „Liebe ich denn den Herrn genauso wie diese alte Frau? Ich, Priester, der ich Diener der Barmherzigkeit bin, bin ich bereit zur selben Barmherzigkeit, wie ich sie im Herz dieses Menschen in der Beichte sehe? Bin ich Beichtvater bereit, dieselbe Bekehrung zu machen, wie ich sie in diesem Menschen in der Beichte sehe, dem ich diene?“

An anderer Stelle kehrt der Heilige Vater die althergebrachte Perspektive sogar um: Reuige Sünder hätten weniger die Pflicht zur Beichte als das Recht, in den Priestern Gottes Vergebung zu erfahren. „Wann war meine letzte Beichte“, fragt der Heilige Vater, „vor zwei Tagen – zwei Wochen – zwei Jahren – zwanzig Jahren – vierzig Jahren?“. Und wenn viel Zeit vergangen sei, dürfe kein Tag mehr verloren werden: „Geh zum Priester, der gut sein wird. Jesus ist dort, und Jesus ist gütiger als die Priester, Jesus empfängt dich. Er empfängt dich mit so viel Liebe. Sei mutig, und geh zum Beichten!“

Vor Jesus Christus müssen wir uns nicht schämen, er schimpft nicht, er zetert nicht, er schüttelt nicht den Kopf und ist von uns nicht enttäuscht. Wo wir dem liebevollen Blick des Gekreuzigten und Auferstandenen begegnen, wo wir uns von ihm das Wort der Vergebung zusprechen und uns von ihm umarmen lassen – so wie der Vater im Gleichnis einst den verlorenen Sohn –, da feiern wir Ostern: Auferstehung mitten im Leben, mitten am Tag – an jedem Tag unseres Lebens. In diesem Sinne ist die Beichte ein Weg der Hoffnung und des Lebens, ein Weg in die Freude. Denn nirgendwo anders wird Gottes Sorge und Liebe um uns Menschen und sein befreiendes Erbarmen zu uns Sündern existenziell so tief erfahrbar wie in der Beichte.

Retten wir daher das wunderschöne Wort „Beichte“, vor allem aber den heilsamen Vorgang, den es bezeichnet, um der Menschen und um Gottes Willen: Weil die Beichte uns etwas schenkt, was wir selbst und kein anderer uns auf Dauer geben können: die unmittelbare Berührung mit Gottes Barmherzigkeit durch die Umarmung Christi. Von hier aus wird alles neu – mitten in diesem Leben. Was für ein Geschenk: die Beichte.

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