Tönende Verkündigung

Geschickt gregorianische Motive mit Kirchenliedern verwoben: „Die Apostel“ für Orgel zu vier Händen von Naji Hakim. Von Barbara Stühlmeyer

Die Apostel Petrus und Paulus, wie El Greco sie sah. Foto: IN

Naji Hakim ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass in der katholischen Kirche Menschen jeder Herkunft und Sprache, aller Schichten und Gruppen an der neuen Welt des immerwährenden Friedens mitbauen können. Geboren ist der katholische Komponist, Organist und Professor für Musiktheorie 1955 in Beirut im Libanon unter dem Namen Naji Subhy Laul Irénée Hakim. Sein vierter Taufname bedeutet Frieden. Und für ihn setzt Hakim sich mit seinen brückenbauenden und grenzüberschreitenden Kompositionen immer wieder ein.

Sein Orgelzyklus „Die Apostel“ ist ein sprechendes Beispiel für die versöhnende Klangarbeit des Tonkünstlers. Die Reihe der 13 Orgelmeditationen beginnt mit dem, der die Apostel zu ihrer Verkündigungsarbeit aussandte – Jesus Christus. „Der Heiland“ überschrieben arbeitet diese Meditation mit einem Viertonmotiv, steht die Zahl vier doch für die irdische Wirklichkeit, in diesem Fall also die Inkarnation des Gottessohnes. Die Meditationen über die einzelnen Apostel Petrus, Andreas, Jakobus der Ältere, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Jakobus der Jüngere, Simon und Judas Thaddäus, die in einem Abschnitt zusammengefasst sind, Matthias und Paulus sind klanggewordene Charakterisierungen der jeweiligen Apostelpersönlichkeiten. Petrus hat seinen Auftritt mit einem kraftvollen Achttonmotiv, energisch voranschreitend, wie es so seine Art ist, und dann unvermittelt in fast sanfter Fröhlichkeit das Osterlied „Wir wollen alle fröhlich sein“ zitierend, das für seine mildere und zugleich volkstümliche Seite steht. Der fragende Thomas wird in auf- und absteigenden farbigen Akkordflächen präsentiert, die wie suchende Hände auf der Klaviatur unterwegs sind. Unermüdlich von hier nach dort eilen die Hände der Spieler auch in der Meditation über den heiligen Paulus, seine Reisewege gleichsam in gebrochenen Akkorden landauf, landab nachvollziehend.

Wie viele Werke haben auch die Apostel mehrere Bezugspunkte und Deutungsschichten. Zum einen ist jeder Meditation ein Holzschnitt Lukas Cranach des Älteren zugeordnet. Der Künstler, der so eng mit Martin Luther zusammenarbeitete, verstand seine Arbeit als Verkündigungsdienst. Die Apostel sollten die Säulen für die Erneuerungsbewegung sein, der Cranach sich verschrieben hatte. Ihre Charakterköpfe sollten den Gläubigen Orientierung und Halt geben. Hakiim greift die von Cranach gewählten Charakterisierungen auf. Betrachtet man den Holzschnitt des Petrus, erkennt man die geerdete und zugleich energetische und heiter in sich ruhende Persönlichkeit Petri wieder, dessen Füße die vielen Verkündigungswege widerspiegeln und zugleich optisch den Wurzelwerk ähnelnden Ranken des Schmuckbogens gleichen, der sich zu einem Weinstock entwickelt – dem Bildmotiv Jesu Christi und seiner Kirche und zugleich Zeichen der Freude, die Hakim im Choralmotiv wieder aufgreift. Überhaupt verwebt der Komponist zahlreiche gregorianische Motive und Kirchenlieder mit „seinen“ Aposteln und erinnert so an die klingenden Wegmarken des Glaubens, die Verkünderinnen und Verkünder vor ihm in mitreißende Töne gegossen haben.

Hakims bei den Aposteln zu beobachtende Arbeitsweise findet sich auch in anderen seiner Werke wieder. In seinem Orgelwerk I love the colorful world, das im Auftrag des Orgelbauers Hans-Georg Vleugels für die Orgel der katholischen Kirche St. Alban in Hardheim entstand, verwandelt er eine musikalische Reise von Beirut über Istanbul und Paris bis nach Hardenheim in Klang. Naji Hakim bot sich hier die Gelegenheit, seine eigene Geschichte als in Libanon geborener, in Paris und als weltreisender Bürger lebender Komponist zu reflektieren. Während der Konzeption des Werkes lenkte sein Freund Pastor Hanne Margerethe Tougaard seine Aufmerksamkeit auf ein dänisches Volkslied, das in der englischen Übersetzung den Titel I love the colorful world trägt. Es inspirierte Hakim sowohl melodisch als auch textlich zu einem zweisätzigen Orgelwerk. Das Lied thematisiert die Schönheit der Welt, deren Wahrnehmung die Menschen trotz oder gerade wegen ihrer oft leidvollen Erfahrungen immer wieder mit Freude erfüllt. Für Hakim wurde die Arbeit an dieser Komposition zu einer Darstellung der philosophischen Entwicklung seiner Musik und ihrer von verschiedenen Kulturen geprägten religiösen und ethnischen Quellen. Er versteht das Präludium und die Toccata zugleich als klanglichen Ausdruck seiner Verwurzelung im Glauben und seines Dienstes zur Freude der Menschen.

Immer wieder sucht Hakim musikalische Anknüpfungspunkte im reichen Schatz der Kirchenmusik, aus dem er Altes und Neues hervorholt. Bei seinem Magificat für Chor bezieht sich der Tonsetzer beispielsweise auf die ausdeutende Funktion der einzelnen Verse des Canticums aus der Vesper in der barocken Musikpraxis und legt seinem Werk zugleich eigene, impressionistisch wirkende Aspekte, die zugleich von den Klangwelten seiner Lehrer und Vorgänger Langlais und Messiaen inspiriert sind, zugrunde.

Immer wieder verweisen die Werke Hakims in ihrer Kompositionsstruktur auf die liturgische Praxis. Auch in den Aposteln finden sich improvisatorisch anmutende Einleitungen zu als Leitthemen verwendeten Liedmelodien und sprechendes Motivmaterial, das der klanglichen Nachbildung der Charaktere der Apostel dient. Die Werke Hakims sind von musikalischem Können geprägt, von tiefer Spiritualität durchdrungen und vermitteln eine im Glauben wurzelnde Freude an der Welt. Deshalb verlieh ihm Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 den Orden Pro Ecclesia et Pontifice.

Das „Die Apostel“ ist erhältlich auf der CD Naji Hakim: Orgelwerke – Hakim plays Hakim, gespielt vom Komponisten und seiner Frau Marie-Bernadette Dufourcet-Hakim, erschienen beim Label Signum Classics.

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