Ein menschliches Sakrament

Warum Beichten auch eine Chance ist, über den Tellerrand des klassischen Beichtspiegels hinauszuschauen. Von Weihbischof Andreas Laun

Weihbischof Andreas Laun. Foto: IN
Weihbischof Andreas Laun. Foto: IN

Unvergesslich, als mir Erzbischof Eder, kurz nach meiner Ernennung zum Weihbischof, sagte: Merk dir, der Priester lebt von zwei Sakramenten, die ihn tragen wie zwei Säulen: die Eucharistie und die Beichte! Eucharistie, ja natürlich, der Höhepunkt allen kirchlichen Lebens, das „Sakrament der Liebe“, schreibt Papst Benedikt XVI. , das Konzil spricht in Sacrosanctum Concilium vom Höhepunkt und der Quelle, aus dem die Kraft kommt, und es lassen sich unzählige andere Belege von Päpsten, Bischöfen, Priestern, Heiligen und Mystikern dazu auflisten. Und man versteht es ja auch, wenn wahr ist, was die Schrift und die Kirche lehren: „Dominus est“, es ist der Herr selbst, dem wir begegnen und mit dem wir ganzmenschlich, mit Leib und Seele eins werden dürfen.

Aber wie steht es mit dem Sakrament der Buße? Noch vor rund einem halben Jahrhundert war der Beichtstuhl oft umlagert, der Beichtdienst nicht selten eine Last, und wohl jeder Priester fragte sich manchmal oder kämpfte mit der Versuchung zu denken: „Wozu sitze ich hier, immer die gleichen Sprüche, ohne wirklichen Inhalt, keineswegs eine wirklich offene Seele, die nach Vergebung dürstet!“

Aber solche Gedanken können nur als menschliche Versuchung gesehen werden, die auch durch die Erfahrung des Priesters widerlegt wird: Weil es kommen dann immer auch Menschen, die dem Priester bewusst machen, wozu er da ist! Wenn er mit der richtigen Einstellung sein Amt versieht, dann wird er es immer als eine besondere Ehre ansehen, dass ein anderer Mensch ihm seine dunklen Seiten anvertraut und eine noch viel größere Ehre, dass Gott selbst durch seine Worte die Sünden vergibt, sie hinter sich wirft und Menschen wieder erleichtert und reingewaschen aus dieser Begegnung hervorgehen.

Beichte ist auch eine Begegnung und auch offen für ein beratendes, leitendes Gespräch. Aber dieses ist untergeordnet dem eigentlichen Sakrament in der Lossprechung. Sie hat heilende und tröstende Wirkung, aber sie ist nicht eine religiöse Variante von Psychotherapie! Gültig und fruchtbar beichten kann man auch bei einem Priester, der nichts versteht oder selbst ein unmoralisches Leben führt. Beichte ist in ihrem tiefsten Wesen die Begegnung eines Menschen mit Gott, der Beichtvater ermöglicht diese, aber bleibt ihr in gewisser Weise doch äußerlich!

Beichte setzt Sünde voraus, also eine Tat, die nicht nur einen anderen Menschen betrifft, das meistens auch, aber zum Wesen der Sünde gehört immer eine schwere oder leichtere Störung der Gottes-Beziehung! Wie die Liebe und das Hören auf den geliebten Gott die eigentliche Beziehung des Menschen zu Gott ist, ist umgekehrt die Herzenshärte und die Taub- und Blindheit Gott gegenüber die Urform der Sünde.

Die Leugnung der Sünde ist eine besonders teuflische Versuchung und menschenfeindlich wie wenn man Kranken zu helfen behauptet, indem man ihnen einredet, sie seien gesund! Tatsache ist vor allem auch: Die Menschen aller Zeiten und Kulturen haben von Sünde gewusst und Wege gesucht, sie zu überwinden, sie zu sühnen, sich von ihr zu reinigen.

Zur Beichte gehört das Wissen um die eigene Sünde und darum die Gewissens-Erforschung. Wie erforscht man das Gewissen? Man könnte mit Jeremiah (7, 24–26) antworten: Indem man Gott nicht mehr „den Rücken zuwendet, sondern das Gesicht!“ und Ihm endlich „Gehör schenkt“ Mit dieser geistlichen Vorbereitung sollte man darangehen, sein eigenes Leben anzuschauen. Denn dann wird man Gott nicht kindische Dinge erzählen (Ich bin schon 50 Jahre alt und „ich habe genascht“), sondern die Gebote Gottes mit dem eigenen Leben vernetzen und abgleichen. Wichtig ist dabei, auch die Sünden zu entdecken, die in den üblichen Beichtspiegeln nicht enthalten sind. Das Bekenntnis könnte dann auch, neben anderen Sünden, so lauten: Ich habe geschwiegen, als ich hätte reden müssen! Ich habe in einer Sitzung zugestimmt und approbiert gegen meine wirkliche Überzeugung, weil es alle anderen auch taten. Ich habe in einer wichtigen Angelegenheit Anderen vertraut, obwohl ich hätte prüfen und nicht vertrauen sollen! Ich habe mich in ein skandalöses Gespräch über die Kirche nicht eingemischt, weil es mich angeblich nichts anging und ich nicht emotional werden wollte. Ich habe weggehört, als eine Frau von ihrem Schwangerschaftskonflikt redete und meine Hilfe zur Rettung des Kindes gebraucht hätte. Ich habe mich mit den ideologischen Gefahren der Zeit nicht beschäftigt, weil es mühsam und „politisch nicht korrekt“ gewesen wäre. Ich habe mich mit meinem Glauben an Jesus und seine Kirche nicht geoutet, weil ich den Spott der Andren fürchtete und „tolerant“ erscheinen wollte. Ich habe zu den Irrtümern über Gott und seine Kirche geschwiegen, weil mir der Glaube Anderer gleichgültig ist und jeder doch seine Meinung haben darf. Ich habe die Not anderer Leute gewusst, aber dachte, bei uns ist dafür die Caritas und der Staat zuständig. Meine Mitverantwortung wollte ich nicht anerkennen! Wenn ich kritisiert werde, weigere ich mich nachzudenken, ob die Kritik nicht auch ein Stück weit wahr sein könnte. Solche und ähnliche Fragen und Bekenntnisse sollten dabei sein!

Dazu kommt die Schwierigkeit einer wirklich in die Tiefe der Seele greifende Erforschung des Gewissens, einschließlich der Unterscheidung von lässlicher und schwerer Sünde! Mehr noch: Wer ist schon in der Lage, vor sich selbst und vor dem Beichtpriester ein Bild von sich selbst zu zeichnen, das auch vor Gott standhielte, so dass man sich selbst sagen könnte: „Ja, das bin, das war ich mit meinen Sünden wirklich! Das ist es, was mir Gott vorhalten würde, wenn ich schon jetzt vor seinem Gericht stünde.“ Und wenn das leicht möglich wäre: Wer könnte ein wirklichkeitsgetreues Bild von sich selbst aushalten, ohne in Tränen auszubrechen wie Petrus nach seinem Verrat es selbst tat, als Jesus ihn anschaute?

Ganz ähnlich Raimund von Capua: Weil er sich des göttlichen Ursprungs der außerordentlichen Charismen der heiligen Katarina von Siena nicht sicher war und dachte, sie könnten vom Teufel stammen, um ihn zu täuschen, erbat er sich eine tiefe Reue von Gott. Dieses Zeichen erhielt er auch: Er sah sich selbst und dann blieben ihm nur noch die Tränen! Es ist wahr: In diesem Sinn gibt es eine „Gabe der Tränen“ als Folge einer besonderen Begegnung mit dem heiligen Gott Israels! Für diese Gabe gab es einmal sogar ein Messformular! Sich selbst in voller Wahrheit zu erkennen und erschüttert zu werden, ist eine Gnade, freilich je nach dem Grad der Heiligkeit eines Menschen oder nach der Schwere seiner Sünde auch eine schmerzhafte. Von daher versteht man auch, was das Fegefeuer sein wird: Erkenntnis des eigenen Lebens mit all seinen Untiefen der Sünde und darum brennende, aber auch heilende Scham über die noch nicht getilgten Sünden!

Noch etwa muss gesagt werden: Es gibt kein so „menschliches Sakrament“ wie die Beichte: Ein Mensch braucht nicht in den Wald gehen, um „mit sich selbst ins Reine zu kommen“, er muss sich nicht „vor sich selbst verantworten“ und wie die schönen, aber irreführenden Worte sonst noch heißen mögen, die den Menschen aber mit seinen Gewissensbissen und seiner Schuld letztlich allein lassen! Nein, in der Beichte ist es ganz, ganz anders! Demjenigen, der sich als Sünder erkannt hat, sitzt ein lebendiger, hörender Mensch gegenüber, ausgestattet mit der unglaublichen Gnade, im Namen Gottes die Sünden vergeben zu können, die jemand bekennt, bereut und sich Gott anvertraut, damit dieser sie „hinter seinen Rücken wirft“, wie Jesaja (Jes 38, 17) es in einem berührenden Wort beschreibt: „Siehe, um Frieden war ich bitterlich bekümmert; aber du hast meine Seele liebevoll umfangen und sie aus der Grube des Verderbens herausgezogen; denn du hast alle meine Sünden hinter deinen Rücken geworfen!“ In einem anderen berühmten Wort des Propheten heißt es: „Wenn eure Sünden rot sind wie Scharlach, Gott macht sie weiß wie Schnee (Jes 1, 18) und ihn, den Sünder, wieder rein wie Schnee! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein“ (Lk 5, 21), hielten die Juden Jesus entgegen, und sie haben bis heute recht: Niemand, nur Gott kann das! Aber das ist ja das Wunder: Gott hörte bei der Himmelfahrt Jesu nicht auf, unter uns zu bleiben und eben auch als der, der auf menschliche Weise Sünden vergibt!

Ja es ist schon so, jeder Priester hat es erlebt: Es gibt nichtssagende Beichten, es gibt komische Beichten, besonders von Kindern, es gibt hilflose, aber gut gemeinte und darum kostbare Beichten, aber es gibt auch Beichten, nach denen der Priester weiß und sagen kann: „Dazu bin ich Priester geworden, diese eine besondere Beichte hätte genügt, um diesen meinen Schritt, einschließlich des Zölibats und anderer Opfer, zu rechtfertigen! Mein Leben „steht dafür“, nämlich für diesen Sünder, über den im Himmel jetzt mehr Freude ist als über die „Gerechten“ (Lk 15, 7), die vorher „gebeichtet“ haben und vielleicht doch nicht wirklich „gerechtfertigt“ heimgegangen sind, weil sie nicht wirklich bereut und darum nicht gut gebeichtet haben.

Darüber, dass durch den Mund eines anderen Menschen Sünden wirklich vergeben werden können, kann man nicht genug staunen. Papst Johannes Paul II. dazu: „Das ist eine der erstaunlichsten Neuheiten des Evangeliums! Jesus teilt diese Vollmacht den Aposteln zugleich mit – wie es die Kirche von ihren frühesten Anfängen her verstanden hat, als übertragbar an ihre Nachfolger …“ (Reconciliatio et paenitentia Nr. 19)

Beichte, Sakrament der Barmherzigkeit, aber, muss man vor allem heute hinzufügen, Barmherzigkeit gegründet auf Wahrheit! Schönreden verunmöglicht die Reue, zugleich kommt das Gewissen nicht wirklich zur Ruhe! Der Beichtvater steht im Dienst des Gottes, er schuldet dem Sünder die Lossprechung, aber diese setzt die Offenheit für die Wahrheit voraus – bei beiden, beim Priester und bei dem, der beichtet! Niemand fühlt sich erleichtert, wenn ihm der Priester die Sünden ausreden will, statt sie zu verstehen, was die Korrektur eines irrenden Gewissens nicht ausschließt! Da passt der Vergleich mit dem Arzt, der den Kranken heilen soll, aber ihm nichts Gutes tut, wenn er ihn belügt und ihm den Ernst seiner Krankheit verschweigt. Frei nach Erzbischof Dyba: Narkose ohne Operation ist keine Hilfe!

Ich möchte dem Leser dazu die schönsten Geschichten von Beichte erzählen, ohne das wunderbare Geheimnis, das jeden Beichtenden schützt, zu durchbrechen: Ein ungarischer Freund erzählte mir folgende Geschichte: Ein Priester wurde zu einem Sterbenden gerufen, der immerhin noch reden konnte. So fragte er ihn nach seinem Namen. Dieser nannte ihn, und der Priester antwortete nachdenklich: „Wissen Sie, das ist eigenartig, so hieß auch der kommunistische Richter, der mich vor vielen Jahren zum Tod verurteilte.“ Daraufhin der Kranke: „Das war ich!“ Vermutlich entstand eine betroffene Pause, aber dann bat der Richter den Priester, beichten zu dürfen und auch die anderen Sakramente zu empfangen.

Die zweite Geschichte betrifft Papst Johannes Paul II.: Ein Priester traf am Petersplatz einen Mitbruder. Da sie sich kannten, blieben sie stehen und sprachen kurz: Der eine erzählte, er hätte jetzt einen Termin im Vatikan beim Papst, der andere sagte: Ich nicht, ich melde mich ab, ich lege mein Priesteramt nieder! Betroffen ging der Erste weiter zum Papst und erzählte diesem sofort von dieser Begegnung. Darauf der Papst: Lauf zurück und bringe diesen Priester zu mir. Es gelang tatsächlich, vermutlich sehr verlegen kam der Priester, der „Schluss machen“ wollte zum Papst. Dieser sagte: „Ich möchte bei Ihnen beichten, und dann beichten Sie bei mir!“ So geschah es! Der Priester kehrte sozusagen „noch einmal“ um, zurück zu seiner Berufung, und der Papst ordnete an, ihm eine Stellung zu geben.

Die dritte kleine Geschichte habe ich als junger Kaplan selbst erlebt: Ein Mädchen kam in meinen Beichtstuhl und sagte: „Ich bin jetzt nur gekommen, weil meine Mutter mich dazu gezwungen hat!“ Ich setzte an zu erklären, dass sie nicht beichten müsse und dass ich ihr nur den Segen geben wolle, aber da unterbrach sie mich: „Ja, so war es, aber jetzt will ich es selbst, ich will beichten!“

Die vierte Geschichte von einer besonderen Beichte erlebte ich ebenfalls selbst: Eine Frau mittleren Alters, leicht behindert und, wie ich erfuhr, krank kam in den Beichtstuhl, kniete sich nieder und begann zu reden. Ihre Sünden waren, das wurde mir schnell klar, keine Kleinigkeiten, sondern es waren alle nur denkbaren, schweren Sünden. Und sie hörte nicht auf zu sprechen, sodass ich nach einiger Zeit sagte: „Ich biete Ihnen an, in ein Beichtzimmer zu gehen, dort können Sie sitzen, hier ist es zu anstrengend für Sie, und außerdem möchte ich Ihnen alle Zeit geben, die Sie brauchen, und wir werden nicht gedrängt sein von anderen Leuten, die noch warten. So geschah es. Erst dann sah ich, dass sie eine Reihe von Blättern, eng beschrieben, mitgebracht hatte, die sie mir vorlas! Ihre Sünden, ich sagte es schon, waren schrecklich: Zusammenarbeit mit der Gestapo, zerstörte Ehen, Abtreibung, Unterschlagungen – ich weiß nicht mehr alles, was sie mir, teilweise sich wiederholend, aufzählte. Und dabei unterbrach sie sich wieder und wieder mit schwerem Seufzen: „Herr Pater, glauben Sie wirklich, dass mir Gott all das verzeihen kann?“ Jedes Mal wieder versicherte ich ihr: „Ja, Gott ist unendlich barmherzig, Er verzeiht Ihnen, reden Sie nur weiter!“ Das tat sie auch, und ich weiß nicht mehr, wie lange unser Gespräch gedauert hat. Es war weit länger als eine Stunde, vielleicht waren es zwei oder mehr Stunden. Einige Zeit später kam sie nochmals und wieder fragte sie flehentlich: „Glauben Sie ernsthaft, dass Gott wir verzeiht, verziehen hat?“ Und wieder versicherte ich ihr, ja, Gott hat Ihnen vergeben. Als sie ging, schien sie auch mir erleichtert zu sein. Ich habe sie nie mehr gesehen und weiß nicht, wer sie war und woher sie kam. Da sie schon bei der Beichte, auch für mich erkennbar, schwer krank war, wird sie wohl bald danach gestorben sein.

Beichtkinder stärken auch die Berufung des Priesters

Ich denke manchmal an sie und freue mich bei dem Gedanken, sie im Himmel kennenzulernen. Aber wenn ich an „Beichte“ denke und meinen damit verbundenen Dienst denke ich immer mit: „Für diese Frau bin ich Priester geworden, wenn ich nur dieser Frau die Gnade wieder schenken konnte, hat sich mein Ja zur Berufung gelohnt!“ Ähnlich werden wohl jene Priester gedacht und empfunden haben, die Rudolf Höss, dem Kommandanten von Auschwitz, kurz vor seiner Hinrichtung die Beichte abgenommen haben!

Zuletzt möge Papst Franziskus zu Wort kommen: „Wenn jemand sein Bedürfnis nach Vergebung vergisst, dann vergisst er langsam Gott, er vergisst, um Vergebung zu bitten, und versteht nicht zu vergeben. Der Demütige – einer, der sich als großer Sünder fühlt – wird auch ein „großer Vergeber im Beichtstuhl sein“. Darum sollen die Priester beten, gute Beichtväter zu sein. Auch mit dieser Bitte steht der Papst in der großen Tradition der Kirche, wie man in den Weisungen des heiligen Franz von Sales an die Beichtväter nachlesen kann.

Weil dies alles so ist, versteht man, warum alle Päpste der letzten Zeit wiederholten, was Johannes Paul II. so formulierte: „Das echte Sündenbewusstsein wieder neu zu formen, das ist die erste Weise, um die schwere geistige Krise, die den Menschen unserer Zeit bedrückt, anzugehen.“ (Reconciliatio et paenitentia Nr. 18) Dass darin auch eine Aufgabenstellung für die Moraltheologen enthalten ist, bedarf keiner weiteren Erklärung.

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