Vom „allwissenden“ Gott

Wie ist Gott? Der Heilige und seine Präsenz in dieser Welt – „Tagespost“-Serie zum Heiligen Jahr (Teil VII). Von Klaus Berger

Sonnenuntergang
Den Hymnen des Alten Ägyptens verdanken wir die „solaren“, auf die Sonne bezogenen Elemente des Gottesbildes. Denn Gott leuchtet mit der Sonne in der Hand dort hinein, wo Dunkel herrscht. Foto: dpa

Ist Gott der, zu dem man sagt: „Was du alles weißt!“ – oder ein gigantisches Superhirn? Vornehmlich elektronisch zu denken oder eben ein „wandelndes Lexikon“? Je weiter wir in der Speicherung von Daten voranschreiten, umso klarer wird: Gott ist jedenfalls kein Haufen von Daten. Oder meint es Prädestination, das heißt, Gott weiß von allem genau, wie es endet. Vor allem dieser Eindruck hat Menschen belastet, da er in Konkurrenz zur Freiheit zu stehen scheint. Doch bei den biblischen Aussagen über das, was Gott weiß, geht es nicht um totes Wissen, sondern um die Qualität seines Regierens, also um die Praxis der Machtausübung durch diesen König – um Gottes eigene Achtsamkeit. Ein „Wissen um“, nicht so sehr ein Wissen, dass – kurzum, wer „um“ etwas weiß, der kennt die Regeln.

Vor allem fragen wir, wie Menschen zu dieser merkwürdigen Aussage kommen, die so direkt gar nicht in der Bibel steht. Am ehesten führt an das, was die Dogmatik mit dieser Kurzformel meint, Psalm 139 heran („Du kennst mein Ruhen und mein Aufstehen… von vorne und von hinten hältst du mich umschlossen, du legst mich auf deine Hand… mit allen meinen Wegen bist du vertraut… Es gibt kein Wort auf meinen Lippen, das du nicht gänzlich wüsstest“). Gott ist demnach mächtiger Helfer, er ist mir sehr vertraut, er steht bedingungslos auf meiner Seite. Denn nichts an mir ist ihm fremd. Er ist all das zusammen, was wir unter einem seit langem vertrauten Ehepartner oder einem lebenslänglich besten Freund oder Schutzengel oder „Leibarzt“ oder „Hirte“ verstehen. Jeder Einzelne davon ist zu seiner Zeit überlebensnotwendig. Denn kaum je sind wir allein zu Hause, für jeden Menschen gibt es einen Kreis der engsten Vertrauten. Es gibt nicht das krasse Gegenüber „ich“ und „die Menschheit“. Gott ist die Summe dieser vertrauten Helfer. In ihnen und durch sie wirkt Gott am meisten zu unseren Gunsten. Die Basis ist die Vertrautheit und mit ihr das bleibende Geheimnis (gerade Ps 139,6.14.17 betont das), das aber für uns, nicht gegen uns wirkt. Denn es ist eben nicht „neutral“.

Noch zwei weitere, miteinander verschränkte Erfahrungen bilden die Grundlage für die Rede von Gottes Allwissenheit: die Sonne und das Königtum/der weise Herrscher. Den Hymnen des Alten Ägyptens verdanken wir die „solaren“ (das heißt, auf die Sonne bezogenen) Elemente des Gottesbildes. Denn Gott leuchtet mit der Sonne in der Hand beziehungsweise als Sonne dort hinein, wo Dunkel herrscht, also in die Schluchten und die Abgründe des Totenreichs. Und als Lichtbringer deckt er Verborgenes auf, all das, was sonst verborgen ist wie zum Beispiel das Herz. Als der, der Licht in alles bringt, ist er auch der Richter. Es ist so wie wenn Gott durch sein Licht Ultraschall, Röntgen und Bodyscanning vorweggenommen hätte (auch diese sind ja Licht). Aber dieses Licht bedeutet nicht nur Zuwachs für Gottes Wissen, Gott teilt dieses Wissen auch seinen „Freunden“ mit. Deshalb bedeutet Gottes Wissen für ihn nicht nur Zuwachs an Erkenntnis, sondern da andere an diesem Licht teilhaben können, bedeutet es, Gott als pro-existent (für andere) zu erkennen, wenn er andere damit erleuchtet, zum Beispiel den Propheten durch Mitteilung der Herzenserkenntnis, vgl. Joh 4,19.

Vor allem aber bestimmt die Sonne die Zeit und den Kalender. Sie trägt beides „in sich“. So zählt Gott bei allem, was lebt, die Monate der Schwangerschaft und kennt die Gebärzeit (Hiob 39,2). Denn Gott kennt die Zeitalter und die Perioden. Die Sonne bestimmt Stunden und Tage, Monate und Jahre, Weltenjahre und Jubiläen (7 mal 7 Jahre). Dabei sind zeitliche Dauer und Inhalt dieser Dauer in der Zeit untrennbar. Insofern ist die Sonne die Schicksalsmacht schlechthin. Und weil Gott – wie eben die Sonne – der Herr der Zeiten ist, weiß er auch, dass Macht nur eine Frage der Zeit ist. Deshalb sagt die Bibel auch, dass Gott die Herrscher ein- und absetzt, denn sie weiß um die Koexistenz von Macht und zeitlicher Dauer. Hier liegt auch der Ursprung der sogenannten Apokalyptik: Ihr Thema ist die Abfolge der Herrscher und Reiche in der Zeit. Und Gott, der Allwissende, ist der Ursprung, der Maßstab, der Enthüller alles Wissenswerten, weil Gottes Licht alles durchdringt. Die riesige Bedeutung der Zahl im Kalender, in der Astronomie und auch in der ApkJoh ist dessen Ausdruck. Als Herr der Zeiten ist Gott auch Herr der Zahlen. Noch im Mittelalter wird die Zeit nach Indiktionen gerechnet, das heißt, nach der zu je 15 Jahren gebündelten Herrschaftszeit eines Regenten. Alle ägyptischen Könige, bis zum spätägyptischen Töpferorakel kommen alle Könige von der Sonne. So auch Christus, die Sonne der Gerechtigkeit. Und das Fest der unbesiegten Sonne ist der 25. Dezember.

Bis in die mittelalterlichen Daniel-Apokalypsen hinein ist es Merkmal dieser Gattung, die verschiedenen erwartbaren Herrscher aufzulisten. Seit Daniel 2 und 7 besteht Apokalyptik darin, die Weltreiche in ihrem Nacheinander und am Schluss Gottes Reich anzunehmen. In der Offenbarung des Johannes ist das letzte dieser Reiche das himmlische Jerusalem, von dem Dominikaner Tomaso Campanella (1623) mit gutem Grund „Civitas Solis“ (Sonnenstadt) genannt. Ein orientalischer Spruch lautet: Gott setzt nie ein Siegel auf ein weißes Blatt. Das heißt: Alle Offenbarung ist Teilhabe an Gottes Wissen, Logos und „Wort“. Im Falle des Apokalyptischen Sehers: Teilhabe an dem, was Gott als Abfolge der Zeiten und Reiche bestimmt.

Wenn Gottes Allwissenheit Herrschaftswissen ist, dann bestätigt sich die Inschrift auf der alten deutschen Kaiserkrone (Wien), die Christus, die Weisheit Gottes, zeigt mit der Beschriftung „Durch mich regieren die Könige“. Die elementarsten Grundsätze zeigt Dan 2: Wissen, dass Gott die Könige einsetzt und dass sie in der Macht Gottes ihre Grenze haben. Gottes Wissen ist daher das Licht seiner Regierungskunst.

Und wie die Sonne über Völker und Reichen aufgeht, so hat auch Gott alle diese im Blick. Die Orientierung an der Sonne ist daher die Wurzel des biblischen Universalismus (bis hin zu Mt 5,45). Wenn aber die Könige mehr von Gott wüssten, hätten sie eine Ahnung davon, dass Gott sie einsetzt (Dan 5,21) und ihre Macht und Dauer begrenzt (Dan 2,28). So weiß auch Gott, was „hinter der Gegenwart“ (Kl. Koch) sich begeben wird, in der Abfolge der Reiche bis zu ihrem Ende. Es geht daher nicht um eine die Freiheit raubende Prädestination, sondern um den solar begründeten Wechsel der Perioden und Epochen.

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