Mit der Seele singen

Die Gesänge spiegeln den heilenden Raum des Gebetes wider: Josef Gabriel Rheinbergers Marianische Hymnen. Von Barbara Stühlmeyer

Es sind tönende Zeugnisse einer intensiven, von zarter Zuwendung ebenso wie von starken Emotionen geprägten Beziehung zur Gottesmutter: die sechs Marianischen Hymnen von Josef Gabriel Rheinber-ger. Konzipiert für Klavier oder Orgel und ein bis drei Frauenstimmen vermitteln sie einen Höreindruck der im München in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gepflegten Marienverehrung. Denn Rheinberger, der am 17. März 1839 in Vaduz in Liechtenstein geboren wurde und vor 115 Jahren, am 25. November 1901, in München starb, war kein in einem fernen Elfenbeinturm wohnender, allein seiner Kunst frönender Tonsetzer, sondern ein Komponist, der vor allem seine zahlreichen kirchenmusikalischen Werke anlassbezogen schrieb und den Gemeinden gewissermaßen auf den Klangleib schneiderte. Da das Singen des Glaubens sich zur Zeit Rheinbergers keineswegs nur in den Kirchen, sondern auch im Familienkreis im heimischen Wohnzimmer oder zu halböffentlichen gesellschaftlichen Anlässen in den Salons vollzog, edierte er von den Marianischen Hymnen Opus 171, die zwischen 1889 und 1892 entstanden, je eine Fassung des Ave Maria, Alma Redemptoris, Salve Regina, Ave Maria stella, Regina coeli und Ave Regina für Orgel, die im Gottesdienst erklang und für Klavier für den marianischen Lobpreis zuhause. Dass die Werke Rheinbergers den Zeitgeschmack trafen – die Caecilianer waren wohl mehr oder weniger die einzigen, die seine Musik nicht zu würdigen wussten und sich strikt weigerten, die klangschönen Werke des Wahlmüncheners in den Katalog der aus ihrer Sicht approbationswürdigen, da einzig am Stil Palestrinas, der altklassischen Vokalpolyphonie orientierten kirchlichen Musikwerke aufzunehmen, was die Rezeption der Musik Rheinbergers aber nicht behinderte – zeigt sich in der Tatsache, dass sein Verleger von Anfang an eine zweite, englische Textfassung erstellen ließ, um die Marianischen Hymnen auch auf dem englischen und amerikanischen Markt verkaufen zu können.

Fürbitten in die Hände der Gottesmutter

Die melodische und klangliche Gestaltung der Gesänge spiegelt die Atmosphäre des sich in der Seele entfaltenden, heilenden Raumes des Gebetes wider, in dem die Menschen ihre Anliegen in die fürbittenden Hände der Gottesmutter legen können.

Die Marianischen Hymnen sind nicht die einzigen an Maria gerichteten klingenden Gebete. Auch die zwischen 1865 und 1867 für Rheinbergers Frau Fanny, eine seiner Schülerinnen und selbst Dichterin, die zahlreiche Texte für Kompositionen ihres Mannes schreiben würde, komponierten und 1871 veröffentlichten Vier Hymnen beinhalten ein Ave Maria, ebenso wie die sechs zweistimmigen Hymnen; auch sie, wie die Marianischen Hymnen und die Vier Hymnen sowohl mit Klavier als auch mit Orgel darstellbar, besingen in zwei Hymnen, dem Salve Regina und dem Ave Maria stella, die Mutter Jesu.

Stilistisch schulte Rheinberger, dessen Vater ihm als Schatzmeister des Prinzen Aloys II. von Liechtenstein nach erstem Zögern schon früh eine qualifizierte musikalische Ausbildung am Münchener Konservatorium ermöglicht und dafür gesorgt hatte, dass er seine Fähigkeiten bereits im Alter von sieben Jahren als Organist an der Pfarrkirche von Vaduz in das Gemeindeleben einbrachte, seine Tonsprache sowohl an den Werken zeitgenössischer Komponisten wie Brahms, aber auch an denen Mendelssohns, Schumanns, Schuberts und Bachs, den er sehr schätzte. Durch seine Tätigkeit als königlicher Professor für Orgel, Klavier und Komposition, Hofkapellmeister und Organist an St. Michael in München setzte Rheinberger sich, nicht zuletzt durch die internationale Riege seiner Schüler, zu denen Luise Adolpha Le Beau, Max Bruch, Sophie Menter, Engelbert Humperdinck, Ermanno Wolf Ferrari, Richard Strass, Wilhelm Furtwängler, Horatio Parker und George Chadwick gehörten, je neu mit den musikalischen Strömungen seiner Zeit auseinander. Sein kirchenmusikalisches Werk umfasst Kantaten, 14 Messen, darunter eine für Doppelchor, drei Requien, zwei Stabat Mater, Christophorus, ein selten gewählten Thema für ein Oratorium, zu dem Josef Gabriel Rheinbergs Frau Fanny den Text schrieb, zahlreiche Hymnen und Lieder, 20 Orgelsonaten – eigentlich hatte Rheinberger 24 Sonaten in allen Tonarten geplant –, zwei Orgelkonzerte, Fugetten, Monologe, Meditationen, Präludien, Trios und Charakterstücke für Orgel und Orgel plus.

Einer der profiliertesten Orgelkomponisten

Durch seine Orgelwerke gilt Rheinberger international als profiliertester Orgelkomponist seit Felix Mendelssohn Bartholdy. Als Komponist wirkte Rheinberger auf zwei Ebenen. Zum einen schrieb er für die kirchenmusikalische Praxis in den Gemeinden, in denen er als Musiker tätig war, zum anderen reagierte er auf Kompositionsaufträge von Verlegern, einzelnen Musikern oder Ensembles. Da er zeitweise als Repetitor am Münchener Theater gearbeitet und unter anderem die Uraufführung von Richard Wagners Oper Tristan mit vorbereitet hatte, entstanden auch zwei Opern, drei Singspiele und zwei Schauspielmusiken, darüber hinaus ein umfangreiches Oeuvre an konzertanter Musik für Orchester, kleinere Streichergruppen, Klavier und Soloinstrumente.

Als Antipode des Caecilianismus, dessen Rückbesinnung auf den gregorianischen Choral und die Kompositionstechnik Palestrinas letztlich in rückwärtsgewandter Mittelmäßigkeit erstarrte, weil ihm der lebendige Kontakt zur zeitgenössischen Musik abhandengekommen war, wirkte Rheinberger beispielhaft durch seine tiefe Verwurzelung im Glauben, seinen Sinn für dessen klingenden Ausdruck und seine Offenheit für den Austausch mit den inspirierenden Strömungen seiner Gegenwart. Durch seinen ersten Münchener Lehrer, den evangelischen Organisten Johann Georg Herzog, mit dem Rheinberger eine lebenslange Freundschaft verband, wurden seine Werke auch von evangelischen Kirchenmusikern rezipiert.

Rheinberger wurde im Laufe seines Lebens für sein Wirken mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Ludwig Maximilians-Universität München, das Komturkreuz des Verdienstordens der Bayerischen Krone und das Ritterkreuz des päpstlichen Gregoriusordens.

Die Marianischen Hymnen sind auf der beim Label Carus erschienenen CD Josef Gabriel Rheinberger, Ave Maria, Musica sacra X nachzuhören. Es singen und spielen Lydia Teuschner, Christine Müller, Annette Markert und Kay Johannsen.

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