Der gütige Gott ist zuerst der segnende

Wie ist Gott? Der Heilige und seine Präsenz in dieser Welt – „Tagespost“-Serie zum Heiligen Jahr (Teil VI). Von Klaus Berger

Gottvater segnet Schöpfung/ Frz. Buchmalerei, 13. Jh. - -
Gottvater segnet die Schöpfung. Französische Buchmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Ausschnitt aus einer Initiale mit Szen... Foto: dpa

Gütig ist einer, der schenkt, barmherzig einer, der vergibt, der mich gegen alle Widerstände annimmt. Der gütige Gott ist zuerst der segnende Gott. In diesem Sinne lautet eines der alten ostkirchlichen Segensgebete: „Herr, du willst uns das Leben nicht nehmen, sondern willst es verwandeln. Du hast uns geschaffen mit deinem Wort, segne uns mit deinem Wort, dass der Tod keine Macht über uns habe. Und deine heiligen Engel mögen uns geleiten auf dem Weg des Friedens.“

Was geschieht da eigentlich, wenn Gott uns segnet? Anfangshafte Verwandlung, Beginn einer kräftigeren Schöpfung. Die Bibel denkt und sagt es so, dass Gott segnend seine Arme oder Hände über uns breitet. Oder dass er sein Angesicht über uns leuchten lässt.

Ein sprachliches Netz der besonderen Art

Und beides, Segnen und Danken, ist dieselbe Art von Kommunikation. Von oben nach unten und von unten nach oben. Ein sprachliches Netz besonderer Art. Wir bekommen eine Nachricht und bestätigen den Empfang mit einer Rückantwort. Gott und Mensch verkehren daher miteinander in einem besonderen sprachlichen Netz. Freilich ist diese Kommunikation nicht nur Mitteilung oder small talk, sondern ein Stück Paradies. Denn beim Segnen oder Danken können Worte noch das schaffen, was sie sagen. Sie sind nicht leer, sondern gefüllt mit Kraft zur Veränderung. Wenn Gott uns segnet, sind wir danach nicht mehr dieselben. Segnen ist eine geheime Kraft, die Leben fördert, Fortsetzung der Schöpfungsworte Gottes, der Grund dafür, dass es überhaupt weitergeht.

Erntedank geht auf den Segen. Früher zog man singend und betend durch die Felder, um Gottes Segen für das zu erbitten, von dem man lebte. Warum tut man das eigentlich nicht mehr? Wenn man heute wissen will, was Segen ist, muss man ein wenig in den Büchern blättern, die vorne am Kircheneingang in der Nähe der Kerzen liegen, die Leute beim Kirchenbesuch anstecken. In den letzten Ferien fand ich besonders bewegend ein Eintrag einer jungen Mutter: „Lieber Gott, hier auf der Insel hat sich vor drei Jahren das Kind im meinem Bauch zum ersten Mal bewegt. Als es geboren wurde, hat es uns bald wieder verlassen, es hat nicht lange gelebt. Aber heute sind wir wieder hier mit zwei gesunden Jungen. Wir danken dir für deinen Segen und denken auch an das erste Kind.“ Wenn wir wissen wollen, was Segen ist, müssen wir in unsere Familiengeschichten gucken. So wie die Menschen gerade mit den alltäglichsten ihrer Sorgen in das Heiligtum, zu einem alten Kreuz kommen, zu einer Pieta. Wie die evangelische Mutter eines evangelischen Freundes immer dann, wenn sie Kummer hatte mit ihren Söhnen oder danken wollte für Examina und Geburten, zur alten Pieta ging, die die Mutter Maria mit dem toten Sohn auf dem Schoß zeigt, und eine Kerze aufsteckte.

Weil Gott nicht die Welt geschaffen hat, um das Leben zu nehmen, sondern um es in Fülle zu geben. Oder es durch sein Segenswort zu verwandeln. Die Fülle der Blüten im Frühling, die Fülle der Früchte im Herbst bei den nicht abgeernteten Bäumen, sie tragen die Handschrift Gottes. Manchmal ist es auch Leid in Fülle, das Gott uns zumutet. In beiden Fällen werden wir reicher, wenn wir zum Kreuz aufblicken. Wer danken kann, freut sich doppelt, wer Leiden teilen kann, muss nur die Hälfte tragen. Die Welt ist anders, wenn wir sie in Freude oder Klage, in Dank oder Anfrage in Sprache zu gießen. Oder vielmehr: Nicht die Welt ist dann anders, sondern wir selber.

Und so ist es auch beim Danken. Wer dankt, ist danach nicht mehr derselbe. Mein alter Lehrer, der einen Krebs an der Bauchspeicheldrüse hinter sich hat, bei dem nur zwanzig Prozent überleben, sagte mir nach seiner Krankheit: Dankbar lebt es sich besser. Ich muss gestehen, dass auch ich – besonders nach der Pensionierung im Frühjahr dieses Jahres – damit beginne, die Minuten und Stunden auszukosten, die sorgenfrei geschenkt werden. Dank verwandelt, Dank lässt uns neu und anders werden. Und nach allem, was wir ahnen können, beginnt gerade so die Erneuerung der Schöpfung. Der große Segen, den Gott noch vorhat.

Von irgendwoher hört man es in der Grundschulzeit, dass man im Himmel dereinst immerzu Halleluja singen müsse. Das ist allzu schlicht gedacht. Und für Unmusikalische wie mich eher abstoßend. Aber vielleicht ist doch etwas davon wahr. Aber vielleicht liegt die Bedeutung noch tiefer: „Wir danken dir, weil du so herrlich bist!“

Wie kann ein gütiger Gott so viel Leid zulassen?

Die ersten Jahre meiner Lehre an der Fakultät in Heidelberg durfte ich mein Dienstzimmer mit einem jüdischen Rabbi teilen, Max Maier Sprecher, einer von denen, die Auschwitz überlebt hatten. Als ich ihn einmal fragte, ob ihm sein Schicksal und das seiner ganzen Familie, die insgesamt vergast worden war, nichts ausmache, sagte er: Solange die Sonne aufgeht, der Mond scheint und die Sterne leuchten, ist die Welt noch in Ordnung. Und im Lichte des Satzes „Wir danken dir, weil du so herrlich bist!“ wollte Herr Sprecher wohl sagen: Jeden Tag bei Sonnenaufgang und wenn der Mond sich zeigt, kann ich über Gottes Herrlichkeit staunen. Seine Herrlichkeit, die ich sehen kann, gibt meinem Leben einen Sinn. Im Bild: Nach oben blicken und nicht nach unten oder hinten.

Viele fragen: Wie kann ein gütiger Gott so viel Leid zulassen? Die Antwort gibt Hiob: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Der Name des Herrn sei gelobt. Denn Gottes Herrlichkeit, für die wir Gott loben, erfahren wir zuerst als seine Güte.

Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter, für den Schnee und den Wind, den Vogelflug und das Gras. Für die Luft, die wir geatmet haben und den Blick auf die Sterne, die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen. Bitte die Rechnung. Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht. „Ich habe euch eingeladen“, sagt der und lacht, soweit die Erde reicht. „Es war mir ein Vergnügen!“

Rückblick