Mit geistlicher Musik das Unendliche spüren

Klangdialog über Jahrhunderte hinweg – Die „Toccata sopra Alleluja“ des Tonkünstlers und Grenzgängers Enjott Schneider. Von Barbara Stühlmeyer

Deckenfresken der Stiftsbasilika St. Florian, wo die „Toccata sopra Alleluja“ zur Aufführung kam. Foto: IN

Enjott Schneider, im letzten Jahr 65 Jahre jung geworden, ist einer der profiliertesten Komponisten der Gegenwart. Als Komponist, Musikwissenschaftler und Hochschullehrer ist er auf allen Ebenen am Puls der Zeit. Sein kompositorisches Spektrum ist immens und umfasst Messkompositionen ebenso wie Orgelsinfonien, Filmmusik, Bühnen- und Orchesterwerke. Schneider ist Multiinstrumentalist, er lernte bereits in seiner Jugend Violine, Klavier, Akkordeon, Trompete und Orgel und trat mit 19 seine erste Kirchenmusikerstelle an.

Musik ist für Schneider eine Sprache jenseits von Worten, Begriffen und sogar konkreten Gehalten. Sie ist vielmehr ein Medium, mit dessen Hilfe Unsagbares Ausdruck findet und Unsichtbares hörbar gemacht werden kann. Das ist unmöglich? Ganz im Gegenteil, denn Licht- und Klangwellen werden zwar getrennt wahrgenommen, sind aber an ihren Wurzeln untrennbar miteinander verbunden, wie die Erfahrung visionär begabter Menschen wie Hildegard von Bingen zeigt, in deren Erleben sich die Schau des lebendigen Lichts mit auditiven Elementen verband. Schneiders Musikverständnis fokussiert genau diesen Punkt, Musik als Medium erfahrbar zu machen, mit dessen Hilfe die Rückbindung an die ganz heile Wirklichkeit gelingt, die Berührung mit archaischen, auch archetypischen inneren Welten, jenem tiefsten unzerstörbaren Persönlichkeitskern, in dem die Gottesbegegnung sich konkretisiert.

Weil Schneider auf den ureigenen Klang der Dinge hört und einen Blick hinter die sichtbaren Oberflächen wagt, ist das Komponieren von sakraler Musik oder von Filmmusik eng miteinander verwandt. Immer geht es darum, zum Kern dessen, was ausgesagt werden will, vorzudringen, ihn klangliche Gestalt annehmen zu lassen. Ob dabei ein Psalmvers ein adäquates Klanggewand erhält, dessen tönender Facettenreichtum die Mehrdimensionalität seiner Aussage zum Schwingen bringt oder einer filmischen Sequenz emotionale Ausdruckstiefe verliehen wird, ist für den Musikschaffenden zwar nicht unerheblich. Jedoch fordert beides dieselbe Intensität der Beschäftigung mit der Materie, dieselbe Empathiefähigkeit, dieselbe auditive Vorstellungskraft und dasselbe technische Können.

Musik zu schaffen bedeutet für Schneider den Eintritt ins Mysterium, ins Bestürzende, Entgrenzende, Nichtalltägliche, Erhabene. Entgrenzung bewirkt beim Komponisten ebenso wie beim Hörenden eine Öffnung, die Möglichkeit in das Wesen der Dinge hineinzuhören und zu schauen. Durch das breite Spektrum seines Wirkens – er komponierte die Filmmusik für „Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“, „Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen“, „Staufenberg“, „Moppel-Ich“ und „Der Froschkönig“, aber auch „Baum-Bilder“, eine Klangwerdung des keltischen Baumkalenders, und 14 Orgelsinfonien – ist Schneider ein Netzwerker, der scheinbar getrennte Welten durch Klangfäden miteinander verknüpft. Schneiders Toccata sopra Alleluja für Orgel solo entstand im Jahr 2006 im Rahmen eines Kompositionsauftrages der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg, für die Schneider auch sein Offertorium „Perfice gressus meos“ für Orgel schuf. Die inspirierende Idee der Auftraggeber war, renommierte Komponisten zeitgenössischer Sakralmusik mit der Gregorianik ins Gespräch zu bringen, jenem Schatz der Kirchenmusik, der gemäß der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils den Referenzpunkt für jegliches neue Schaffen bilden sollte. Die Toccata basiert thematisch auf dem Alleluia „Qui timet Dominum speret in eo“ und lebt dem Stilprinzip ihrer Gattung entsprechend von reichem, virtuosem Laufwerk, vermittels dessen sich die angezielten Klangräume im Stil französischer Orgelmusik entfalten.

Die Toccata entspricht präzise dem Wunsch des Konzils, aus dem Schatz der Kirchenmusik Altes und Neues hervorzuholen und den Gregorianischen Choral bei der Entstehung neuer kirchenmusikalischer Werke zum Maßstab zu machen und wurde im Rahmen der Akademietage Regensburg, in deren Auftrag sie entstanden ist, von Stefan Baier, dem Widmungsträger des Werkes, uraufgeführt. Wenn Enjott Schneider Gregorianik und zeitgenössische Orgelmusik miteinander ins Gespräch bringt, will er durch die so entstehende Synthese zugleich auch tiefere Sinnschichten erschließen. Musik als Religio ist für den Komponisten, wie er sagt, untrennbar mit der „Rückanbindung (von religare=rückanbinden) des Menschen an die Ganzheit der Welt, an die Natur, Schöpfung, an vergessene Schichten als einer Führung nach Innen, – weg von fassadenhaft leerem Außen“ verbunden. Gemäß dem Diktum von Thomas Morus: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht Anbetung der Asche“ möchte er vielmehr die nonverbale Kraft der Musik als Hilfe anbieten, damit der Mensch zu sich nach Hause kommen, oder, wie Papst Gregor der Große es vom Heiligen Benedikt sagte, bei sich wohnen kann. Musik umhüllt das Wort Gottes nicht nur so, dass sich tiefere Sinnschichten vermitteln, sie vermag einen Raum zu schaffen, in dem Transzendenzerfahrung möglich wird, „Eintritt ins Nichtalltägliche als dem Erhabenen, Mysterium, Eintritt ins Unbekannte und Bestürzende, Eintritt ins Innere eines Menschen oder in mein Inneres, in meine Seele. Das sind genau die Orte, wo auch nach theologischer Darstellung Gott am ehesten zu finden ist!“, wie der Komponist sagt. Die Wirkung geistlicher Musik vergleicht Schneider mit dem Eintreten in eine Kathedrale, in der der Mensch im Raum des Erhabenen klein werden und den Hauch der Unendlichkeit spüren kann. Gute liturgische Musik kann die geistlichen Sinne wecken, einen Raum schaffen, in dem das Wort Gottes ganzheitlich wahr- und angenommen werden kann. Die Voraussetzung für die Entstehung solcher Musik ist Erfahrung, in diesem Fall Gotteserfahrung.

Schneiders Kompositionen sind besonders geeignet, heilend heiligende Erfahrungsräume zu schaffen. Immer wieder widmet sich der Tonkünstler spirituellen Themen. Ob er wie in „So ich mich selber lese“ drei Meditationen von Jakob Böhme für hohe Singstimme und Orgel vertont, in „Symphonialis est anima …vom Gestimmtsein des Herzens“ Hildegardtexte für Frauenstimmen, Violoncello und Percussion komponiert oder in „Drei biblische Geschichten für Erzähler und Orgel“ die Erzählungen von der Arche Noah, der Auferweckung des Lazarus und von David und Goliath eindringlich nahebringt, immer geht es darum, den Zuhörer mit seinen Seelentiefen in Kontakt zu bringen, ihn zu berühren oder zu erschüttern.

Die „Toccata sopra Alleluja“ ist auf der CD Enjott Schneider – Sacred Music Volume 4, erschienen beim Label Ambiente, zu hören. Es spielt Jürgen Geiger an der Bruckner Orgel der Stiftsbasilika St. Florian.

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