Spielraum für Innovation

Er wollte geistliche Musik komponieren, die liturgiegerecht ist: Die „Würzburger Dommesse“ und Messvertonungen von Berthold Hummel. Von Barbara Stühlmeyer

Berthold Hummel achtete penibel auf den Verkündigungsauftrag der Kirchenmusik und motivierte auch Kollegen zu geistliche... Foto: IN

Messen gehören zu den Kompositionen, die in der zeitgenössischen Musik eher selten entstehen. Im Unterschied zu den vielen Jahrhunderten der Kirchenmusikgeschichte, in denen die Auseinandersetzung mit dieser zentralen Gattung für jeden Komponisten eine Art heilige Pflicht war, scheuten und scheuen sich die Tonsetzer der Moderne, zeitgemäße Klanggewänder für das Ordinarium missae zu weben.

Zwei Gründe sind maßgeblich für die Zurückhaltung gegenüber Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. Zum einen besteht nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die berechtigte Erwartung, dass eine Messkomposition in ihrer zeitlichen Ausdehnung dem Rahmen der Eucharistiefeier entspricht. Die Auseinandersetzung zwischen Liturgen und Kirchenmusikern um liturgiegerechte Kompositionen sind allerdings kein Sonderthema, das nur nach der Liturgiereform diskutiert wurde. Wie ein Vergleich der „Missa in labore Requies“ von Muffat, die eine Dreiviertelstunde Aufführungsdauer beansprucht und Wolfgang Amadeus Mozarts Krönungsmesse, die mit einer knappen halben Stunde auskommt zeigt, wirkten sich entsprechende, im Falle Mozarts von seinem Salzburger Bischof Hieronymus Colloredo formulierte Vorgaben zwar auf die Dauer, nicht aber auf die Qualität der Komposition aus. Dennoch ist unbestreitbar, dass die nach 1965 neu erhobenen Forderungen nach Kürze und Liturgiegerechtigkeit die Auseinandersetzung der Komponisten mit den Texten des Ordinariums nicht gerade förderte. Auch der langjährige Präsident der Hochschule für Musik in Würzburg, Berthold Hummel, musste sich immer wieder mit der Kritik seiner Komponistenkollegen auseinandersetzen, weil er sich im Widerspruch zum alleinseligmachenden l'art pour l'art-Prinzip mit der Form der Messe beschäftigte, was man ihm umso übler nahm, als Hummel als Tonsetzer mehrfach gezeigt hatte, dass er auch in anderen Gattungen großes leisten konnte.

Hummels Entscheidung, sich der Her-ausforderung zu stellen, liturgiegerechte Messen zu schaffen, galt nicht nur im Hinblick auf die angemessene Länge, sondern auch auf die Forderung, die Gemeinde am Gesang des Ordinariums zu beteiligen. Dass sich unter Berthold Hummels geistlichen Vokalwerken fünf Messen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades finden, hat mit der Überzeugung des Komponisten zu tun, zum Gotteslob berufen zu sein. Aber der Tonsetzer wollte auch zeigen, dass es sich gerade bei dieser Gattung um echte neue Musik handelt, die den Vergleich mit anderen Werken nicht zu scheuen braucht. Hummel ließ seine Messkompositionen deshalb nicht nur in der Liturgie erklingen, er stellte sie, wie seine 1951 entstandene, an der Tonsprache der Gregorianik orientierte, in Modaltechnik komponierte und im Rückgriff auf die mittelalterliche Musikpraxis bewusst holzschnittartig konzipierte Missa brevis op 5a für gemischten Chor und acht Bläser, die im Rahmen der Donaueschinger Musiktage für zeitgenössische Tonkunst aufgeführt wurde, ganz bewusst auch in den Kontext der Wettbewerbe Neuer Musik und signalisierte so den Wert, den er dieser Gattung beimaß.

Das Engagement Hummels richtete sich gegen eine schmerzlich empfundene Mittelmäßigkeit in der Gebrauchsmusik nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die im Gegensatz zum Verständnis der Liturgie als Gipfel und Quelle unseres Tuns steht. Aus diesem Grund komponierte er nicht nur selbst immer wieder geistliche Werke, sondern versuchte auch, andere dazu zu motivieren. Bereits 1957 reagierte Hummel, der zu dieser Zeit als Kantor der Gemeinde St. Konrad in Freiburg im Breisgau wirkte, geradezu seismographisch auf die wenige Jahre später formulierte Liturgiekonstitution und schuf eine Missa Brevis für Vorsänger, einstimmigen Chor, Gemeinde und Orgel, die er 1975 zu einer zweistimmigen Fassung erweiterte, die von der neu gegründeten Mädchenkantorei des Würzburger Doms uraufgeführt wurde. Hummel achtet penibel auf den Verkündigungsauftrag der Kirchenmusik und orientiert sich bei der Vertonung am Wortakzent. Zudem ist die Missa brevis Opus 18c ein ideales Werk, um Kinder und Jugendliche an Messvertonungen heranzuführen und mit einer Länge von zwölf Minuten mehr als liturgiegerecht. Schon ein Jahr später entstand im Blick auf die Freiburger Studentengemeinde die auch von Laienchören gut realisierbare kurze und prägnante „Missa in cantabo Domini“ op 16, bei der Hummel wie so oft auf die Techniken mittelalterlicher Messkompositionen zurückgreift, im Gloria eine choralartige Melodie mit homophonen Blöcken verbindet oder im psalmodisch rezitierten Credo-Text in drei die göttliche Dreifaltigkeit symbolisierende modale Akkordmuster einbindet, im Sanctus die Berührung von Himmel und Erde durch die Abwechslung kanonisch geführter und homophoner Abschnitte in Klang setzt und die Bitten des Agnus Dei sich in der sukzessiven Steigerung der Tonhöhe intensivieren lässt. Auch in der Würzburger Dommesse mit ihrer Konzeption für Sopran- und Bariton Solo, Chor und Orchester bezieht Berthold Hummel die Gemeinde mit ein. Von dieser 25 Minuten dauernden und 1967 im Würzburger Kiliansdom anlässlich des Wiederaufbaus uraufgeführten Messe existiert eine Alternativfassung mit kleinerer Instrumentalbesetzung, die eine Realisierung auch in weniger gut ausgestatteten kirchenmusikalischen Verhältnissen ermöglicht. Die Texte sind deutschsprachig – eine frühe Reaktion auf die Ermöglichung der Verwendung der Volkssprachen durch die Liturgiekonstitution und zugleich eine Anknüpfung an die Tradition der im Bistum Würzburg an den Hochfesten gesungenen „Deutschen Messe“.

1996 kam Hummel ein weiteres Mal auf die für ihn so wichtige Gattung der Messe zurück. Mit der „Missa laudate pueri“ op 98b konzipierte er ein 2002 für das Internationale Chortreffen Pueri Cantores in Salzburg überarbeitetes opulentes Werk für Kantor, Chor, Gemeinde, 16 Bläser, Schlagzeug und drei Orgeln. Es ist bemerkenswert, dass Hummel nie von dem Konzept abwich, die Gemeinde in die Realisierung neuer Messvertonungen einzubeziehen. Ein ausgezeichnetes Konzept, denn natürlich ist das gemeinsame Singen der Ordinariumstexte durch Gemeinde, Chor und Solisten eine besonders sinnvolle und schöne Form der participatio actuosa.

Zum Nachhören der „Würzburger Dommesse“ gibt es einen Mitschnitt der Uraufführung aus dem Jahr 1967. Leiter der Liturgie und Prediger ist Julius Kardinal Döpfner. Es singen und spielen der Domchor, die Domsinggknaben, die Domgemeinde und das Städtische Philharmonische Orchester Würzburg unter der Leitung von Domkapellmeister Franz Fleckenstein. Die zurzeit vergriffene CD ist beim Label Calig (CAL 30330) erschienen. Erhältlich ist die Einspielung der Missa „Cantabo Domino“ op. 16, der „Missa brevis“, op. 5 und der „Missa brevis“ op 18c beim Label Conventus Musicus (CM 103). Es musizieren die Domsingknaben, die Mädchenkantorei, der Domchor, Paul Damjakob, Gregor Frede und Wolfgang Schneider unter der Leitung von Siegfried Koesler.

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