Der saubere Kanal zum Himmel

Warum Beichten wie eine geistliche Gegenoffensive zur geistigen Umweltverschmutzung der Gegenwart ist. Von Karin Fenbert

Karin Fenbert, Geschäftsführerin Kirche in Not – Deutschland. Foto: Archiv

Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. (Matthäus 5, 8)

Ältere Katechismen beginnen mit der Frage „Wozu sind wir auf Erden?“ und antworten „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ – Gott zu lieben ist einerseits Einübung auf das Leben, das uns nach dem Tod erwartet, nämlich eine ewige Liebesgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott. Andererseits bringt dieses Streben, Gott zu lieben und zu dienen, eine gute Kultur hervor, wie man noch immer am christlichen Abendland ablesen kann. Aus der Sicht einiger chinesischer Wissenschaftler war Europa deshalb so lange erfolgreich, weil das Christentum Grundlage der Kultur war.

Wahre Liebesbeziehungen verlangen Aufrichtigkeit. Papst Franziskus hat schon wiederholt geraten, Ehepaare sollten sich vor dem Lichtlöschen versöhnen. Je mehr ich jemanden liebe, umso weniger halte ich es aus, wenn etwas zwischen uns steht. Bei der Beziehung mit Gott ist es ähnlich.

Nicht nur Freundschaften verlangen Aufrichtigkeit, sondern auch wirtschaftliche Beziehungen. Weil das Vertrauen in die Aufrichtigkeit des Anderen abgenommen hat, sind heute oft detaillierte und komplizierte vertragliche Regelungen notwendig, um ein Geschäft abzuschließen. Auf einen Handschlag verlässt man sich nicht mehr.

Unaufrichtigkeit führt in unserer Gesellschaft dazu, dass kaum mehr „mit offenem Visier“ gekämpft wird. Stattdessen kommt es auf ein gutes „Poker-Face“ an, garniert mit politisch korrekten Aussagen.

Aufrichtigkeit scheint sich nicht mehr auszuzahlen. Im Gegenteil: Der Aufrichtige ist der Dumme. Wie weit man längerfristig damit kommt, kann man allerdings an den letzten Skandalgeschichten der deutschen Autoindustrie ablesen.

Wenn sich heute jemand traut, aufrichtig zu sein, klare und wahrhaftige Stellungnahmen abzugeben, wird das oft wie eine frische Atembrise in einem sonst verpesteten geistigen Klima empfunden. Darum schreit unsere heutige geistige Umweltverschmutzung geradezu nach einer Gegenoffensive der Aufrichtigkeit.

Um mein Leben auf ein tragendes Fundament der Aufrichtigkeit zu stellen, muss ich mich immer wieder um dieses Fundament kümmern. Ein klarer Blick darauf, wer wir sind und wer Gott ist, wird uns in der Vorbereitung auf die Beichte geschenkt. Da wir immer wieder versagen, wird uns spätestens bei der Gewissenserforschung deutlich, dass wir erlösungsbedürftige Geschöpfe sind. Gott, der uns erlöst hat, kommt uns immer wieder entgegen und ist immer bereit, uns zu verzeihen. Mehr noch: Es ist Seine Sehnsucht, uns zu verzeihen und uns in Seine Arme zu schließen. Es tut der Beziehung zu mir selbst und zu Gott gut, in mich zu gehen, mich zu überprüfen, wo ich gegen Gottes Willen verstoßen habe, wo ich selber Gott sein wollte, wo ich gegen die von Gott gewollte Schöpfungsordnung verstoßen habe, wann ich den Mitmenschen unnötig verletzt habe, wie oft ich das Gute, das ich hätte tun können, unterlassen habe …

Wenn ich den Beichtstuhl aufsuche und die Lossprechung von meinen Sünden empfange, hat das nicht nur Auswirkungen auf mich. Als Getaufter bin ich Glied am geheimnisvollen Leib Christi, der die Kirche ist. Wenn es in mir wieder heller wird, dann wird es gleichzeitig auch im Leib Christi wieder heller, und die Kirche ist wieder ein bisschen weniger entstellt durch meine Sünden. Christus in seinem geheimnisvollen Leib wird für Suchende wieder attraktiver.

Die großen europäischen Politiker Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide De Gasperi waren tiefgläubige, praktizierende Katholiken. Als Staatschefs waren sie sich ihrer großen Verantwortung vor Gott, für den Frieden in Europa und das Wohlergehen der Völker bewusst. Sie haben sich immer wieder Kraft in der nahezu täglichen Mitfeier der heiligen Messe geholt, und es ist anzunehmen, dass sie sich immer wieder im Gewissen überprüft haben, ob das, was sie tun, dem entspricht, was Gott von ihnen will. Dieses Verhalten ist ein Vorbild für uns heute. Gerade Menschen, die in der Gesellschaft Verantwortung tragen, sollten als Christen darauf achten, ob das, was sie tun, dem Allgemeinwohl dient. Bei einer regelmäßigen Beichtpraxis werden die „Kanäle nach oben“ immer wieder gereinigt, so dass der Heilige Geist leichter durchkommen kann und die Sinne dafür empfänglich werden, was jetzt gerade von mir verlangt wird.

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Wir werden überschüttet mit Informationen. Wir können viel leichter durch die ganze Welt jetten als noch vor wenigen Jahrzehnten, sind ständiger Reizüberflutung ausgesetzt. Da verliert man leicht den Überblick, was denn im eigenen Leben so alles los war. Ein Beichtrhythmus, der dem heutigen Lebensstil Rechnung trägt, erscheint sinnvoll.

2007 sagte mir ein Bischof in China, dass 50 Prozent seiner sonntäglichen Messbesucher auch jeden Sonntag zur Beichte gehen. Die Katholiken, die seine Bischofskirche besuchen, gehen also ungefähr alle zwei Wochen zur Beichte. Auch vom heiligen Papst Johannes Paul II. sagt man, er habe alle zwei Wochen gebeichtet.

Als die Gründerin von EWTN, Mother Angelica, beginnen konnte, ihr Kloster bei Birmingham (USA) zu bauen und die Bauaufsicht zu führen, meinte sie: „Als ich die Lebensgeschichte der heiligen Teresa von Avila las und dort stand, dass sie täglich zur Beichte ging, konnte ich mir eigentlich nie vorstellen warum. Natürlich weiß man, dass sie fünfzehn Klöster baute, doch selbst da dämmerte es mir nicht, warum sie jeden Tag beichten musste … tja … jetzt weiß ich es!!! An manchen Tagen könnte ich zweimal gehen.“

Nur ein Priester kann uns die Lossprechung von unseren Sünden schenken. Auch darum ist es gut, dass „Kirche in Not“, die ehemalige „Ostpriesterhilfe“, von Anfang an Priester und ihre Ausbildung unterstützt hat. 2015 wurde weltweit jedem zehnten Seminaristen geholfen.

Karin Fenbert, Geschäftsführerin Kirche in Not – Deutschland. Foto: Archiv

Rückblick