Die Überwindung der Selbstbezogenheit

Wer beichtet, muss drei Dimensionen der Sünde unterscheiden – Wie Verhalten, Haltung und Halt zusammenhängen. Von Bischof Stephan Ackermann

Bischof Stephan Ackermann. Foto: IN

Zwei Elemente gehören fest zu meiner eigenen Beichtpraxis: Vor dem Bekenntnis meiner Sünden steht immer das Bekenntnis dessen, was ich seit der letzten Beichte von Gott an Gutem erfahren durfte. Klassisch nennt man das die „Confessio Laudis“, den Lobpreis von Gottes Wohltaten: „Was durfte ich Gutes erleben? Wo hat Gott mich bewahrt? Wo fühlte ich mich von Ihm geführt? Was durfte ich mit Seiner Hilfe vollbringen?“ Das traditionelle Beichtverständnis steht bis heute in der Gefahr, direkt und vor allem auf die eigenen Fehler und Versäumnisse zu schauen. Dann aber kann es passieren, dass wir vor allem wieder um uns selbst kreisen. Gerade das ist aber das Wesen der Sünde: Die Fixierung auf mich selbst. Wir sollen in der Beichte mehr Gott als uns selbst suchen, sagt die Mystikerin Adrienne von Speyr. Deshalb ist es gut, wenn mein Beichtvater die Beichte mit dem Gebet beginnt: „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir die wahre Erkenntnis seiner Barmherzigkeit und deiner Sünden.“ Zuerst also die Erkenntnis von Gottes großem Erbarmen, dann der Blick auf mich selbst.

Das zweite Element, das mir bei der Beichte hilft, ist die Unterscheidung zwischen drei verschiedenen Dimensionen der Sünde: Zunächst zeigt sich die Sünde in meinem konkreten Verhalten. Dieses entspringt aber oft aus bestimmten Haltungen meines Lebens. Schließlich kann es soweit kommen, dass die Sünde zu einem Angriff auf den letzten Halt meines Lebens, auf Gott, wird. Ich habe diese Unterscheidung zwischen Verhalten, Haltungen und Halt beim Jesuitenpater Willi Lambert gelernt, der mir in meiner Studienzeit in Rom geistlicher Begleiter war.

Für gewöhnlich schaut der Beichtende, wenn er sein Gewissen erforscht, darauf, wo er in seinem Verhalten gegen Gottes Gebote und das Evangelium Christi verstoßen hat. Wenn wir aber ein wenig darüber nachdenken, wird uns bald bewusst, dass der Blick, der sich darauf beschränkt, letztlich an der Oberfläche bleibt. Damit sollen die konkret begangenen Fehler und Vergehen keineswegs kleingeredet werden. Sie können furchtbar sein, ja mitunter regelrecht zerstörerisch in ihrer Wirkung auf meine Mitmenschen oder auch auf mich selbst. Dennoch geschehen sie in der Regel nicht im Affekt, sondern wurzeln in bestimmten Haltungen. Mit anderen Worten: Sie bahnen sich an. Sie sind das Ergebnis tieferliegender Einstellungen. Mit den Haltungen sind die inneren Geprägtheiten und Vor-Urteile gemeint, die unser konkretes Reden und Tun bestimmen. Nicht umsonst sagen die Meister des geistlichen Lebens:„Achte auf deine Gedanken, sie sind der Anfang der Tat!“ Aber auch die Haltungen speisen sich aus einer Schicht, die noch tiefer liegt: Sie bildet das Fundament unseres Lebens. In ihr wird sichtbar, aus welcher Wurzel ein Mensch lebt und woraus sich sein Lebensgefühl insgesamt speist. Wer sagen kann: „Ich weiß mich getragen. Ich fühle mich gehalten“, wer gar mit den Psalmen oder dem Propheten sagen darf: „Herr, du bist mein Fels und meine Burg. In dir bin ich verwurzelt“ (Ps 18, 3; Jer 17, 7f), dessen Lebensgefühl wird sich spürbar unterscheiden vom Lebensgefühl eines Menschen, der einen solchen letzten Halt nicht kennt. Wer ohne Halt ist, wird schnell ungehalten, wird leicht haltlos und damit anfälliger für das Böse.

Aber auch der Mensch, der sich spürbar in Gott verwurzelt weiß, ist nicht frei von Gefährdungen. Die Wurzel, aus der ich lebe, muss immer neu gepflegt und genährt werden. Das aber geht nur durch das konkrete Tun, durch beständiges Gebet und die Liebe zum Nächsten, so schwer uns dies oft fallen mag. Mögen wir auch den besten Willen haben, immer schwanken wir hin und her zwischen Gottessuche und Gottesflucht, so hat mir vor kurzem jemand geschrieben. Und ebenso recht hat Kierkegaard, wenn er sagt: „Das ist das Verwirrende mit uns, dass wir zugleich Pharisäer und Zöllner sind.“

Es gab einmal eine Zeit, da hat mich das Jesuswort beklommen gemacht: „Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommt.“ (Mk 4, 22) Doch irgendwann wurde mir klar, dass das „Tageslicht“ Jesu kein gleißendes Licht ist, kein Licht, das bloßstellt. Er, der von sich selbst sagt, dass er das Licht ist (Joh 8, 12), ist nicht die Röntgenröhre, mit der der Allmächtige die Menschen durchleuchtet – auch nicht in der Beichte. Vielmehr ist er das warme Licht, durch das uns die barmherzige Liebe Gottes besucht, wie es im Lobgesang des Benedictus heißt (Lk 1, 78).

Beichten heißt für mich, sich in dieses Licht hineinzustellen. Dieses Licht schenkt mir die „wahre Erkenntnis meiner Sünden“. Denn es gibt mir die Kraft, meine Sünden ehrlich anzuschauen und mich zu ihnen zu bekennen, ohne über sie verzweifeln zu müssen, weil sie so schwerwiegend sind oder weil ich sie vielleicht schon so oft gebeichtet habe und doch immer wieder rückfällig werde. Gott schenkt einen neuen Anfang. Er traut ihn mir zu, und er hilft mir dabei. Das ist das Wunder der Beichte.

 

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