An der Quelle zur Ruhe kommen

Inspirierender Komponist und Organist des Barock: Georg Muffats „Missa in labore requies“. Von Barbara Stühlmeyer

Der Dom St. Stefan in Passau war der Ort der Uraufführung von Georg Muffats „Missa in labore requies“. Foto: IN

Als Georg Muffats „Missa in labore requies“ am Pfingstfest des Jahres 1690 anlässlich der Weihe des neuen Bischofs Johann Philipp Graf Lamberg erstmals erklang, hatte der Musiker einen weiten Weg hinter sich und war vermutlich, ebenso wie sein neuer Dienstherr, froh, in der Feier der Eucharistie Ruhe und Frieden zu finden. Denn Musiker zu sein war im 17. Jahrhundert kein leichtes und sicheres Leben. Ein festes Engagement zu finden, wie es Muffat als Hofkapellmeister an der Passauer Residenz gelang, war ein Glücksfall. Was Muffat dennoch hatte zögern lassen, die ihm in München zu Beginn des Jahres 1690 von Lamberg selbst angebotene Stellung anzunehmen, war vielleicht die damit verbundene Aufgabe des „Edelknaben Hofmeisters“, in der er für die Ausbildung der am Hofe des künftigen Bischofs ausgebildeten jungen Adeligen zuständig war. Lehramtliche Aufgaben als lästig anzusehen hat unter Musikern eine gewisse Tradition; auch Johann Sebastian Bach hatte nichts Eiligeres zu tun, als sich seiner Lehrverpflichtungen schnellstmöglichst zu entledigen, als er die begehrte, aber im Vergleich zu seiner vorherigen Aufgabe schlecht bezahlte Stelle des Thomaskantors annahm. Bach verpflichtete einen anderen Lehrer, um an seiner Stelle den Unterricht zu halten und nahm lieber gut bezahlte Kompositionsaufträge an, die seiner Neigung mehr entgegenkamen.

Die „Missa in labore requies“ komponierte Muffat wahrscheinlich noch in Salzburg. Die fünfchörige Anlage der für 24 Stimmen konzipierten Ordinariumsvertonung könnte von der architektonischen Situation am Salzburger Dom, an dem Muffat als Hoforganist tätig war, inspiriert worden sein. Den Trompetenchor, den Chor aus Posaunen und Zinken, die Streichergruppen und den groß besetzten Doppelchor mit Basso Continuo auf verschiedenen Emporen zu platzieren ist überaus reizvoll, verwandelt sich die Kirche doch so in einen wunderbaren Klangraum, bei dem die Musik von allen Seiten auf die Gemeinde einströmt. Muffat entfaltet die komplett wiedergegebenen Texte der einzelnen Ordinariumsteile in festive Klangkaskaden, die den Erwartungen des Fürstbischofs, der sich seinen Musiker noch vor seinem Amtsantritt selbst ausgesucht hatte, mit Sicherheit entsprochen haben werden.

Auf diesem Hintergrund ist es interessant, dass die Autorschafts Muffats für die „Missa in labore requies“ in der musikwissenschaftlichen Forschung bis 1991 in Zweifel gezogen wurde und die Forscher sich auch durch das Vorhandensein einer eigenständigen Niederschrift nicht von ihrer Einschätzung abbringen ließen. Der Grund für diese Fehleinschätzung liegt – wie so oft – in einer vorausgesetzten Grundannahme. Muffat war bisher vor allem durch seine Instrumentalmusik hervorgetreten, hatte eine Vielzahl von Werken vorgelegt, die in fünf gedruckten Sammlungen erhalten geblieben und sowohl von seinen Zeitgenossen, als auch von Musikern späterer Generationen stark rezipiert worden war. Die Gleichung Muffat = Instrumental-musik wirkte so stark nach, dass man ihm eine umfangreiche Messkomposition von insgesamt 46 Minuten Dauer, noch dazu fünfchörig und 24-stimmig weder zutrauen wollte noch konnte.

Ein Blick in die Biografie Muffats zeigt jedoch, dass diese Einschätzung zu kurz greift. Denn der Musiker war äußerst flexibel, anpassungsfähig und lernwillig, was es wahrscheinlicher macht, dass er auch ohne längere Vorstudien ein so ausgezeichnetes Werk wie die „Missa in labore requies“ konzipieren konnte.

Muffat, der sich selbst als Deutschen bezeichnete, stammt väterlicherseits von einer aus Schottland, mütterlicherseits von einer aus Frankreich stammenden Familie ab. Er wurde am 1. Juni 1653 in Megéve in Savoyen geboren und hielt sich bereits als Zehnjähriger in Paris auf, wo er seine musikalische Ausbildung, wie er in seinem Florilegium Primum bezeugt, unter anderen bei Jean-Baptiste Lully erhielt, der lange Jahre für den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. komponierte und dessen Te-Deum heute als Eurovisionshymne in aller Ohren ist.

Seine ersten akademischen Studien absolvierte er am Jesuitenkolleg in Schlettstadt. Von 1671 bis 1674 finden wir Muffat in Molsheim, wo er beim dort im Exil lebenden Straßburger Domkapitel als Organist wirkt, von wo aus er in ein Studium der Rechtswissenschaften an die Jesuiten-Universität nach Ingolstadt wechselt. Die Kombination aus Jura und Musik ist nicht unüblich, Rechtswissenschaften zu studieren galt für viele Berufszweige als erweiterte Qualifikation, die die Chancen für eine Anstellung förderte. Auch Heinrich Schütz, Georg Friedrich Telemann und Georg Friedrich Händel studierten zumindest eine Zeit lang Jura, bevor sie sich der Musik zuwandten und Johann Sebastian Bach litt sein Leben lang darunter, „nur“ aus einer Stadtmusikerfamilie zu stammen und über keine qualifizierte akademische Ausbildung zu verfügen. Nach dem Abschluss seines Studiums ging Muffat zunächst nach Wien, weil er hoffte, dort eine Anstellung als Musiker am Kaiserhof zu finden, was jedoch misslang. Muffat wechselte daraufhin nach Prag, wo er 1677 seine einzige überlieferte Violinsonate komponierte und vermutlich Kontakte zu Fürstbischof Karl Liechtenstein-Castelkorn knüpfte, der seinerseits Verbindungen zur Salzburger Hofmusik hatte. Ob der Olmützer Bischof die Anstellung vermittelte, lässt sich nicht mehr nachweisen. Muffat findet sich jedoch ab 1678 in Salzburg, wo er zunächst Mitglied der Hofmusikkapelle und später Hoforganist ist. Fürsterzbischof Max Gandolf muss seinen Musiker sehr geschätzt haben, denn er gewährte ihm 1681 einen Studienaufenthalt in Rom, wo Georg Muffat seine Kenntnisse im Orgelspiel bei Bernado Pasquini vertiefte und Kontakt zu Arcangelo Corelli knüpfte, um sich mit dem damals innovativen römische Instrumentalstil vertraut zu machen. Zehn Monate dauerte das inspirierende Sabbatical, dann kehrte Muffat nach Salzburg zurück, um die Feierlichkeiten anlässlich des 1 100-jährigen Gründungsjubiläums des Bistums Salzburg musikalisch mitzugestalten. Die Früchte seines Studienaufenthalts finden sich unter anderem in den fünf Kammersonaten, die er seinem Bischof anlässlich des Bistumsjubiläums widmete und die seine Auseinandersetzung mit dem römischen Instrumentalstil belegen. Neben der als einziger erhaltenen Messe „In labore requies“ entstanden zwei weitere Ordinariumsvertonungen und ein Salve Regina. Die Partitur der „Missa in labore requies“ ging nach dem Tod Georg Muffats in den Besitz eines seiner neun Söhne, Gottlieb (1690–1770), über, der wie seine Brüder Musiker geworden war und als Wiener Hoforganist die Stelle einnahm, um die sein Vater sich vergeblich beworben hatte. Von ihm erwarb Joseph Haydn die Niederschrift des Werkes. Nach dessen Tod gelangte die „Missa in labore requies“ in die Musiksammlung der Fürsten Esterházy und von dort aus in die Széchényi-Nationalbibiothek in Budapest.

Nachzuhören ist die „Missa in labore requies“ in der beim Label Audite (audite 97.539) erschienenen Neueinspielung durch die Cappella Murensis und das Ensemble Les Cornets Noirs. Beide musizieren in historischer Aufführungspraxis auf Barockinstrumenten oder Nachbauten von den vier Gallerien der Kirche der Benediktinerabtei Muri unter der Leitung von Johannes Strobel.

Rückblick