Ein Meisterwerk für Fürstbischof Colloredo

Mozarts Einstandskomposition in Salzburg: Die Krönungsmesse, „dem Herrscher aller Völker gewidmet“. Von Barbara Stühlmeyer

Johann Wolfgang Mozart, gemalt von Barbara Krafft im Jahr 1819. Foto: IN

Mich zürnet es, dass dieser einzige Mozart nicht bey einem kaiserlichen oder königlichen Hofe engagiert ist! Verzeihen Sie, wenn ich aus dem Geleise komme: ich habe den Mann zu lieb“, sagte Joseph Haydn über den von ihm so geschätzten Kollegen. Mozart war, was zu Lebzeiten bei weitem nicht allen Genies vergönnt ist, ein weithin bekannter und beliebter Musiker. Seine Präsentation als Star in Musicalvertonungen kommt nicht von ungefähr, denn genau dies ist die Rolle, die Mozart von Kindesbeinen an spielte.

Sein Vater, Leopold Mozart, war nicht nur ein guter Musiker, sondern auch ein hervorragender Pädagoge. Die Violinschule, der er verfasste, gilt noch heute als Standartwerk für eine gute Ausbildung. Offenbar verfügte er über die Fähigkeit, die für den Unterricht nötige Konsequenz und Strenge mit menschlicher Wärme zu verbinden. Es hat seine Kinder gerne unterwiesen. Und das gilt nicht nur für Wolfgang Amadeus, sondern auch für dessen Schwester Maria Anna, die als Sängerin und Pianistin über eine gute Begabung verfügte. Leopold Mozart sorgte auch für ihre schulische Ausbildung. Dies war schon deshalb nötig, weil die gesamte Familie vom Jahr 1762 an gewissermaßen ständig auf Reisen war. Denn der Wunderkindtopos, dessen er sich bediente, um Wolfgang Amadeus buchstäblich zu vermarkten, hatte bei allem frühen Ruhm den Nachteil, dass Wunderkinder schnell altern. Es galt also, die außergewöhnliche Begabung des Sohnes breitflächig bekannt zu machen und zugleich die Möglichkeiten für eine professionelle Karriere als erwachsener Musiker vorzubereiten. Leopold Mozart gelang es, ein Kommunikationsnetz aufzubauen, innerhalb dessen die Begabung seines Sohnes sich für die Familie gewinnbringend entfalten konnte.

Die Voraussetzung dafür war ein Künstlerleben mit vielen Ortswechseln, das von der ständigen Notwendigkeit lebt, sich in neuen Verhältnissen zurechtzufinden und sich auf neue Menschen einzustellen. Glückte dies, konnte man Kontakte knüpfen, öffneten sich Türen, erhielt man Kompositionsaufträge. Die Mozarts wurden dort, wo es ihnen gelang, sich an die Schaltstellen des gesellschaftlichen Lebens anzukoppeln gewissermaßen von Salon zu Salon weitergereicht. Sie konnten konzertieren, Kompositionen verkaufen und neue Projekte verabreden.

Neben Begabung und Talent für PR hatten die Mozarts noch eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft. Sie wollten die Besten sein. Als Wolfgang Amadé sich mit seiner Mutter in Mannheim aufhielt – länger als seiner Karriere förderlich war und noch dazu wegen einer Frau – schrieb der Vater wütend: „Fort mit Dir nach Paris! Und das bald. Setze dich großen Leuten an die Seite. Aut Caesar aut nihil“, was auf Deutsch in etwa heißt, sei der Beste, sonst bist du nichts. Mancher wird an dieser Stelle vielleicht Mitleid haben und sich fragen, ob der Sohn hier ein Opfer des karrieresüchtigen Vaters wurde. Aber der Drang, als Künstler ganz oben zu stehen, gehörte offenbar zum Erbmaterial der Mozarts, wie sich nicht zuletzt im künstlerischen Unabhängigkeitsstreben des gerade Zwanzigjährigen und seinem Bruch mit dem erzbischöflichen Dienstherrn zeigt.

Als Hoforganist von Salzburg in den Dienst von Hieronymus von Colloredo zu treten, war eine aus der Not geborene Idee. Die Stelle war vakant, die werbende Konzertreise über München, Mannheim und Paris hatte keine nennenswerten Aufträge erbracht und Vater Leopold bestand darauf, dass sein Sohn sie annahm. Obwohl seitdem 26. September 1778 im Amt traf der junge Musiker erst am 17. Januar in Salzburg ein. Seine nachgewiesenermaßen seit 1873 sogenannte Krönungsmesse entstand also gewissermaßen als Einstandskomposition und wurde vermutlich für den Ostergottesdienst im Salzburger Dom komponiert. Mozart präferiert in dieser Messe die sinfonischen Elemente, Solostimmen und Chor sind deutlich separiert und einzelnen Instrumenten wie beispielsweise der Oboe kommt eine Sonderstellung zu. Dass Mozart sich mit diesem Werk in gutem Licht präsentieren wollte, leuchtet ein. Im kritischen Bericht der Partitur wird erwähnt, dass einige wohl nicht autographe, also von späterer Hand hinzugefügte Großbuchstaben in der Partitur, nämlich das Kürzel JOGDM als Imperatore Omnium Gentium Donatus Mozart – Von Mozart dem Herrscher aller Völker gewidmet zu deuten sind. Dies war Colloredo sicher nicht. Eher schon ein in Salzburg wenig willkommener und zunächst auch wenig beliebter Fürstbischof, dessen engagierte Umsetzung aufklärerischer Inhalte und einer Liturgiereform, die Wert darauf legte, dass der Musik eine dienende, das Lob Gottes singende, nicht eine sich selbst exponierende Funktion zukam, ihn mit Mozart aneinandergeraten ließ. Dabei schätze Colloredo sowohl Mozart als auch den später ebenfalls in Salzburg wirkenden Michael Haydn sehr. Aber hier trafen mit einem sozialreformerischen, an der Effizienz des Schulwesens interessierten, die Finanzen seines Bistums sanierenden und das Gewonnene an der Wiener Börse wieder verlierenden Erzbischof und einem Künstler, der für nichts als seine Kunst lebte, wohl zwei Welten aufeinander.

Mozarts erste für Colloredo komponierte Messe, dessen Dienste er nach dem legendären, von ihm selbst überlieferten Fußtritt durch den fürsterzbischöflichen Oberküchenmeister Joseph Maria Graf Arco er am 8. Juni 1981 wieder verließ, um in Wien als Selbstständiger Musiker von Konzerten zu leben, wurde erst nach seinem Tod zur bevorzugten musikalischen Gestaltung für Krönungsfeierlichkeiten und erklang in diesem Rahmen erstmals anlässlich der Krönung von Kaiser Franz II. Es waren vermutlich die Musiker der Wiener Hofkapelle, die Mozarts berühmtes Werk kapellintern Krönungsmesse nannten. Die Verknüpfung der Messe mit dem an der Wallfahrtskirche Maria Plan alljährlich gefeierten Fest der Krönung Mariä ist aber wohl eine Legende. Sie wurde ab 1907 von Johann Evangelist Engel verbreitet, der Mozarts Musik sehr liebte und die Koinzidenz von dessen Marienverehrung und dem am 27. Juni 1779, also im Entstehungsjahr der Krönungsmesse erstmals gefeierten Maria-Planer-Krönungsfest zum Anlass nahm, einen Zusammenhang zwischen beiden herzustellen.

Außergewöhnliche Begabungen ziehen außergewöhnliche Geschichten an. Ein Mensch, für den das Raster der „Normalen“ nicht ausreicht, muss erklärbar gemacht oder verklärt werden. Der wirkliche Mensch hinter den Geschichten wird dabei mitunter unscharf, vielleicht sogar unsichtbar.

Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart, der am 27. 1. 1756 – also vor 260 Jahren geboren ist, nannte sich Amadé, den von Gott geliebten, trendbewusst, wie er war, denn die gelehrte griechische Variante war doch ein wenig aus der Mode gekommen. Stil war es, sich italienisch/französisch zu geben. Er galt und gilt als Wunderkind. Auch das war Trend in der Mitte des 18. Jahrhunderts, in dem man ebenso aufgeklärt wie mythosverliebt war. Wunderkind, Hochbegabter, Autist? Die Erklärungen wechseln. In letzter Zeit ist es Mode geworden, besondere Begabungen in den Kontext des Mangels zu stellen. Hirnforscher, Psychologen und Mediziner wie Derek Treffert und Simon Baron-Cohen konnten belegen, dass ein Zusammenhang zwischen Erkrankungen wie Autismus oder dem Asperger Syndrom, einer milderen Form des Autismus und extremen Begabungen besteht, wie sie einige wenige Menschen in der Welt auf sehr speziellen Gebieten haben.

Heute vermuten einige Hirnforscher deshalb, dass die außergewöhnliche Begabung Mozarts auf das Asperger Syndrom zurückgeht. Diese milde Form des Autismus bewirkt eine eingeschränkte Kommunikationsbegabung, die ein relativ normales Leben ermöglicht, den Menschen, die unter diesem Syndrom leiden, aber ebenso gewissen Grenzen auferlegt. So kann man Menschen mit Asperger Syndrom beispielsweise besser in der Familie als in der Schule unterrichten, weil sie zwar eine extrem gute, aber auch extrem schwankende Auffassungsgabe haben. Das bedeutet, dass sie in der Lage sind, auf den Gebieten, für die sie sich interessieren, ein außergewöhnliches Wissen erlangen zu können, während sie außerstande sind, sich Dinge zu merken, die sie nicht ansprechen. Die Fähigkeit, auf einem bestimmten Gebiet, wie im Falle Mozarts dem des Klavierspielens und wenig später auch dem der Komposition, erstaunliche Leistungen hervorzubringen, beruht auf der völligen Konzentration auf genau diesen Bereich.

Ist die Krönungsmesse also das Werk eines Autisten oder eines Menschen mit Aspergersyndrom? Eine realistische Antwort darauf ist nicht möglich. Die neuerliche Debatte um Mozart zeigt vielmehr, wie außergewöhnlich das Werk dieses besonderen Menschen ist. Wer dieses Geheimnis erklären will, wird es verfehlen.

Rückblick