Auf den Spuren einer extravaganten Frau

Im Heiligen Jahr 1675 machte sie von sich reden – und war in Rom überaus präsent: Christina von Schweden. Von Ulrich Nersinger

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Ein römisches Fest zu Ehren Christinas am 2. Februar 1656 im Hof des Palazzo Baberini mit einem großen Karussell. Gemäld... Foto: dpa

Im Dezember des Jahres 1655 befand sich Rom in freudiger Erwartung. Königlicher Besuch stand an. Christina von Schweden (1626–1689) zog feierlich in die Ewige Stadt ein. Die Besucherin aus dem hohen Norden hatte ihre Zeitgenossen durch den Verzicht auf ihren Thron und die Abkehr vom Luthertum überrascht. Dass die Tochter Gustav Adolfs, des mächtigsten Herrschers der protestantischen Welt, den Weg zum katholischen Glauben zurückgefunden hatte, galt als einer der größten Siege der Gegenreformation. Im Auftrag des Papstes wurde Christina von Kardinallegaten in einem wahren Triumphzug feierlich nach Rom eingeholt. Eine unüberschaubare Zahl von Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Prälaten, ausländischen Gesandten, Adeligen und Bürgern gab der Ex-Monarchin das Geleit – „Etwas Herrlicheres ward noch nie gesehen“, vermerkte der Chronist Giacinto Giglio voll Bewunderung über das selbst für die Ewige Stadt ungewohnte Schauspiel.

Hochgebildet, fähig, sich in mehreren Sprachen zu unterhalten, von ihrem Vater zu eigenständigem Denken erzogen und in ihrem Benehmen ausgesprochen burschikos, ließ sie sich nicht auf eine ihr zugeteilte Rolle festlegen. Tieffromm, aber dennoch den weltlichen Vergnügungen überaus zugetan, entwickelte sie sich zum „enfant terrible“ der Ewigen Stadt. Reinhard Raffalt schrieb über sie: „Der Stadt bot sie einen unerschöpflichen Stoff für Klatsch und dem Heiligen Stuhl hat sie manche Rätsel aufgegeben.“ Nach ihrem Einzug in Rom war Christina in der Sala Regia, dem Königssaal des Apostolischen Palastes, vom Papst offiziell empfangen worden. Ihr wurde die seltene Ehre eines Festmahls mit dem Heiligen Vater zuteil und als besondere Auszeichnung zugestanden, mit ihm unter einem gemeinsamen Baldachin zu speisen. Dadurch ermuntert trug sie sich mit der Absicht, bei feierlichen Gottesdiensten, an denen sie teilzunehmen gedachte, einen Thron mit Baldachin aufstellen zu lassen – was die Zeremonialkongregation des Vatikans mit Vehemenz untersagte.

Ihre Eskapaden waren gefürchtet. Bei der Öffnung der Heiligen Pforte im Jahre 1675 erhob sie – entgegen sämtlichen Gepflogenheiten des Päpstlichen Hofes – ihre ein wenig raue, fast männliche Stimme. Lautstark wies sie einige protestantische Edelleute aus England zurecht, die sich zu der Zeremonie nicht niedergekniet hatten. Jedermann hörte sie, einschließlich des Papstes, aber alle taten, als wäre nichts geschehen. Aber sie bewies sich auch in karitativen Aktivitäten. Im Heiligen Jahr ging sie in die Armenhäuser und Pilgerhospize, bediente dort die Bedürftigen bei Tisch und wusch den Pilgerinnen die Füße. Ihr Beispiel bewog viele Angehörige der bedeutendsten römischen Adelsgeschlechter – wie die der Colonna, Pallavicini, Rospigliosi, Caetani und Altemps – desgleichen zu tun.

Als eine von wenigen Frauen ist Christina von Schweden in den Vatikanischen Grotten beigesetzt, in der Nähe der Begräbnisstätte des heiligen Petrus. Ein Denkmal an sie schmückt das Innere von Sankt Peter; Papst Klemens XI. (Giovanni Francesco Albani, 1700–1721) hatte es im rechten Seitenschiff der Basilika errichten lassen, der Entwurf stammte von Carlo Fontana. Der Überlieferung nach aber kann man noch anderswo in der Ewigen Stadt auf Spuren der ungewöhnlichen Ex-Königin stoßen. Und zwar auf dem Pincio, bei der Villa Medici, nur wenige Schritte von der Spanischen Treppe und der Kirche Santissima Trinita dei Monti entfernt.

Am 7. Juni 1656 hatte Christina der Engelsburg einen Besuch abgestattet. Von ihrem Vater Gustav Adolf im Kriegswesen unterrichtet, widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit den Geschützen der Festung. Sie begutachtete sie und fand lobende Worte. Dann bat sie darum, einige Schüsse persönlich abgeben zu dürfen. Der Vizekastellan gab dem Wunsch der frommen Exzentrikerin nach. Die Königin wählte eine „Spinoza“, ein 2 395 Pfund schweres Geschütz, und richtete es auf den Pincio aus. Eilends wurden dorthin Kuriere entsandt. Nachdem der „Capobombardiere“, der Oberkanonier, das Terrain freigegeben hatte, feuerte die Königin mit Vergnügen in die Richtung des römischen Hügels. Eine der Kugeln soll gegen das Eisentor der Villa Medici, den Sitz der Akademie von Frankreich, geflogen sein. Noch heute wird der Einschlag den Besuchern der Villa gezeigt.

Koenigin Christine / Falck nach Beck  . - Queen Christina / Falck after Beck  . -
Christina von Schweden nach einem Gemälde von David Beck. Nachkolorierter Kupferstich von Jeremias Falck, 1663. Foto: dpa

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