Die große Neuheit des Pontifikats

So frei und persönlich hat noch kein Papst gesprochen: Franziskus und seine Predigten in der Frühmesse in Santa Marta. Von Armin Schwibach

Vatican Pope
Schon lange braucht es Voranmeldungen, um morgens früh dabei zu sein: Papst Franziskus bei der Messe in Santa Marta. Foto: dpa

Was gefällt dir am meisten daran, Papst zu sein?“, wurde Papst Franziskus am 15. November 2015 bei seinem Besuch in der evangelisch-lutherischen Kirche Roms von einem kleinen Jungen gefragt. „Pfarrer sein“, lautete die Antwort: „Ich bin gerne Papst im Stil eines Pfarrers“, denn: „Papst sein heißt Bischof sein, Pfarrer sein, Hirte sein.“ Dazu gehört für Franziskus, dass er nicht gerne alleine ist, sondern eine Gemeinschaft, eine Gemeinde im weitesten Sinn um sich haben will. Der Papst wohnt im Gästehaus des Vatikans, der „Domus Sanctae Marthae“. Es ist ein Leben im Hotel mit privaten und öffentlichen Räumlichkeiten: die Gänge und Treppen (auf denen man Franziskus „zufällig“ begegnen kann), der Kaffeeautomat, an dem sich der Papst gerne etwas holt, der Speisesaal – und die Hauskapelle.

Am 22. März 2013 – unmittelbar nach seiner Wahl auf den Stuhl Petri – begann Franziskus mit etwas, das zunächst Befremden im Vatikan hervorrufen sollte. Überraschend lud er eine Gruppe von dreißig Angestellten ein, die als Reinigungspersonal des Petersplatzes sowie als Gärtner in den Vatikanischen Gärten tätig sind, um mit ihnen die heilige Messe zu feiern. Dass sich aus jenem morgendlichen Treffen eine Gewohnheit, ja eine „Tradition“ entwickeln sollte, die mittlerweile fest zum Tagesablauf des Heiligen Vaters gehört, war damals noch nicht abzusehen gewesen. Das war der Beginn der „Predigten von Santa Marta“, die nunmehr zu einem Charakterzug des Pontifikats geworden sind. Um den Reichtum der Predigten des Papstes einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ohne deren Wesen zu verändern, wurde die Form der Veröffentlichung einer ausführlichen Zusammenfassung durch „Radio Vaticana“ und den „L'Osservatore Romano“ gewählt. Diese Zusammenfassungen enthalten auch reiche Passagen in direkter Rede. So soll der echte „Geschmack“ der Ausdrücke des Papstes widergespiegelt werden. Auf Deutsch stehen die weit über dreihundert Morgenpredigten vollständig auf den Seiten der katholischen Internetzeitung „kath.net“ zur Verfügung. Die Predigten werden nicht auf der Grundlage eines geschriebenen Textes, sondern spontan gehalten. In freier Rede legt Franziskus Tag um Tag die von der Liturgie vorgesehenen Lesungen aus – Frucht seiner morgendlichen Betrachtungen, bevor er um 7 Uhr an den Altar tritt. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, den Unterschied zwischen den offiziellen Ansprachen und Predigten und dem spezifischen Charakter der Situation, der Spontaneität und der Familiarität der Worte des Heiligen Vaters festzuhalten und zu respektieren. Kurz: „Santa Marta“ ist nicht Teil des Lehramtes, sondern bringt persönliche Gedanken des Papstes zum Ausdruck. Der „Pfarrer“ Franziskus möchte den Tag nicht allein mit einer Messe beginnen – wie dies jeder Priester tut –, sondern mit einem Teil jenes Volkes Gottes, dessen universaler Hirte er ist.

Der oft auch eigenwillige Stil und pointierte Inhalt der Predigten sind es, die einen Blick in das Innere der Person Jorge Mario Bergoglio gestatten. Mit einer einfachen Sprache will der Papst ihm besonders wichtig Erscheinendes auf den Punkt bringen, so dass Kommentatoren nicht gezögert haben, von „Santa Marta“ als dem „schlagenden Herzen“ des Pontifikats zu sprechen. Wie dies ein italienischer Intellektueller auf den Punkt gebracht hat: „Franziskus eignet die Genauigkeit der Sprache der Kinder und eine gewisse Frechheit der großen Dichter“.

Dabei scheut es der Papst nicht, immer wieder Missstände in der Kirche, Missverhalten der Katholiken zu geißeln, die die Botschaft des Evangeliums verdecken oder gar ersticken können. „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“, heißt es bereits in dem programmatischen Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“. Das bedeutet für Franziskus: die Wirklichkeit ist etwas, das einfach existiert, die Idee wird erarbeitet. Zwischen den beiden muss ein ständiger Dialog hergestellt werden, um zu vermeiden, dass die Idee sich schließlich von der Wirklichkeit löst, denn: „Es ist gefährlich, im Reich allein des Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben.“ So wendet sich Franziskus nicht selten gegen die „Schriftgelehrten und Pharisäer“, das heißt gegen die in sich verschlossenen Theologen, die mit ihrer Weisheit und dem Festhalten an Gesetzen die Freiheit beschränken, die der Heilige Geist geschenkt hat. Zu oft ist für den Papst festzustellen, dass die Christen lieber in selbstgebauten Käfigen leben, statt „hinauszugehen“ und sich den konkreten Anforderungen des Willens Gottes zu stellen.

„Christen ohne Hoffnung“, „abstrakte Ideologen“, „Narzissmus“, „Klerikalismus“, „eitle Priester, die sich wie ein Pfau aufplustern“, „schmierige Priester, die nur Kaugummi verkaufen“, „sterile und heuchlerische Christen, die ihrem Formalismus nachhängen“, „verschlossene, traurige Christen ohne Freude und ohne die Freiheit der Gotteskinder“, „egoistische und selbstbezogene Christen“, „Salonchristen und narkotisierte Christen“, „moralisierende Haarspalter und Kasuisten“: Ihnen allen hält der Papst – mit dem Evangelium in der Hand – einen Spiegel vor die Augen. Es ist Franziskus ein Dorn im Auge, wenn er an Christen ohne Begeisterung denkt, die Gefahr laufen, nur Mitglieder einer besonderen Sekte zu sein. Eine entmutigte, ängstliche Kirche, die eher eine „alte Jungfrau“ zu sein scheint als eine Mutter – eine derartige Kirche ist für den Papst nutzlos. Sie ist ein Museum, in dem sich die Museumschristen zwar gut auskennen, aber langsam vor sich hin verwesen und so den „Stall“ mit schlechter, abgestandener Luft füllen. Jene Christen, die es nur dem Schein nach sind, sind „tot“, sie sind wie weiße Gräber, eine Gruppe von Menschen, die sich in ihrem kirchlichen Mikroklima für auserwählt halten.

Dem hält Franziskus den „Personalausweis des Christen“ entgegen, der in der Freude besteht, dem Anker im Himmel. So kann er sich auf den Weg der Heiligkeit begeben, mutig, im Bewusstsein der Gnade, voll Verlangen nach Umkehr und in der Hoffnung auf den Herrn. Der Feind Gottes – Satan, der Fürst der Welt – ist die Weltlichkeit, das Verfallensein an die Dinge der Welt – Macht, Reichtum („das Leichentuch hat keine Taschen“), Eigensucht, Missbrauch der Schöpfung zu egoistischen Zwecken, Ausbeutung des Nächsten zum eigenen Vorteil. Eindringlich warnt der Papst immer wieder vor dem Vater der Lüge, der den Menschen von seinem Weg zu Gott abbringen will. Das perfide Instrument des Teufels erkennt Franziskus besonders im Geschwätz, im schlechten Reden über die anderen, denn „die Zunge kann töten!“. Geschwätz, Neidereien, Hochmut, Eitelkeit und Trachten nach Macht entfernen den Christen, der Geschöpf des Lichts ist, von der Wahrheit.

Aber auch „aktuelle“ Themen werden angesprochen. Immer wieder erinnert der Papst zum Beispiel daran, dass die Christen die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft sind, dass heute die Zahl der Opfer der brutalen und die Menschenwürde erniedrigenden Verfolgungen größer ist als in den ersten Jahrhunderten der Kirche. Dabei gibt es eine blutige Verfolgung und eine „kultivierte“ Verfolgung im Zeichen des Fortschritts und der Modernität. Der Anführer dieser im westlichen Kulturkreis präsenten „höflichen Verfolgung“ ist für Franziskus der Fürst der Welt, der sich im Kampf gegen die Würde des Menschen gegen Gott wendet. Das ist für den Papst „die große Apostasie, der große Abfall“.

Die Vielzahl der Themen der Predigten von „Santa Marta“ gewährt einen Einblick in das Kaleidoskop des Denkens und Glaubens des Papstes sowie in das Leben der Kirche, die der ständigen Umkehr zu Gott bedarf. Franziskus schafft eine besondere, ganz ihm eigene Form moderner Kommunikation. Das Wort des obersten Hirten wird zu einem Ereignis der Kommunikation, das es verbietet, „von Außen“ oder in einer vermeintlich „objektiven“ Perspektive gesehen zu werden. „Santa Marta“ – die große Neuheit des Pontifikats – ist einer der Orte, von dem aus der Papst der Kirche die Notwendigkeit zur Erneuerung verdeutlicht, ohne dabei ein bis an die Grenzen ausreizendes Wort zu scheuen. So „bricht“ Franziskus in Santa Marta das Wort Gottes, bevor er die Christen zum gebrochenen Brot des Leibes Christi hinführt.

Rückblick