Erkundungen im Borgo

Auch die direkte Umgebung des kleinen Vatikanstaats lädt zum Entdecken ein. Von Ulrich Nersinger

Die Conciliazione entstand da, wo einst ein guter Teil des Borgo den Blick vom Tiber auf den Petersdom versperrte. Foto: dpa

Im Jahr 2015 war James Bond im Blockbuster „Spectre“ erneut für den britischen MI6 in gefährlicher Mission unterwegs – unter anderem in Rom. In einem spektakulären Autorennen lieferte sich der Topagent Ihrer Majestät in seinem Aston Martin mit einem Jaguar C-X75 auf der nächtlichen Via della Conciliazione und in den engen Straßen des Borgo ein atemberaubendes Duell.

Im laufenden Heiligen Jahr der Barmherzigkeit werden solche Szenen an diesen Schauplätzen jedoch nicht mehr gedreht werden können. Das Heilige Jahr hat das Stadtviertel bei Sankt Peter zur verkehrsberuhigten Zone gemacht. Wallfahrer und Touristen erhalten damit die Gelegenheit, den Borgo in aller Ruhe zu erkunden und bisher wenig Bekanntes oder Unbekanntes zu entdecken.

Symbol der Versöhnung mit dem Königreich Italien

Die Pilger im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit werden vor allem die Via della Conciliazione als ein ruhiges Pflaster erleben. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen in Rom die Arbeiten zum Bau der Prachtstraße. Für die Via della Conciliazione wurde der Borgo, das historische Viertel bei Sankt Peter, neugestaltet. Paläste, Kirchen und Wohnhäuser fielen der Spitzhacke Benito Mussolinis zum Opfer und veränderten das durch Jahrhunderte gewohnte Bild von der Vorstadt der Residenz des Päpste. Die neue Straße wurde zu einem wichtigen Teil der Stadterneuerung des faschistischen Diktators.

Darüber hinaus sollte sie sechzig Jahre nach der Einverleibung des alten Kirchenstaates in das geeinte Italien die Versöhnung des Heiligen Stuhles mit dem Königreich Italien dokumentieren. Die Bezeichnung „Via della Conciliazione“ (Straße der Versöhnung) erhielt sie jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Vorschlag des Journalisten Franco Franchi hin. Endgültig fertiggestellt wurde die Straße zum Heiligen Jahr 1950.

Wer als Pilger vom Corso Vittorio Emanuele aus der römischen Altstadt kommend seine Schritte nach Sankt Peter lenkt, sollte, nachdem er die Tiberbrücke passiert hat und den Weg über die Via della Conciliazione einschlägt, zunächst einen Umweg von ein, zwei Minuten am Borgo Santo Spirito entlang machen. Hier an der Mauer des Kirchen- und Hospitalkomplexes von Santo Spirito in Sassia erblickt er eine seltsame Vorrichtung: eine ruota degli innocenti, die „Drehtrommel der Unschuldigen“. Papst Innozenz III. (1198–1216) war in der Nacht durch einen Traum immer wieder aus dem Schlaf gerissen worden. Er sah, wie die Fischer der Ewigen Stadt in ihren Netzen die leblosen Körper Neugeborener aus dem Tiber holten. Der Traum erschütterte den Papst so sehr, dass er bei der Kirche Santo Spirito in Sassia den Bau einer ruota (Drehtrommel) befahl, in die verzweifelte Mütter ihre Neugeborenen hineinlegen konnten. In einem Schreiben ordnete Innozenz III. an, die Hospitäler und Findelhäuser des Kirchenstaates mit den ruote zu versehen; der Papst bat aber auch die anderen Herrscher Italiens, ähnliche Verfügungen zu erlassen. Die ruote wurden Vorläufer unserer heutigen Babyklappen und bezeugen ein über achthundert Jahre altes Zeugnis päpstlichen Lebensschutzes.

Auf dem Weg zum Vatikan lädt dann Santa Maria in Traspontina zum Verweilen ein. Das Gotteshaus an der Via della Conciliazione ist eng mit der Geschichte der Bombardieri (Artilleristen) der Engelsburg verknüpft. Sie war die Garnisonskirche der mächtigen und als uneinnehmbar geltenden päpstlichen Festung. Im rechten Seitenschiff hatten die Kanoniere des Castel Sant'Angelo zu Ehren ihrer himmlischen Schutzpatronin, der heiligen Barbara, eine Kapelle errichten lassen. Zu dem Gotteshaus besaß das Militär der Engelsburg noch ein weiteres, ganz besonderes „Verhältnis“: Bei den Gefechten während des Sacco di Roma im Jahre 1527 hatten die Kanoniere die Kirche zerstört beziehungsweise zerstören müssen.

Beim Neubau des Gotteshauses baten die Offiziere der Engelsburg darum, das Dach so zu bauen, dass im Falle von Angriffen und Belagerungen ein freies Schussfeld für die Artillerie gegeben sei. Und so bekam Santa Maria in Traspontina weder eine mächtige Kuppel noch hoch in den Himmel ragende Glockentürme.

Nur wenige Schritte von der Kirche entfernt, in einer kleinen Seitengasse, beim Vicolo del Campanile, befindet sich ein Haus mit geschichtlichem Flair. Hier wohnte einst mit Frau, Sohn und Pflegetochter Giovanni Battista Bugatti (1779–1869). Signor Bugatti galt in seinem Viertel als ruhiger und fleißiger Bürger. Man schilderte ihn als freundlich und zuvorkommend, geprägt von einem tiefem Glauben und echter Frömmigkeit. Wer bei Bugatti eintrat, konnte von ihm kunstvoll bemalte Regenschirme, kleine farbige Papstporträts und die in Rom beliebten santini (Heiligenbildchen) erwerben. Doch das idyllische Bild, das man von der Person des bescheidenen ombrellarino, des Bemalers von Regenschirmen, hätte bekommen können, täuschte.

An bestimmten Tagen nahm Signor Bugatti ein rotes Kapuzengewand aus einem Schrank, legte es unter der Verrichtung eines frommen Gebetes an, verließ sein Haus und schlug den Weg zur Tiberbrücke ein. Giovanni Battista Bugatti war „Mastro Titta“, der Henker von Rom! Bevor der Scharfrichter die Hinrichtungsstätten jenseits des Tibers aufsuchte, begab er sich nach Santa Maria in Traspontina, beichtete und nahm an der heiligen Messe teil. Nach dem Gottesdienst kniete er vor dem Madonnenbild nieder und bat um den Beistand der Gottesmutter für sich und für diejenigen, an denen er seine Pflicht zu verrichten hatte.

Wenn Mastro Titta dann über die Brücke ging, wusste jeder in der Ewigen Stadt, was an diesem Tage anstand. Giovanni Bugattis „Arbeit“ fand Eingang in die Werke der Weltliteratur, so in Schilderungen von Lord Byron und Charles Dickens. Seit langem haben die Päpste die politische Verantwortung für die Ewige Stadt an Italien abgetreten. Doch eine ihrer weltlichen Maßnahmen wirkt noch heute nach. Sie haben das imponierende Netz, das die Stadt bereits in der Antike mit Wasser versorgte, erneuert und perfektioniert. Und schufen damit auch eine einzigartige Brunnenwelt.

Pilger, die den Weg über die Brücke Viktor Emanuels II. zum Vatikan einschlagen, können sich auf der Via della Conciliazione beim Palazzo della Rovere, dem heutigen Hotel Columbus, aus dem Maul eines Dragone (Drachen), des Wappentiers Papst Pauls V. (1605–1621), mit einem kühlen Schluck Wasser erfrischen. Beim Passetto, dem historischen Fluchtgang vom Vatikan zur Engelsburg, kann man im Sommer seinen Durst am Tiara-Brunnen löschen. Der mit drei Papstkronen geschmückte Brunnen wurde von der römischen Stadtverwaltung errichtet, als sich der Heilige Stuhl und Italien im Februar 1929 aussöhnten und der Vatikanstaat entstand.

Zur Kühlung ein Eisbecher in den Farben des Vatikans

Wer von der Engelsburg aus durch den Borgo Pio zum Vatikan hinaufschlendert, trifft auf halber Höhe den letzten im alten Kirchenstaat errichteten Brunnen. Papst Pius IX. (1846–1878) hatte seinen Bau noch in dem Jahr, als die Truppen des italienischen Königs in die Ewige Stadt einmarschierten (1870), angeordnet und erlebt. Heute steht der Brunnen, was Erfrischungen angeht, mit einer nahegelegenen Eisdiele im Wettbewerb – und manchmal gewinnt er sogar, obwohl der große Kassenschlager der Gelateria eine eigens fürs Heilige Jahr kreierte coppa papale, ein „päpstlicher“ Eisbecher in den Farben des Vatikans ist (er besteht aus cremigem Milcheis mit einem verführerischen Schuss Lemonicello, einem äußerst süßen Zitronenlikör).

In den Genuss einer Wasserspende der Päpste kommt übrigens auch, wer mit dem Autobus zum Vatikan fährt. Nur wenige Schritte vom Palast der Glaubenskongregation entfernt befindet sich an der Via di Porta Cavalleggeri eine viel frequentierte Bushaltestelle. An der wehrhaften Mauer des Vatikans bietet ein Brunnen den aussteigenden Fahrgästen willkommene Labung. Hier standen einst Kaserne und Reitstall der Leibgarde des Papstes – übrig geblieben ist heute nur der Brunnen des Areals. Ihn, so verrät eine lateinische Inschrift, ließ Pius IV. (1560–1565) „zum öffentlichen Nutzen und zur Zweckmäßigkeit der berittenen Leibgarde“ errichten. In unseren Tagen steht er noch immer in Diensten, jedoch mit dem Vorteil, dass ihn sich heute Mensch und Tier nicht mehr teilen müssen.

Dient heute nur noch Menschen: Der Brunnen der päpstlichen Kavallerie. Foto: Natalie Nordio

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