Mit Caravaggio durch Rom, der etwas andere Pilgerweg für Kunstliebhaber

In einigen Kirchen hat der geniale Maler Bilder geschaffen, die heute zu den größten Meisterwerken der Kunst zählen und völlig kostenlos zu besichtigen sind. Von Natalie Nordio

Das Martyrium des heiligen Matthäus in der Contarelli–Kapelle. Foto: Fotos: Vispix

Rom bietet eine solche Masse an Kunst und Kultur, dass so manchem Rombesucher die Wahl nicht leichtfällt, was man denn nun ansehen möchte. Da empfiehlt sich, nachdem man die Pflichtpunkte Vatikan und Kolosseum abgehakt hat, ein Rundgang auf den Spuren des großen Malers Caravaggio, der für einige Jahre in Rom gelebt und in mancher Kirche Bilder geschaffen hat, die heute als Meisterwerke der Kunst gelten. Die Kosten halten sich bei diesem Rundgang in Grenzen, denn bis auf ein paar Cent, um in mancher Kapelle das Licht anzuschalten, wird die Urlaubskasse geschont. Da aber kleinere Kirchen über Mittag meist geschlossen sind, ist es ratsam, die Runde durch die Stadt am Vormittag oder dem späten Nachmittag zu beginnen.

Über Caravaggio, der eigentlich Michelangelo Merisi heißt, ist nur wenig bekannt. 1571 oder 1573 kam er in Mailand, Bergamo oder aber in dem Örtchen Caravaggio bei Bergamo zur Welt. Sein Vater war Handwerker und Baumeister am Hofe des Fürsten von Caravaggio und so ist anzunehmen, dass der junge Caravaggio hier in dem Ort, der ihm später als Künstlername dienen wird, einige Jahre verbracht hat. Als Dreizehnjähriger – der Tod der Mutter, als er elf Jahre alt war, machte ihn zum Vollwaisen, sein Vater war bereits einige Jahre zuvor gestorben – soll er einige Zeit in der Malerschule des Simone Pezerzano, einem Schüler Tizians in Mailand, unterrichtet worden sein. Danach verliert sich Caravaggios Spur vorerst. Raufereien und Querelen schienen zu seinem Alltag dazuzugehören. Als hitzköpfig, jähzornig und immer zum Streiten aufgelegt wird Caravaggio beschrieben. Charakterzüge, die ihn zeitlebens immer wieder in große Schwierigkeiten gebracht und auch seine Künstlerkarriere in Rom jäh beendet haben. Zwischen 1590 und 1592 erreichte der etwa 20-jährige Caravaggio Rom. Nach einem holprigen Start hatte er großes Glück. Der Kunstliebhaber Kardinal Francesco del Monte wurde auf ihn aufmerksam und förderte ihn nicht nur, sondern nahm ihn sogar in sein Wohnhaus auf.

Am Wohnhaus Kardinal del Montes, dem Palazzo Madama unweit der Piazza Navona, der für Caravaggio zu seinem römischen Zuhause wurde, beginnt der künstlerische Pilgerweg auf den Spuren Caravaggios. Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts erwarb Giovanni de' Medici, der spätere Papst Leo X., den Palazzo. Er wurde zum Wohnsitz von Alessandro de' Medici und seiner Frau Margarete von Österreich, der Tochter Karls V. Später bewohnte der venezianische Kardinal del Monte den Palazzo bis zu seinem Tod im Jahr 1627. Seit 1871 hat der italienische Senat im Palazzo Madama seinen Sitz. Caravaggio hatte es geschafft. Mit dem einflussreichen und mächtigen Kardinal del Monte als Förderer im Rücken schien seiner Karriere nichts mehr im Wege zu stehen. Nach Aufträgen im Freundeskreis del Montes folgte mit der Contarelli-Kapelle in der französischen Nationalkirche San Luigi dei Francesi der erste große öffentliche Auftrag. Weit hatte es Caravaggio nicht von seinem Zuhause an seinen Arbeitsplatz. San Luigi dei Francesi liegt direkt um die Ecke des Palazzo Madama. Ganz hinten im linken Seitenschiff liegt die Contarelli-Kapelle. Ursprünglich von Kardinal Matteo Contarelli als Familienkapelle erworben, kümmerte sich nach dessen Tod sein Erbe Virgilio Crescenzi um die künstlerische Gestaltung. Den Auftrag für drei große Gemälde hatte Caravaggio wohl der Fürsprache del Montes zu verdanken. Die Kapelle ist dem heiligen Matthäus geweiht. Die Gemälde zeigen links die Berufung des Heiligen und rechts sein Martyrium. Auf dem Bild in der Mitte über dem Altar ist der Heilige am Schreibtisch zu sehen. Ein Engel begleitet ihn.

Völlig neuartig und für seine Zeit revolutionär setzte Caravaggio die biblischen Szenen um. In einer zeitgenössischen Schankstube sitzt Matthäus mit weiteren Männern um einen langen Tisch. Nur von oben durch ein Fenster wird der dunkle Innenraum beleuchtet. Caravaggio benutzt das Licht wie einen Scheinwerfer, der das Hauptgeschehen in den Mittelpunkt rückt, während der restliche Innenraum im Dunkel verschwindet. Auf dem Gemälde gegenüber liegt der Heilige auf dem Boden, über ihm sein Peiniger, der zum letzten tödlichen Schlag ausholt. Wieder fällt das Licht von oben auf die Szene, während die übrigen Figuren im Schatten bleiben. Die Hell-Dunkel-Malerei, das Chiaroscuro, machte Caravaggio berühmt und wurde von ganzen Künstlergenerationen nachgeahmt. Schonungslos und realistisch setzte Caravaggio die religiösen Inhalte um, was beim Publikum für Irritation sorgte, war eine solche Malerei doch etwas völlig Neues.

In wenigen Minuten erreicht man von San Luigi dei Francesi die Kirche Sant'Agostino. In der Cappella Cavalletti befindet sich heute die „Madonna dei Pellegrini“, die Pilgermadonna, die Caravaggio zwischen 1604 und 1606 geschaffen hat. Maria steht mit dem Jesuskind auf dem Arm in der Eingangstür ihres Hauses. Vor ihr knien zwei Pilger. Besonders an den schmutzigen und geschwollenen Füßen des Pilgers, die Caravaggio bis ins kleinste Detail darstellt, nahm das damalige Publikum Anstoß, da dies doch kaum der Heiligkeit der Szene entsprach. Auch der heruntergekommene Hauseingang stieß auf Kritik, denn schließlich handle es sich doch um das Haus der Gottesmutter. Dass Caravaggio aber für Maria eine stadtbekannte Prostituierte Modell saß, war für die Gemüter zu viel. Immer wieder führte Caravaggios zu realistische Darstellung der Bildinhalte, besonders aber seine Wahl von Bürgern der Unterschicht als Modelle der Heiligen in seinen Bildern zu heftiger Kritik. Und nicht selten musste er gar eine zweite Version eines Gemäldes anfertigen.

Einmal quer durch die Altstadt führt der malerische Pilgerweg nach Santa Maria del Popolo. Für die Cerasi-Kapelle links des Hauptaltars malte Caravaggio zwei Gemälde für die Seitenwände. Links ist die Kreuzigung des Petrus zu sehen. Die Peiniger sind gerade dabei, das Kreuz aufzurichten, an das der Heilige bereits geschlagen ist. Mit wachem Blick schaut Petrus direkt den Betrachter an. Die rechte Seitenwand zeigt die Bekehrung des Paulus. Zu Boden gestürzt liegt Paulus unter seinem Pferd. Die Szene ist wie auf einer Theaterbühne von oben beleuchtet, der Hintergrund wieder vollkommen schwarz. Ganz nach vorne an den untersten Bildrand malte Caravaggio die Kreuzigung des Petrus und die Bekehrung des Paulus, sodass der Betrachter ganz nah am Geschehen teilnimmt. Hierin liegt wohl Caravaggios größte Errungenschaft. Neben dem Einsatz des Lichts, der Hell-Dunkel-Malerei und seiner realistischen Malweise schuf Caravaggio durch Blicke, Gesten und Diagonalen einen direkten Kontakt zwischen dem Betrachter und den im Bild dargestellten Heiligen.

1606 hatte Caravaggio nach einer seiner exzessiven Trinktouren mit einem Zechkumpan einen heftigen Streit, bei dem der Maler seinen Gegner schließlich erschlug. Um dem Prozess und der drohenden Todesstrafe zu entgehen, floh Caravaggio aus Rom zuerst nach Neapel und weiter nach Malta und danach nach Sizilien. Rastlos und ruhelos verbrachte er den Rest seines Lebens immer auf der Flucht, bis er schließlich unter ungeklärten Umständen im Juli 1610 in Porto di Ercole in der Toskana verstarb. Seine Leiche wurde nie gefunden. Wer an Caravaggio Blut geleckt hat und zudem bereit ist, die Urlaubskasse ein wenig zu erleichtern, der findet in vielen römischen Bildergalerien noch viel mehr von seiner Malkunst. Die Galleria Borghese besitzt mit sechs Gemälden Caravaggios die größte Sammlung des Künstlers in Rom. Darunter auch „David mit dem Kopf Goliaths“, das als eines seiner letzten Werke zwischen 1609 und 1610 entstand.

Caravaggios Pilgermadonna in der Kirche Sant' Agostino.

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