Wie dreidimensional vor 430 Jahren

Der Kartensaal von den Regionen Italiens in den Vatikanischen Museen wurde frisch renoviert und erstrahlt in neuem Glanz – Der 120 Meter lange Atlas erzählt einiges über die Geschichte Italiens und der Weltkirche. Von Claudia Zeisel

Der Kartensaal in frisch renoviertem Zustand – ein Gang, in dem viele Besucher (leider) keinen Blick für die Farbenpracht der Fresken haben. Foto: Vatikanische Museen

Wenn abends die Touristenströme davongezogen sind und die kühle Abendluft von den Vatikanischen Gärten durch die zahlreichen Fenster des 120 Meter langen, menschenleeren Ganges vor der Sixtinischen Kapelle strömt, schlägt die Stunde von Antonio Paolucci, dem Direktor der Vatikanischen Museen. Dann schreitet er wie die alten Päpste im sechzehnten Jahrhundert an den riesigen Landkarten der einzelnen Regionen Italiens entlang, auf der linken Seite, zwischen den Fenstern zu den Vatikanischen Gärten, blickt er auf die Adriatische Küste – von Friuli, über Venedig, nach Apulien. Auf der rechten Seite, mit den Fenstern zum Belvedere-Hof, betrachtet er, vom goldenen Abendlicht beschienen, die Regionen des Tyrrhenischen Meeres, von Ligurien bis nach Sizilien.

Eine Arbeit mit Kosten in Höhe von zwei Millionen Euro

In dem berühmten Kartensaal, wo normalerweise sechs Millionen Touristen pro Jahr weitestgehend ahnungslos an dessen historischem Wert vorbeigehen, verharrt Paolucci Abende lang. „Es ist mein besonderes Privileg, diesen Korridor alleine betreten zu können. Ich genieße es jedes Mal aufs Neue“, sagt er. Im Auftrag von Papst Gregor XIII. stellte der Kartograph und Dominikaner Ignazio Danti 1581 das besondere Kunstwerk fertig. Auf den 32 drei Meter hohen und vier Meter breiten Karten sind italienische Bergzüge und Flüsse, Städte, Dörfer und Meere mit Fischerbooten, Frachtschiffen, oder Kriegsschiffen mit feinen Pinselstrichen aufgetragen, als habe gestern noch jemand dort gestanden und gemalt.

Tatsächlich wurde hier erst vor kurzem wieder gearbeitet, und zwar im Rahmen von umfangreichen Renovierungen. Ein Team von rund zwanzig Restaurateuren, überwiegend Frauen, arbeitete vier Jahre lang an den Karten. Sie waren extrem vergilbt und an vielen Stellen unlesbar. Auch der Putz löste sich, insbesondere die Pigmente vom Meer begannen zu bröseln. Kein Wunder, erzeugen die Millionen Besucher beim Betreten des Saals doch immer wieder Vibrationen.

Die große Herausforderung bei den alle vierzig große und kleinere Karten umfassenden Restaurierungsarbeiten war es, die Bildoberfläche stabil zu halten und gleichzeitig den Schmutz abzutragen, erklärt Arnold Nesselrath, Direktor der Abteilungen für byzantinische, mittelalterliche und moderne Kunst an den Vatikanischen Museen. „Da kann man natürlich nicht mit Wasser rangehen. Auch wenn das nur ein Tropfen ist, das Wasser schwemmt die Farbe weg. Man muss den Schmutz mit Japan-Papier, so einer Art Löschpapier, abtragen. Das sind bewährte Methoden, die wir auch schon in der Sixtinischen Kapelle angewendet haben.“

Zwei Millionen Euro kosteten die Arbeiten, direkt finanziert von der Stiftung „Patrons of the Arts“, die sich dem Erhalt der Kunst in den Vatikanischen Museen verschrieben hat. Bei der Restauration wurde auch die eine oder andere Entdeckung gemacht. Etwa eine Münze von Papst Urban VIII., eingearbeitet von einem früheren Restaurator in der Darstellung eines Wappens, weiß Francesco Prantera, Leiter des Restauratoren-Teams. „Besonders wichtig war die Aufarbeitung der Farben und die Plastizität. Einige Berge etwa sind schon beinahe dreidimensional, wie 3D von vor 430 Jahren.“

Zwar sind nicht alle Karten nach gleichem Maßstab gefertigt, doch die Genauigkeit liegt insbesondere im Detail: So wurden neben historischen Ereignissen – wie der Schlacht der Heiligen Liga von Lepanto oder der von Hannibal bei Cannae – auch mythologische und biblische Szenen eingearbeitet. Es entstand ein historisch-religiöser Atlas des christlichen Italiens. Dabei war das geeinte Italien von heute damals lediglich eine Idee. „Es war damals zwar noch keine politische Einheit, aber von der Geschichte geeint, von der Kultur, Sprache und der Religion. Der Korridor ist ja auch flankiert von den Heiligen der Regionen, etwa der Madonna von Loreto in den Marken, dem heiligen Ambrosius von Mailand, dem heiligen Markus von Venetien, der heiligen Agata von Catania. Als wolle man sagen, dass das Italien des Papstes, dieser Garten der Kirche, von seinen Heiligen bewacht wird“, so Museumsdirektor Paolucci.

Die Zeit der Anfertigung war für die Kirche und die weltlichen Mächte eine Epoche tiefgreifender Umwälzungen. Die Entdeckung Amerikas 1492 hatte den Schwerpunkt der Handelswege vom Mittelmeer nach Nordeuropa und über den Atlantik verlagert und maßgeblichen Einfluss auf Geographie und Kartographie genommen.

Neuer Glanz für Petrusamt und die Ewige Stadt

Nach der Reformation und dem Sieg europäischer Seeflotten über die Osmanen im Mittelmeer mit der Schlacht von Lepanto wollte sich auch die katholische Kirche neu definieren. Papst Gregor XIII. ließ 1582 den neuen gregorianischen Kalender in Kraft treten und wollte sich ganz in die Tradition seiner Vorgänger des Rinascimento stellen und der Stadt Rom sowie dem Heiligen Stuhl neuen Glanz verleihen. Er brachte zahlreiche begonnene Bauarbeiten zu Ende, so etwa den Belvedere-Hof im Vatikan.

Mit Ignazio Danti aus Bologna engagierte der Papst einen der besten Kartographen seiner Zeit, den er noch vom Studium her kannte. Gregor wollte den Kartensaal in Rekordzeit entstehen lassen. In nur zwei Jahren (1580–1581) war er fertig, was relativ schnell Nachbesserungen und Restaurationsarbeiten nach sich zog. Eine zweite große Arbeitsphase folgte unter Papst Urban VIII., der mit seinem allgegenwärtigen Bienenwappen auf den Karten Spuren hinterließ. Er wiederum engagierte den deutschen Geographen Lucas Holstenius für die Arbeiten.

Ursprünglich diente der Raum Empfängen und Begegnungen mit dem Papst. Er betrat den Saal von der Palastseite aus, also von der dem heutigen Touristenstrom entgegengesetzten Seite. „Es ist wie eine Wanderung über den Kamm des Apennin, sozusagen die Wirbelsäule Italiens. Gregor XIII. wollte Italien besuchen, ohne den Apostolischen Palast zu verlassen“, erklärt Antonio Paolucci. Ziel war es außerdem, wie bei den Herrschern dieser Zeit üblich, die territoriale Macht der Kirche mithilfe der Karten umfassend darzustellen. Die Tradition reicht bis in die römische Antike, in der die Wände der großen Monumente mit geographischen Darstellungen verziert wurden. Sie hielt sich bis ins Mittelalter und gewann insbesondere im sechzehnten Jahrhundert an Bedeutung. Beispiele sind der Palazzo Vecchio in Florenz oder der Dogenpalast in Venedig. Erstmals aber sollten die Landkarten in einem 120 Meter langen und sechs Meter breiten Saal zu bewundern sein. Bis heute handelt es sich um eine der größten geographischen Bilderreihen der Welt. Und nun ist sie wieder in ihrer ganzen Farbenpracht zu bewundern. Nicht nur für Museumsdirektor Antonio Paolucci.

Mit sogenanntem Japan-Papier wird vorsichtig der Schmutz entfernt. Foto: Vatikanische Museen

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