Das Heilige Jahr der Beichte

Zahlreiche Großveranstaltungen in Rom prägen das Barmherzigkeits-Jahr – Seinen konkretesten Ausdruck findet es in der Spendung des Bußsakraments. Von Guido Horst

Vatican Pope Teenagers
Bei der Heiligjahr-Feier der Jugendlichen nahm Papst Franziskus auf dem Petersplatz sechzehn Jugendlichen die Beichte ab... Foto: dpa

Zugegeben: Es gibt viele Touristen und Rombesucher, die schreiten im Petersdom durch die Heilige Pforte, halten das Smartphone in der Hand und machen Fotos von diesem außergewöhnlichen Moment. Aber es gibt auch die großen und kleinen Gruppen von Pilgern, die andächtig durch das heilige Tor schreiten. Oft trägt jemand ein Kreuz voran, vieler dieser Gruppen kommen aus fernen Ländern. Dennoch lässt einen das Gefühl nicht los, dass viele Getaufte das Gespür dafür verloren haben, was ein Heiliges Jahr eigentlich ist. Seit dem Jahr 1300 gibt es diese Jubiläumsfeste, zuletzt regelmäßig alle 25 Jahre. Das letzte Heilige Jahr in Rom des Jahres 2000 war ein Massenfest – zwei Millennien nach der Geburt des Erlösers Jesus Christus. Das laufende Jahr der Barmherzigkeit ist eigentlich keine historische Jubiläumsfeier, sondern steht unter einem inhaltlichen Motto. Eben dem der Barmherzigkeit.

Doch was meinte Papst Franziskus, als er es – zur Überraschung vieler – angekündigt hat. Soll die Kirche wieder lernen, Barmherzigkeit zu üben? Gegenüber Flüchtlingen, Ausgegrenzten, Armen und in Not geratenen Menschen? Oder jenen, die an den – wörtlich genommen oder im übertragenen Sinn – „Peripherien“ der menschlichen Existenz leben? Das auch. Aber die beständige Verkündigung des Papstes in diesem Heiligen Jahr geht darüber hinaus. Zentraler Aspekt ist für Franziskus nicht die Barmherzigkeit, die Menschen, die Kirche oder religiöse Institutionen anderen Menschen gegenüber erweisen, sondern es ist die Barmherzigkeit Gottes mit seinen Geschöpfen.„Gott vergibt immer alles“, ist ein häufig wiederholter Satz des Papstes. Und sichtbarster und konkretester Ausdruck der Liebe des göttlichen Vaters ist die Vergebung der Sünden im Sakrament der Buße. Darum gehört die Beichte zum Heiligen Jahr dazu, zum Durchschreiten der Heiligen Pforte – nicht nur in Rom, sondern in vielen Kathedralen und Wallfahrtsorten der Welt. Mit der Beichte, dem Besuch der heiligen Messe und dem Gang durch die heiligen Tore ist die Gewinnung des Ablasses verbunden. So schrieb Papst Franziskus in seiner Bulle zum Heiligen Jahr vom April 2015: „Trotz der Vergebung ist unser Leben geprägt von Widersprüchen, die die Folgen unserer Sünden sind. Im Sakrament der Versöhnung vergibt Gott die Sünden, die damit wirklich ausgelöscht sind. Und trotzdem bleiben die negativen Spuren, die diese in unserem Verhalten und in unserem Denken hinterlassen haben. Die Barmherzigkeit Gottes ist aber auch stärker als diese. Sie wird zum Ablass, den der Vater durch die Kirche, die Braut Christi, dem Sünder, dem vergeben wurde, schenkt und der ihn von allen Konsequenzen der Sünde befreit, so dass er wieder neu aus Liebe handeln kann und vielmehr in der Liebe wächst, als erneut in die Sünde zu fallen.“

Das Sakrament der Versöhnung mit Gott ist in der Krise. Die Beichtstühle in den Pfarreien sind oft leer, die Beichte ist heute keine selbstverständlich geübte Praxis mehr. Franziskus will dieses Sakrament neu beleben. Er ist der erste Papst, der selber öffentlich im Petersdom gebeichtet hat, bevor er selber in einem Beichtstuhl Platz nahm. Zu Beginn des Heiligen Jahres hat er die sogenannten „Missionare der Barmherzigkeit“ mit besonderen Beichtvollmachten ausgesandt. Immer wieder spricht er von diesem Sakrament. Für ihn geht es auch darum, dass der Mensch barmherzig mit sich selber ist und sich in einer guten Beichte der alles verzeihenden Liebe Gottes öffnet.

Das laufende Heilige Jahr beeindruckt vielleicht nicht durch die hohen Zahlen der Pilger, die in Rom durch die Heiligen Pforten strömen. Aber es beeindruckt durch die Deutlichkeit, mit der Papst Franziskus eine Lanze für die Beichte bricht.

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