Die römische Kurie als Dauerbaustelle

Franziskus will eine Reform, aber der Umbau stockt. Von Guido Horst

Auf den ersten Blick sieht das Organigramm des Vatikans nach einer wohlgeordneten Behörde aus. Doch das stimmt nicht mehr – spätestens seitdem der Jesuiten-Papst aus Argentinien zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt hat, die römischen Dikasterien – so etwas wie Ministerien und Stabstellen im säkularen politischen Leben – einer tiefgreifenden Reform zu unterziehen. So tiefgreifend, dass am Ende des Prozesses eine Apostolische Konstitution stehen soll, mit der der Papst die Ergebnisse des Umbaus der Kurie in Kraft setzen wird.

Zu diesem Zweck hat Franziskus noch 2013 eine Kommission von ursprünglich acht Kardinälen eingesetzt, die ihn dabei beraten sollen, und diesen Rat später um Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erweitert – wohl auch deswegen, damit wenigstens einer in der Runde sitzt, der von der Kurie etwas versteht. Die übrigen Purpurträger kommen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden: aus München etwa Kardinal Reinhard Marx oder aus Honduras Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga. Der einzige, der zu Beginn Vatikan-Erfahrung hatte und in dem Rat saß, war Kardinal Giuseppe Bertello, seines Zeichens „Präsident der Päpstliche Kommission für den Staat der Vatikanstadt“, kurz also eine Art Gouverneur des kleinen Kirchenstaats. Ein weiterer „Exot“, der australische Purpurträger George Pell, saß zunächst als Erzbischof von Sydney in der oft K9 genannten Gruppe, kam aber 2014 nach Rom und übernahm die Leitung des neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats, das die Aufsicht über alle finanziellen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls führen soll. Somit ergänzte er – neben Staatssekretär Parolin – den Rat um einen weiteren Kurienkardinal.

Die wichtigste Neuerung war – für vatikanische Verhältnisse – die Bündelung aller finanziellen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls in der Hand des Wirtschaftssekretariats von Kardinal Pell. Jahrhundertelang führten die meisten Kassen hinter den heiligen Mauern ein oft unkontrolliertes Leben. Da war in den letzten Jahrzehnten nicht nur das Bankinstitut des Vatikans, das IOR, sondern auch eine Reihe von weiteren Guthaben: beim Staatssekretariat, bei der Missionskongregation „Propaganda fide“ an der Piazza di Spagna, die zudem mit einem gut bestückten Fundus von Immobilien in zentraler römischer Wohnlage ausgestattet ist, bei der Immobilien- und Güterverwaltung des Vatikans, der APSA, bei päpstlichen Stiftungen und Institutionen, die wahrscheinlich der Heilige Vater selbst nicht kannte. Es war kein Wunder, dass Kardinal Pell einen Machtkampf mit allen diesen Einrichtungen langer Tradition führen musste, um zumindest einen Einblick in die dortigen Geldverhältnisse zu gewinnen. Und der Machtkampf geht weiter. Immerhin geht es dem Wirtschaftssekretariat nicht nur darum, „Einblicke“ zu erhalten, sondern auch zu kontrollieren. Auswärtige Beratungsfirmen waren nötig. Sie sind es immer noch, um dem Wirtschaftssekretariat zu helfen, eine nach internationalen Standards übliche Finanzverwaltung aufzubauen, die alle Zuständigkeitsbereiche des Vatikans umfasst – übrigens auch der über alle Kontinente verteilten Päpstlichen Nuntiaturen.

Einige der Päpstlichen Räte, das ist inzwischen beschlossene Sache, sollen unter dem Dach von zwei neu zu errichtenden Kongregationen zusammengefasst werden. So soll ein neues Dikasterium für „Laien, Familie, Leben“ entstehen, das die Räte für die Laien und für die Familie vereinen wird, unter dessen Dach dann auch die Päpstliche Akademie für das Leben arbeiten soll. Eine weitere Kongregation ist geplant, die dann für „Caritas, Gerechtigkeit und Frieden“ zuständig ist und in der die beiden Päpstlichen Räte „Cor unum“ – das kleine Hilfswerk der Päpste – und der Rat „Iustitia et Pax“ aufgehen sollen.

Doch die wichtigste Institution – und damit Herzstück der Kurienreform – stand noch nicht auf dem Prüfstand: das vatikanische Staatssekretariat. Soll es eine Superbehörde bleiben, wie bisher mit zwei Sektionen: der ersten, zuständig für die inneren Angelegenheiten des Vatikans, und der zweiten, zuständig für die Beziehungen zu den Staaten? Oder teilt man es auf: in ein tatsächliches kleineres Sekretariat, das dem Papst zuarbeitet, und macht aus der zweiten eine Art „Außenministerium“ des Vatikans? Viel wurde darüber im Kardinalsrat und an dessen Rand diskutiert, aber konkrete Pläne gibt es noch nicht.

Anders ist das bei der Medienarbeit. Hier wurde schon eine Art Superbehörde geschaffen, das Sekretariat für Kommunikation, an dessen Spitze Papst Franziskus im Juni 2015 nicht einen Kardinal oder Erzbischof, sondern einen einfachen Priester setzte, den Medienfachmann und bisherigen Chef des Vatikan-Fernsehens, Dario Edoardo Vigano. Seit seiner Gründung arbeitet das Kommunikationssekretariat im Stillen, aber die Arbeit scheint gewaltig zu sein – immerhin gilt es eine ganze Latte von bislang unabhängig nebeneinander wirkenden Medieneinrichtungen des Vatikans zusammenzuführen und besser zu vernetzten: das Presseamt, den Päpstlichen Medienrat, Radio Vatikan, das vatikanische Fernsehzentrum, die Papstzeitung „Osservatore Romano“, den Vatikanverlag „Libreria Editrice Vaticana“, die Vatikandruckerei, das Internetbüro des Heiligen Stuhls und den Fotodienst. Das kann ja heiter werden, möchte man sagen. Das waren alles stolze Einrichtungen mit ihren völlig selbstständigen Chefs, die nun in einer neuen Behörde aufgehen sollen. Ein mächtiges Stück Eisen, das da noch zu schmieden ist. Was dann auch für die Kurienreform insgesamt gilt. Ob Papst Franziskus einst selber die Unterschrift unter die abschließende Kurien-Konstitutionen setzen wird? Seit drei Jahren arbeitet man an der Reform. Bleibt es bei dem Tempo, kann das noch dauern.

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