Im Schwalbennest am riesigen Dom

Rektor Hans Peter Fischer vom Campo Santo Teutonico im Schatten des Petersdoms über seine Erfahrungen im Heiligen Jahr. Von Guido Horst

Fischer
Rektor Hans-Peter Fischer. Foto: KNA
Wie erleben Sie als Rektor des Campo Santo Teutonico das Heilige Jahr?

Wir erleben das als eine großartige Initiative von Papst Franziskus. Wenn auch der Start für uns als Erzbruderschaft etwas kompliziert war. Denn am 8. Dezember feiert unsere Erzbruderschaft immer ihr Bruderschaftsfest. Am 8. Dezember letzten Jahres begann aber auch das Jahr der Barmherzigkeit. So haben wir unser Fest aus praktischen Gründen auf den 6. Dezember vorverlegt. Zur Eröffnungsfeier des Heiligen Jahrs habe ich mit viel mehr Menschen gerechnet. Bis Februar blieben die erwarteten Massen Rom fern. Aber seit Ostern ist die Stadt voll. Wir erleben, dass die Menschen, die – vor allem aus den deutschsprachigen Ländern – nach Rom kommen, in der Regel auch uns, die älteste deutschsprachige Nationalstiftung in Rom besuchen. Mit Blick auf die große Petersbasilika befinden wir uns links im Schatten der großen Kuppel. Früher sagte man über unsere Institution wir seien „das Schwalbennest am riesen Dom“. Ich erlebe das Heilige Jahr als etwas Erfrischendes, auch für unsere Erzbruderschaft und Institution am Campo Santo.

Sie blicken auf eine außergewöhnlich gut besuchte Fronleichnams-Prozession zurück. War das der Effekt „Jahr der Barmherzigkeit“?

Bestimmt tangiert das Jahr der Barmherzigkeit so eine Veranstaltung. Aber die Fronleichnamsprozession am Campo Santo ist etwas ganz Außergewöhnliches und Besonderes. Seit 2013 feiern wir den Gottesdienst am Samstag nach Fronleichnam. Um 16 Uhr versammeln wir uns auf dem Platz zwischen Campo Santo und der Petersbasilika und gehen gemeinsam durch die Vatikanischen Gärten hinauf auf den Vatikan-Hügel. Dort befindet sich in wunderbarer Stille eine Kopie der Lourdes-Grotte, dem Erscheinungsorts Marias in Frankreich. 2013 zelebrierte zum ersten Mal Erzbischof Georg Gänswein die Messe in der Lourdes Grotte. Ihm ist es auch zu verdanken, dass es inzwischen Tradition wurde. Wir hätten uns nie getraut zu fragen. Denn wie gesagt, wir leben im Schatten von Sankt Peter. An einem guten Miteinander mit der Schweizer Garde und den Verantwortlichen im Vatikan liegt uns viel. Ein zu forsches, forderndes Auftreten ist nicht unsere Art. Doch unsere kleine Kirche, die nur zweihundert Sitzplätze hat, konnte die Menschenmenge, die in den vorherigen Jahren zu unserem Fronleichnamsfest kam, nicht mehr fassen. Draußen sind wir zwar auf den heiligen Petrus und das gute Wetter angewiesen, haben dafür aber vor der Lourdes Grotte viel Platz. Einen Effekt hatte das Heilige Jahr in gewisser Weise schon. Denn die Mund-zu-Mund-Propaganda der Gläubigen, die anderen von dieser Glaubenserfahrung berichten, funktioniert.

Gibt es weitere „Highlights“ in diesem Jahr?

Am zweiten Sonntag im September beginnen wieder unsere Bruderschaftsmessen. In diesem Rahmen werden wir eine Ausstellung eröffnen, die erstmalig vom 11. bis 15. September nicht in der Kirche, sondern auf dem Friedhof zu sehen sein wird. Der 15. September ist für uns ein besonderes Datum, es ist der Tag der Schmerzhaften Muttergottes, während am 14. das Fest der Kreuzerhöhung gefeiert wird. Die Erzbruderschaft hat seit je her eine tiefe Verbindung zum Kreuzesmysterium. So ist auf unserem Friedhof zentral ein großes Kreuz angelegt und Darstellungen der Kreuzwegstationen zieren die Umlaufmauer. Hier mitten im Friedhof wird eine Installation gezeigt. An jedem Tag werden verschiedene Gruppierungen wie die Schweizer Garde oder die Erzbruderschaft für die Zeit der Ausstellung morgens eine heilige Messe und am Abend einen immer anders gestaltenden Kreuzweg anbieten. Ein weiteres Highlight ist natürlich das Bruderschaftsfest zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Marias, das dieses Jahr auch wieder wirklich am 8. Dezember stattfinden wird. Wer mit uns im kleinen familiären Rahmen am 8. Dezember morgens um 9 Uhr die Messe feiern möchte, ist herzlich eingeladen.

Der Campo Santo liegt direkt neben Santa Marta, dem Gästehaus des Vatikans, in dem der Papst wohnt und arbeitet. Wie nehmen Sie diese Nachbarschaft von Franziskus wahr?

Wir freuen uns natürlich, dass wir Nachbarn von Papst Franziskus sein dürfen. Genauso wie wir schon die Nachbarschaft zum vatikanischen Palast nicht nur als ein Privileg, sondern immer auch als eine Verpflichtung empfunden haben. Natürlich ist Santa Marta im Gegensatz zum päpstlichen Palast dem Campo Santo viel näher. Sicherheitstechnisch sind wir jetzt mehr im Visier der Vatikan-Polizei und der Schweizer Garde. So muss ich unsere Besucher auch immer wieder um Verständnis bitten. Denn es kann schon vorkommen, dass man für einige Minuten seiner Freiheit beraubt auf dem Campo Santo eingeschlossen wird, wenn Papst Franziskus zu Fuß oder mit dem Auto auf dem Weg zum Petersplatz direkt am Friedhof vorbeikommt oder auf dem Rückweg nach Santa Marta ist. Das hat aber auch etwas Positives, denn durch das Eisentor des Campo Santo kann man Franziskus in unmittelbarer Nähe sehen. Die Nachbarschaft ist aber auch Aufgabe, wie es uns Franziskus immer einschärft, für ihn zu beten.

Worauf sollte der Besucher achten, wenn er das Tor zum Campo Santo durchschreitet?

Mit Blick auf den Petersdom geht es durch den linken Kolonnadenarm zum ersten Tor, die Auto-Einfahrt in den Vatikan, an dem zwei Schweizer Gardisten Wache halten. Die Gardisten schicken die Besucher zur Sicherheitskontrolle. Die zweite Kontrolle findet bei der Vatikan-Polizei statt. Die verweist freundlich auf das eiserne Friedhofstor, durch das der Besucher in eine Oase eintritt. Viele glauben oftmals nicht, dass das ein Friedhof ist. Vielmehr gleicht er einem Paradiesgarten, was ja wortwörtlich sogar stimmt, denn in der Beerdigungsliturgie heißt es: „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich empfangen“. Der Campo Santo Teutonico befindet sich schließlich auf dem Boden, an dem die ersten Märtyrer gestorben sind. Eine Besonderheit, die aber für uns zur Aufgabe wird, die Willkommenskultur zu pflegen und Zeugnis zu geben von diesem Ort des Martyriums des heiligen Petrus und der ersten Märtyrer Roms.

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