Erlebnis mit Leib und Seele

Wer sich überwindet und beichten geht, wird vom barmherzigen Gott reich beschenkt. Von Weihbischof Dominikus Schwaderlapp

Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Foto: KNA
Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Foto: KNA
Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Foto: KNA

Es gibt keine größere Sehnsucht des Menschen als die, geliebt zu werden und Liebe zu schenken. Deshalb sind verliebte Menschen glückliche Menschen – wenn ihre Liebe erwidert wird. Dabei ist Liebe mehr als Gefühl und Gedanke. Liebe sucht nach sinnlich wahrnehmbarem Ausdruck – durch Wort, Tat oder Geste. Zu hören – Ich liebe dich – ist viel mehr, als sich diese Tatsache nur zu denken. Dass dem so ist, liegt daran, dass wir Wesen mit Leib und Seele sind. Wir bestehen nicht nur aus Kopf, Verstand, Wille und Erkenntnis. Wir haben auch einen Leib, der zu unserem Menschsein dazugehört. Dieser Leib ist in gewissem Sinne für den Geist das, was das Musikinstrument für den Komponisten ist. Erst das Instrument bringt die Komposition, die sich ein Künstler erdacht hat, zum Klingen. Worte und Gesten sind für uns Menschen nicht äußerliche Zugabe, sondern bringen unsere Gedanken erst in die volle Wirklichkeit. Eine Zärtlichkeit ist daher nicht nur Ausdruck, sondern Verwirkli-chung von Liebe.

Das gilt nun nicht nur, wenn wir uns Liebe mitteilen. Das gilt auch dann, wenn wir nach Wegen suchen, verletzte Liebe wieder zu heilen. Nehmen wir an, ich bin wütend auf jemanden. Und in meiner Wut werfe ich ihm sehr verletzende Worte an den Kopf. Im Nachhinein nun sehe ich ein, dass dies falsch war. Ich bereue es und möchte das wieder gutmachen. Damit aus diesen Gedanken Wirklichkeit werden kann, muss ich diese irgendwie äußern. Denn Versöhnung sucht ebenso nach Ausdruck wie Liebe. Und ebenso wie Liebe wartet auch die Bitte um Verzeihung auf Antwort und Annahme. Erst dann kann Versöhnung geschehen. Unsere Formulierung im Deutschen – „Ich entschuldige mich“ – führt daher eigentlich in die Irre. Ich kann mich gar nicht selbst entschuldigen. Nur der, dem ich ein Leid zugefügt habe, kann mich entschuldigen, indem er meine Bitte um Vergebung annimmt.

Wir sind also Menschen mit Leib und Seele und damit Verstandeswesen und Leib-wesen. Zugleich müssen Gedanken sich verleiblichen, damit sie zu vollen Wirklich-keit gelangen können. Und hier kommen wir an das Großartige unseres Glaubens. Gott wird Mensch. Gott „passt sich“ unserer Natur „an“, ohne sein Gottsein zu verlieren. Er will uns in der Weise begegnen, die uns als Menschen mit Leib und Seele am besten entspricht. Der Gottes- und Menschensohn kommt in die Welt. In Jesus Christus verleiblicht sich Gott für uns – hörbar, sichtbar und fassbar. Das setzt sich fort in der Kirche, die in ihrer Sichtbarkeit – in ihrer „Leiblichkeit“ – Heilsinstrument in der Hand Gottes ist. Konkret zeigt sich dies in den Sakramenten. In ihnen begegnen wir Christus, der sich uns sinnlich wahrnehmbar beschenkt. Sakramentale Begegnung bedeutet leib-seelische Begegnung mit Christus.

Schauen wir uns vor diesem Hintergrund das Bußsakrament an: Seinen Aposteln gibt der Herr am Ostertag den Auftrag: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Johannes 20, 22f.). Christus will, dass die Apostel und ihre Nachfolger den „Dienst der Versöhnung“ (2 Korinther 5, 18) in der Vollmacht Jesu tun – hörbar und erlebbar.

Gott schenkt uns nicht nur Versöhnung, er schenkt sie uns in der Weise, die unserer leib-seelischen Konstitution am besten entspricht. Was für eine Liebe, was für eine Barmherzigkeit!

Leider ist das Bußsakrament das unbeliebteste aller Sakramente. Es kostet ja tat-sächlich gewisse Überwindung, ehrlich und ungeschützt sein Leben unter die Lupe zu nehmen. Aber es bleibt eben nicht bei niederschmetternder Selbstanalyse. Alles, was nicht gut war in meinem Leben, kann ich buchstäblich aus mir herauslassen, indem ich es hörbar bekenne in einem Raum absoluter Vertrautheit und Verschwiegenheit. Und dieses ausgesprochene Wort bleibt nicht einfach in der Luft hängen. Die damit verbundene Bitte um Vergebung wird von Christus durch den Dienst des Priesters ebenso hörbar angenommen. „Ich spreche dich los von deinen Sünden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Hier wird Barmherzigkeit zum Erlebnis mit Leib und Seele. Es mag Selbstüberwindung kosten, doch wer sich einmal überwunden hat, wird reich beschenkt. Denn Versöhnung erneuert Liebe, und Liebe macht glücklich!

Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Foto: KNA

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