Leuchtendheller Edelstein Maria

Ihre musikalischen Kompositionen waren Teil ihrer Visionsschriften: Eine Antiphon von Hildegard von Bingen. Von Barbara Stühlmeyer

Hildegard von Bingen, dargestellt auf einem Fenster von St. Martha in Morton Grove im US-Staat Illinois. Foto: IN

„O funkelnder Edelstein/

du heiterer Schmuck der Sonne,/

der in dich hineingeschenkt wurde,/

springender Quell aus dem Herzen des Vaters,/

er ist sein einzigartiges Wort,/

durch das er schuf der Welt erste

Materie,/

die Eva durcheinanderbrachte./

Dieses Wort hat dir, Vater, den

Menschen bereitet,/

und wegen ihm bist du jene leuchtende Materie,/

durch die dieses selbe Wort alle

Tugenden verströmte,/

damit alle Geschöpfe aus der

ursprünglichen Materie hervorgingen.“

Bemerkenswerte Poesie einer Visionärin aus dem 12. Jahrhundert in hinreißenden Klangkaskaden vertont, die Zweige sind, deren enge Verbindung mit dem Wurzelgrund des Gregorianischen Chorals klar erkennbar ist und die doch einen ganz eigenen Charakter haben. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal neben dem größeren Tonumfang, der emotionalen Ausdruckskraft der Modi, der mittelalterlichen Kirchentonarten, und dem ebenfalls vom klassischen Choral abweichenden Gebrauch der Neumen, der aus dem Dirigat entwickelten mittelalterlichen Notenzeichen, ist, dass wir die Autorin des Textes und Komponistin der Melodie kennen. Beide sind nicht, wie im Choral sonst von wenigen Ausnahmen wie dem Pfingsthymnus, oder den Sequenzen zum Oster- und Pfingstfest abgesehen, üblich, anonym überliefert.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als man sowohl den Gregorianischen Choral als auch dessen Spätblüten wiederentdeckte, war diese Autorschaft ein Skandalon. Es konnte doch nicht sein, dass ausgerechnet von einer Frau ein derart umfangreiches, 77 Gesänge und das geistliche Singspiel Ordo Virtutum umfassendes Repertoire überliefert worden war. Die Auseinandersetzung mit diesem ungewöhnlichen Opus führte immer wieder zu der Frage: Hat Hildegard diese Gesänge wirklich selbst komponiert? Ist dieses in zwei großen Sammelhandschriften überlieferte Werk wirklich von ihr, oder hat ein Autorenteam unter dem Namen Hildegards an den Kompositionen gearbeitet? In der wissenschaftlichen Debatte ist diese Frage wiederholt neu aufgeworfen und kontrovers diskutiert worden. Doch eigentlich liegen die Fakten klar auf der Hand: Zahlreiche Texte ihrer Gesänge sind Teil ihrer Visionsschriften. Insofern konnte die Frage nach der Autorschaft Hildegards für sie in Zusammenhang mit den quellenkritischen Studien der Eibinger Benediktinerinnen Marianna Schrader und Adelgundis Führkötter geklärt werden. Es blieb die Frage nach der kompositorischen Tätigkeit Hildegards. Hier stehen uns als Antwort die Aussagen der zeitgenössischen Quellen zur Verfügung, die Hildegards diesbezügliche Tätigkeit thematisieren. Besonders interessant ist der dem Pariser Magister Odo zugeschriebene Brief, der ihre ungewöhnlichen Kompositionen erwähnt. Er zeigt, da es sich bei diesem Schreiben um eine Kompilation handelt, dass Hildegard sich als eine Komponistin präsentieren wollte, deren Gesänge zugleich mit ihren Visionsschriften einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden sind. Ebenfalls aufschlussreich ist der Briefwechsel mit Guibert von Gembloux, da er die Aufführung der Gesänge mit Instrumentalbegleitung erwähnt.

Über die Entstehung der Gesänge informiert zudem eine Selbstaussage Hildegard von Bingens: „Aber auch Gesänge mit Melodien zum Lobe Gottes und der Heiligen brachte ich ohne die Belehrung irgendeines Menschen hervor und sang ich, obwohl ich weder Neumen noch Gesang erlernt hatte.“

Hildegard betont hier, wie auch in Bezug auf ihre Visionsschriften, ihren Status als ungelehrte Frau und stellt damit das Komponieren in einen konkreten Deutungszusammenhang. Sie möchte, dass ihre kompositorische Tätigkeit ebenso wie die als theologische Schriftstellerin auf dem Hintergrund ihrer visionären Begabung wahrgenommen wird. Die Rückbindung an diese besondere Erfahrung ist aber keineswegs gleichbedeutend mit fehlender Bildung. Dies gilt in Bezug auf die Visionswerke ebenso wie im Hinblick auf die Kompositionen. Belege für ihre musiktheoretischen Kenntnisse finden sich im Brief an die Mainzer Prälaten, in dem sie den Einsatz der Guidonischen Hand beschreibt. Es liegt also nahe, Hildegards Selbstbeschreibung als ungelehrte Frau als Geste der Bescheidenheit zu deuten. Sie lässt auf diese Weise Gott, der ihr Leben so sehr geprägt hat, groß sein und verweist darauf, dass sie ihr Werk ihm als eigentlichem Urheber verdankt. Ihre Schriften und Kompositionen erhielten in ihren und den Augen ihrer Zeitgenossen so einen höheren Rang, als wenn sie sie allein ihrer eigenen Begabung zugeschrieben hätte.

In den Mariengesängen, die den thematisch größten Block innerhalb der Kompositionen bilden und von Hildegards eigener, marianisch geprägter Spiritualität Zeugnis ablegen, entfaltet sich Hildegards menschenfreundliche Theologie. Entgegen dem Mainstream, in dem die Sünde Evas allen Frauen angerechnet wurde, ließ Hildegard ihre Schwestern singen: „Den Tod, den eine Frau gebracht, hat eine lichte Jungfrau überwunden. Darum ruht höchster Segen auf der Gestalt der Frau vor aller Kreatur“, und distanzierte sich so von einer Theologie, die Frauen wegen ihres Geschlechtes schuldig sprach. Maria hat durch ihre Offenheit für das Wirken Gottes das Handeln Evas nicht nur ausgeglichen, sondern mehr als gutgemacht. Interessant ist, dass sowohl Maria als auch Eva in den Mariengesängen stets als handelnde, mithin als frei auf den Willen Gottes antwortende Menschen dargestellt sind. Maria werden dabei Begriffe zugeordnet, die ein hohes Maß an Kreativität, an aufbauenden, heilenden Kräften zum Ausdruck bringen. Die Textaussagen unterstützt und verstärkt Hildegard durch das Klanggewand, das sie aus der Haltung der schauend Hörenden hinaus webt. Neumenzeichen und melodischen Motive werden so gesetzt, dass innerhalb des poetischen Textes spirituelle Räume eröffnende, sinnstiftende Netzwerke entstehen, in denen die Zuwendung des liebenden Gottes leibhaftig erfahrbar werden konnte. Offenkundig war es Hildegard wichtig, gerade diese Kräfte zu geistlichen Grundhaltungen werden und das geistliche Leben in ihren Konventen sich entfalten zu lassen. Leibfeindlicher Askese gab sie keinen Raum und ließ ihre Schwestern die Eucharistie an den Festtagen in weißen Seidengewändern und festlichem Schmuck feiern.

Auch die Modi sind nicht nur einfach Tonarten. Die Menschen in der Antike und im Mittelalter waren vielmehr davon überzeugt, dass sie die Stimmung der Menschen beeinflussen können. Deshalb gab man sich große Mühe, für jeden Text die passende Tonart zu finden. Lieder für Kinder und Jugendliche sollten, das sagten wenigstens die Musiktheoretiker, fröhlicher und beschwingter sein, während man für sehr alte Menschen lieber ruhige Modi wählte. Im 12. Jahrhundert fassten die Komponistinnen und Komponisten die acht überlieferten Tonarten, von denen ohnehin je zwei eng zusammengehörten, zu vier Tonarten zusammen. Das Ergebnis war eine Musik, die sehr energiegeladen wirkte, weil die Melodien einen größeren Tonraum verwendeten. Hildegards Musik ist, wenn man ihre Gesänge mit anderen Kompositionen ihrer Zeit vergleicht, von stärkerer emotionaler Ausdruckskraft und geistlicher Energie als die ihrer Kolleginnen und Kollegen. An den Gattungen, zu denen ihre Kompositionen gehören, wird klar erkennbar, dass Hildegard wirklich für den Gottesdienst komponiert hat. Sie entsprechen in der Reihenfolge der Häufigkeit nämlich genau den Gesängen, die in der Liturgie benötigt werden. Es handelt sich dabei um Antiphonen, Responsorien, Sequenzen, Hymnen, Sinfoniae, ein Kyrie, ein Sanctus und ein geistliches Singspiel.

„O splendidissima gemma, o leuchtendheller Edelstein“ können Sie auf den CD's „Feminea Forma Maria“ (Ensemble Mediatrix, Ltg. Johannes Berchmans Göschl) beim Label Calig und „Hildegard von Bingen – Ordo Virtutum“ (Ensemble Sequentia, Ltg. Barbara Thornton und Benjamin Bagby) bei BMG hören. Eine neue Vertonung des Textes für Stimme und Orgel findet sich auf der CD „Ein Hofer Königspaar“ (Zene Kruzikaite, Gesang, Eva Gräbner, Orgel) beim Label Rondeau, Enjott Schneiders Neuvertonung von Texten Hildegards sind unter www.youtube.com/watch?v=aiBrAA9uubQ zu hören.

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