Dem Geist Gottes einen Klang geben

„Coincidence“: Das Improvisationsprojekt von Peter Michael Hamel und Thomas Gundermann. Von Barbara Stühlmeyer

Das Tor zum Heil, Chor der Engel. Aus dem Lucca Codex, 13. Jahrhundert. Foto: Stühlmeyer

Kann man Kompositionen, die im Grunde Improvisation sind, in einer Reihe über große Werke der Kirchenmusik präsentieren? Ja, man kann. Denn Improvisation, jener Zustand, in dem ein Musiker ganz offen ist, selbst zum Instrument wird, auf dem, wie Hildegard von Bingen in ihrer Sequenz zu Ehren des heiligen Rupertus formuliert, der Heilige Geist singt und spielt, ist Gipfel und Quelle jeglichen Musizierens. Manch ein hochqualifiziert ausgebildeter Instrumentalist oder Musikwissenschaftler wird nun ungläubig den Kopf schütteln. Unter anderem auch deswegen, weil er es nie gewagt hat, sich diesem Zustand radikaler Offenheit auch nur entfernt zu nähern. Musik, das sind doch klar festgelegte Töne, geformt nach dem Willen des Komponisten, einem nachvollziehbaren Strukturprinzip folgend, interpretier- und analysierbar. Wirklich? Nein! Warum nicht? Sehr gut erklären kann man dies an der Entstehung der ersten Hochgebete. Dessen ältestes, das heutige Hochgebet II, basiert auf einem aus der Traditio Apostolica stammenden Text. Die Begründung für seine Entstehung? Der Autor wollte eine Vorlage für all diejenigen anbieten, die nicht in der Lage waren, frei zu beten. Die festgeschriebenen Worte waren kein Korsett, von dem man keineswegs abweichen durfte, wollte man nicht direkt zur Hölle fahren, sondern vielmehr eine Krücke, eine spirituelle Gehhilfe für die zunehmende Anzahl derjenigen, denen die Worte im geeigneten Moment fehlten. Natürlich können liturgische Texte und Kompositionen auch die Frucht einer Inspiration sein, die eine greifbare Gestalt gewonnen hat und deshalb niedergeschrieben worden ist. Am Anfang des liturgischen Singens und Spielens aber steht die Inspiration, der Anhauch des Heiligen Geistes.

Zwei Musiker, denen dies besonders bewusst ist, sind Peter Michael Hamel und Thomas Gundermann. Hamel, 1947 in München geboren, ist Improvisator, Komponist und Musikschriftsteller. Sein 1975 entstandenes Buch „Durch Musik zum Selbst“ war Befreiungsmusiktheorie für alle, die in den engen Grenzen des Denkens und Handelns, das Musikhochschulen damals für statthaft hielten, nicht mehr zu Atem kamen. Aufgegriffen wurde das Buch, in dem der Autor über neue Formen des Hörens, intuitives Musizieren, außereuropäische Musik, antike Musiktheorie, therapeutische Wirkungen von Musik und authentische Musizierformen nachdenkt, auch in der Esoterikszene und von den Jüngern des New Age. Hamel ärgert das, denn deren Rezeption beinhaltet nicht nur eine seinem Denken inkompatible ideologisierte Engführung; sie wirkt ihrerseits verschließend gegenüber der reichen auch kirchenmusikalischen Tradition.

Hamel, der den Münchener Philharmonikern zu ihrem 100. Geburtstag seine 1995 entstandene Missa schenkte und daraufhin vom Erzbistum München und Freising den Auftrag erhielt, für den Aschermittwoch der Künstler eine vielbeachtete Passion zu komponieren, sieht jegliche authentische Musik untrennbar mit der Spiritualität verbunden. Thomas Gundermann ist in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Seine Kindheit war geprägt vom selbstverständlichen täglichen gemeinsamen Singen und Musikhören. Er erhielt Klavierunterricht bei seiner Mutter, einer Klavierlehrerin, das Hören von Mozart und Beethoven war selbstverständlicher Teil des Alltagslebens. Dann entdeckte Gundermann seine Liebe zur Improvisation und begann, sich mit Jazz, der fast ausschließlich improvisierten Musik außereuropäischer Kulturen zu beschäftigen und reiste von da an regelmäßig nach Indien, Marokko oder Osteuropa, um mit den dort lebenden Musikern zu improvisieren. Probleme mit der Verständigung hat er nicht. Denn seine Musik bildet die Brücke, die ihn mit den anderen Instrumentalisten in Kontakt bringt und feste Verbindungen zu knüpfen hilft. Musik ist für Gundermann klingende Spiritualität, der mystischen Erfahrung entströmend, die ihn so perfekt mit den Sufimusikern zusammenklingen lässt, mit denen er regelmäßig musiziert.

Es ist einer jener Zufälle mit Bindestrich, als die beiden Münchener Musiker Thomas Gundermann und Peter Michael Hamel sich im Jahr 2010 in einem Café in Tanger in Marokko treffen. Wie viele Musiker ist auch Gundermanns Weg tief beeinflusst von Hamels 1976 erschienenem Buch „Durch Musik zum Selbst“. Er las darin von John Coltrane, dessen Jazzimprovisationen von nordindischen Shenaispielern inspiriert wurden, erwarb eine Ghaita, mit der er nächtelang in einer Sanddüne der Sahara übte und wurde zu einem Zauberer, der mit altdeutschen Sackpfeifen so improvisierte, dass sich nicht nur Himmel und Erde berührten, sondern auch Ost und West eine untrennbar enge Verbindung eingingen. Natürlich machten Hamel und Gundermann in Tanger gemeinsam Musik, und aus der in den tieferen Ebenen der Seelen längst geknüpften Verbindung entstand ein Projekt, dessen Klänge die engen Grenzen zumindest eines der Instrumente sprengen, auf denen die beiden ihre tönende Welt schaffen.

In „Coincidence“ – der Titel steht für den geistgewirkten Zu-Fall, jenes spürbar den inspirierten Flow auslösende Geschehen, in dem Ideen geboren werden und Menschen sich unmittelbar auf einer tiefen Ebene verstehen – weben Hamel und Gundermann Klangflächen mit Orgel und Sackpfeifen. Ihre Musik entstand in der Münchener Himmelfahrtskirche auf der Eule-Orgel von 1994 im Zusammenspiel mit den Sackpfeifen, die Gundermann auf vielerlei Weisen, europäischen, im Jazz wurzelnden oder orientalischen Spieltechniken zum Klingen bringt. Hamel verwendet Repetitionsmuster mit Elementen der Minimal Music, über denen die notierten oder improvisierten Melodien der Sackpfeifen sich erheben. Was hier erklingt, basiert auf der Improvisation und ist zugleich komponiert – das auskristallisierte Tönen der Inspiration. Je fünf Kompositionen stammen von einem der Musiker, schwingend im 3/4-Takt Gundermanns „Moonlady“ und Hamels „Was bleibt“, zwei Titel schrieben beide, „Christian“, auf einen Musikerfreund gemünzt, und „Coincidence“. Hamels „Einklang“ mit fast zwölf Minuten Dauer benennt das Fundament dieses, wörtlich, polyphonen Musizierens. Es ist eine Musik zwischen den Welten, in denen zugleich die Magie der einen Welt hörbar und fühlbar erklingt. Zutiefst sakral und gründlich von jeglicher die Berührung der Herzen durch den Klang verhindernden Verkrampfung befreit, erfüllt die Orgel ihre Funktion, die Seelen zum Schweben zu bringen, vollendeter denn je, die Verschmelzung mit dem von lebendigem Atem getragenen improvisierten Melismen, die den Sackpfeifen von Gundermann scheinbar mühelos entströmen ist so perfekt, dass man kaum wahrnimmt, wo die Orgel endet und die Sackpfeife beginnt. Auch Östliches und Westliches verbindet sich untrennbar, denn kirchtonale Elemente erklingen hier ebenso wie indische Ragas, arabische Maquams oder Reminiszenzen an Widors Orgelsinfonien.

Wer die komponierten Improvisationen nachhören will, kann dies auf der CD Coincidence – Hamel – Gundermann, erschienen bei Schneeball Records tun. Die Aufnahme ist eine Offenbarung. Hier wird Spiritualität Klang, geisterfüllt, selbstverständlich, wegweisend. Wer Thomas Gundermann und Peter Michael Hamel live erleben will, kann dies am 22. Oktober um 20.00 Uhr in der Kirche St. Maximilian in München tun.

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