Klingende Perlen des Glaubens

Zum Lob des Allerhöchsten singen: Das Salve Regina in C-Dur von Johann Valentin Rathgeber. Von Barbara Stühlmeyer

Er ist Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs, gilt als süddeutscher Antipode Philipp Telemanns und Bindeglied zwischen der strengen Kontrapunktik des Thomaskantors und der Melodik, Harmonik und Rhythmik gleichberechtigt behandelnden gefälligen Beschwingtheit Wolfgang Amadeus Mozarts.

Als Benediktiner lebte er in einer Epoche, in der die Klöster Leuchttürme intellektueller, musikalischer und künstlerischer Entwicklungen waren. Ähnlich wie in den Klöstern des Frühmittelalters und an den Universitäten des Hochmittelalters versammelten sich an der Wende des 17. zum 18. Jahrhundert die besten Köpfe der Zeit in den Konventen, die ihnen mit ihren umfassend ausgestatteten Bibliotheken und ihrem reichen Instrumentarium ausgezeichnete Voraussetzungen zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten boten.

Wie breit das Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten gerade für Komponisten in jener Zeit war, wird beispielhaft deutlich, wenn man die Musik Johann Valentin Rathgebers, dessen Leben und Werk in dieser Biografie, im Kontext seiner Zeit betrachtet, vorgestellt werden soll, mit der Johann Sebastian Bachs vergleicht. Manch ein unbefangener Hörer würde die beiden Männer, die 1682 in Oberelsbach und 1685 in Eisenach geboren und 1750 in Kloster Banz und Leipzig gestorben sind, verschiedenen Epochen zuordnen. Doch tatsächlich erweisen die Werke Rathgebers sich als jene Brücke zwischen barocken und klassischen Ausdrucksformen, durch deren Überschreiten erlebbar wird, wie so kurz nach Johann Sebastian Bach Wolfgang Amadeus Mozarts Klangwelten möglich waren.

Johann Valentin Rathgeber hat einmal gesagt: „Das ganze Leben ist nichts anderes als eine dauernde gegen Gott dankbare Musik, welche Tag und Nacht ununterbrochen das Lob des Allerhöchsten singt.“ Mit aufmerksamen Ohren zu hören, wie die Regel Benedikts es fordert, und das Erlauschte in Klang umgesetzt anderen zu schenken, damit auch sie in den himmlischen Lobpreis einschwingen und Herz und Stimme miteinander in Einklang bringen können, war die zentrale Lebensaufgabe Rathgebers. Sie erschloss sich ihm weder gleich noch leicht. Seine spiralige Biografie zeigt, dass Berufungsgeschichten nicht linear verlaufen müssen, um sinnstiftend zu sein.

Rathgeber war Sohn eines Kirchenmusikers und Schulleiters. Schon während seines Studiums – er hatte sich zunächst für Rhetorik, Mathematik und Rechtswissenschaften eingeschrieben, wechselte aber wohl später zur Theologie, arbeitete er als Erzieher im Würzburger Juliusspital, wo er vor allem wegen seiner musikalischen Fähigkeiten geschätzt wurde. 1707 trat Rathgeber ins Kloster Banz ein und wurde dort Kammerdiener des Abtes Kilian Düring. Abt Kilian war dafür bekannt, dass er stets auf der Suche nach herausragend begabten Mönchen für sein Kloster war und Johann Valentin Rathgeber war, wie schnell an seinem Einsatzfeld deutlich wird, wegen seiner musikalischen Fähigkeiten gewählt worden. Ab 1721 veröffentlicht er zahlreiche Kompositionen verschiedener Gattungen von Messen über Vespervertonungen mit Psalmen und Magnificat im konzertanten Stil, Requien, Orgelwerken, aber auch Unterhaltungsmusik wie dem Musikalischen Tafelkonfekt. Der besondere Schwerpunkt Rathgebers liegt in der feierlichen Ausgestaltung der Liturgie, für die er ein ebenso vielseitiges wie abwechslungsreiches Werk schafft.

Die besondere Liebe des Benediktinerkomponisten, der auch viele Jahre außerhalb seines Banzer Heimatklosters verbringt, um die Musikpraxis in anderen Konventen kennenzulernen und seine Werke dort zu präsentieren, gilt der Gottesmutter Maria, der eine große Anzahl von Werken gewidmet ist. Sein Salve Regina I aus Opus 16 – Antiphonale Marianum – entsteht 1736, zwei Jahre, bevor der Mönch endgültig in sein Kloster zurückkehrt und ist eine von 24 marianischen Antiphonen, die Rathgeber dem Abt Kilian Werlein von St. Lamprecht in der Steiermark und dem Prinzipal der österreichischen Jesuitenprovinz, Franz Molindes, widmet. Die Konzeption des Werkes folgt dem Grundsatz Rathgebers, dass kirchenmusikalische Kompositionen wohlklingend, einfach einzustudieren und liturgiekompatibel sein sollen. Die Länge von 2,5 Minuten entspricht exakt derjenigen des gregorianischen Salve Regina. Die Chorparts sind homophon gestaltet, zeichnen sich durch eine sorgsame Orientierung am Wortakzent und den Vorrang der Textverständlichkeit aus, wie das Konzil von Trient es gefordert hatte und erhalten durch die Begleitung von Basso Continuo und zwei Violinen ein festliches Gepräge.

Die Violinparts sind so gestaltet, dass das Werk im Modulsystem je nach den kirchenmusikalischen Gegebenheiten aufführbar ist. Die Stimmen verlaufen weitgehend parallel und weiten sich an einigen Schnittstellen in effektvolle Zweistimmigkeit aus. Geschickt wechselte der Komponist zwischen chorischen und solistischen Partien, deren Einsätze textbezogen gestaltet sind. So erhebt sich die Klage „ad te clamamus“ nicht nur in aufsteigenden Tonbewegungen und den Prozess des Schmerzes und der inneren Bewegung widerspiegelnden Melismen, Rathgeber setzt Folgen solistischer Partien auch im Sinne des psalmodischen Parallelismus membrorum als verstärkendes Element ein – ebenso wie die Wiederholung einzelner Textabschnitte.

Marianische Kompositionen zu schaffen hatte neben der spirituellen auch eine politische Dimension. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen waren zu Lebzeiten Rathgebers immer noch virulent und es ist kein Zufall, dass Johann Valentin Rathgeber mehrere Werke für das Rosenkranzfest geschrieben hat, ein damals relativ neues, am 7. Oktober gefeiertes liturgisches Fest, das seit 1547 in Spanien nachgewiesen ist und das Papst Pius V. als Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Sieg zum Dank für den Sieg seiner christliche Flotte über das osmanische Reich in der Seeschlacht von Lepanto 1571 überregional eingeführt hatte und das Papst Gregor VIII. 1573 in Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz umbenannte. Ein Jahr nach seiner Geburt, 1683, wurde im Hochstift Würzburg am 3. August ein Dekret erlassen, das angesichts der damals so genannten Türkengefahr zum Gebet für die bedrängten Christen aufrief und nach dem Sieg der kaiserlichen Truppen unter dem Kommando des Prinzen Eugen von Savoyen über das osmanische Reich in der Schlacht von Peterwarden in Ungarn wurde das Fest, dass zu diesem Zeitpunkt in Europa verwurzelt, aber weltkirchlich noch nicht verbreitet war, durch Papst Clemens XI. in den römischen Kalender aufgenommen und von da an bis 1913 am ersten Sonntag im Oktober begangen. In Kloster Banz gab es zur Zeit Rathgebers eine Rosenkranzbruderschaft. Wenn Rathgeber also Marianische Kompositionen und Musik zum Rosenkranzfest komponierte, hatte er hierfür ganz konkrete spirituelle und gesellschaftspolitische Anknüpfungspunkte.

Wer das Salve Regina in C nachhören möchte, kann dies auf der CD Valentin Rathgeber: Missa St. Benedicti tun, die beim Label cpo erschienen ist. Die Aufnahme enthält weitere marianische Antiphonen Ratgebers sowie die Messe zu Ehren des Heiligen Benedikt. Es singt und spielt das Monteverdi Ensemble Würzburg unter der Leitung von Matthias Beckert. Im Herbst erscheint im Verlag Michaelsbund München eine neue Biografie zu Leben und Werk Johann Valentin Rathgebers.

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