Eine heilsame Übung der Demut

Warum regelmäßiges Beichten die Widerstandskräfte der Seele stärkt – Ein Beitrag zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Von Bischof Klaus Küng

Bischof Klaus Küng. Foto: Kathbild/Rupprecht
Lauter Schritte nach oben: Mit der Beichte geht es im Leben oft erst richtig bergauf. Foto: Kathbild/Rupprecht

Meine Erinnerungen an die Beichte als Kind und als Jugendlicher sind eigentlich durchweg positiv. Ich fühlte mich nach einer Beichte wieder freier und froher, empfand es als Vorbereitung für die Feiertage und als Bestärkung auf dem Weg. Einen tieferen Zugang fand ich erst in späteren Jahren als Student, nachdem in mir das Verlangen nach einer echten Nachfolge Christi erwacht war. Jedenfalls ist für mich spätestens ab dieser Zeit die regelmäßige sakramentale Beichte zu einem wesentlichen Bestandteil des geistlichen Lebens geworden und ich kann es nur jedem wünschen, dass er diese wichtige „Ressource“ unseres Glaubens entdeckt. Die Gründe sind vielfältig.

Der regelmäßige Empfang des Bußsakramentes – das heißt auch dann, wenn es keinerlei besondere Vorkommnisse gegeben hat – ist ein Anlass zum Innehalten und Nachdenken: über die innere Verfasstheit, das Gebetsleben, die Erfüllung der beruflichen und anderweitigen Aufgaben, die Verwirklichung der Vorsätze, die man sich aus bestimmtem Anlass vorgenommen hat.

Vor allem ist es ein Anlass zum inneren Aufsuchen des Herrn mit dem Verlangen nach Vergebung und Hilfe, um konsequenter zu kämpfen beziehungsweise es von neuem zu versuchen.

Ist es nicht immer wieder dasselbe, das wir im persönlichen Bekenntnis vortragen? Kommt es zur Veränderung? Hilft es? Wenn ich anderen die Angebrachtheit der regelmäßigen Beichte nahebringen möchte, erinnere ich gewöhnlich daran, dass wir ja auch unsere Kleider regelmäßig waschen beziehungsweise reinigen lassen und dass dies für unser Wohlbefinden wichtig ist, auch wenn wir wissen, dass diese Kleider in Folge des Gebrauches wieder schmutzig werden, auch dann, wenn uns kein besonderes Malheur passiert.

Die regelmäßige Beichte stellt, wenn sie bewusst gelebt wird, aufrichtig ist und zu einem immer wieder erneuerten Bemühen führt, eine gute Unterstützung dar. Können nicht anderweitig – durch Fasten, Opfern, Gebet, durch Teilnahme an der Eucharistie – Sünden vergeben werden? Sicher Ja, und doch ist die regelmäßige Beichte eine bewährte Hilfe, auf die man nicht leichtfertig verzichten sollte. Sie ist eine heilsame Übung der Demut und vor allem eine besondere Art der Begegnung mit Jesus, der für unsere Erlösung, für unsere Rettung den Tod erlitten hat. „Aus seinen Striemen wird uns Heilung“, heißt es beim Propheten Jesaja. Wenn wir in der Regel den gleichen Priester aufsuchen, der uns kennt, ist sie auch Gelegenheit zu geistlicher Begleitung, zu Ermutigung und Bestärkung.

Bei Vernachlässigung der regelmäßigen Beichte besteht dagegen die Gefahr, dass wir in unserem Bemühen nachlassen und notwendige Kurskorrekturen ausbleiben. Es kann dann auch geschehen, dass wir in eine gewisse Verkrampfung geraten, die für unsere Zeit oft geradezu typisch ist. Wir sind wie Getriebene, die unfrei sind, allmählich unfreier werden. Oft beginnt man, sich mit Halbheiten im geistlichen Leben abzufinden, man hört auf, gegen manche Fehler anzukämpfen. Es beginnen Zeichen der Lauheit erkennbar zu werden. Sie ist unsere große Gefahr, größer als jene unserer Schwachheit, ja Sündhaftigkeit, denn Gott vergibt uns unsere Sünden, wenn wir einsichtig und bemüht sind. Bei Lauheit fehlt die Einsicht, das Sündenbewusstsein wird geringer, weil wir uns selbst rechtfertigen und nicht zulassen, dass Jesus uns rechtfertigt. Oft befallen uns so Resignation und lähmende Traurigkeit.

Im Laufe der Jahre ist es mir immer bewusster geworden, wie wichtig dieses regelmäßige Innehalten und Hingehen zu Jesus ist beziehungsweise zu dem Mitbruder, der ihn in der heiligen Beichte vertritt, auch wie wichtig es ist, beim Erfahren unserer Schwächen und Ohnmacht gewissermaßen auf die Knie zu gehen.

Damit verknüpft ist noch ein weiterer Aspekt. Wer regelmäßig das Bußsakrament empfängt, wird, wenn tatsächlich größere Probleme auftreten, ein grober Fehler passiert oder eine besondere Situation entsteht, möglichst ohne Aufschub die Hilfe Jesu im Sakrament der Buße suchen. Ebenso, wenn eine Bedrängnis groß ist und eine schwere Versuchung vorliegt.

Das Bußsakrament ermöglicht es, rasch wieder aufzustehen, wenn man gefallen ist. Es führt auf den Weg zur Wiederherstellung der Verbundenheit mit Gott und des inneren Friedens. Oft durfte ich, an mir selbst und bei vielen anderen erleben, wie man erleichtert ist, wenn Vergebung erlangt wird. Wie von neuem Freude aufbricht und neuer Mut, wie in einem Herzen Leben einzieht, das vorher wie gelähmt oder tot schien. Das Schuldbekenntnis bekommt – wenn es aufrichtig ist und wirklich gottbezogen – den Charakter einer großen Bitte an Gott: um Vergebung und Heilung, um seine Nähe und Hilfe.

Manchmal denke ich an eine Frau, die eine bestimmte Angelegenheit, die ihr Scham verursachte, bis ins hohe Alter nie gebeichtet hat, sich einfach nicht dazu aufraffen konnte. Schließlich wurde sie schwer krank, geriet in akute Lebensgefahr, wagte es aber nicht, den Priester zu rufen. Die betreffende Person ist dann doch nochmals mit dem Leben davongekommen und hatte das Glück, dass ihr ihre Tochter einen Priester vermittelte. So konnte sie doch noch in der Beichte sagen, was sie viele Jahrzehnte schwer belastet hat. Es war beeindruckend zu erleben, welcher Friede diese Frau erfasst hat. Ich habe das mit großer Freude miterlebt und zugleich nicht vermeiden können zu denken: Warum so viele Jahre mit einer riesigen Last! Gott wäre immer schon bereit gewesen. Jede gute Beichte ist eine wunderbare Wohltat Gottes, das Geschenk seiner Barmherzigkeit, der Trost seiner Liebe.

 

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