Im Gesang Gott loben, wie es die Engel tun

„Missa mundi“, die Messe, die in allen Gemeinden der ganzen Welt gesungen werden soll. Von Barbara Stühlmeyer

Im Zuge der Reformen des zweiten vatikanischen Konzils ist die Missa mundi als die lateinische Messe bestimmt worden, die alle Gemeinden auf der Welt singen können sollten. Interessanterweise erfreuen sich lateinische Gesänge in den letzten Jahren einer vermehrten Aufmerksamkeit. In vielen Gemeinden hört man, dass der Gregorianische Choral als meditatives Element in einer mitunter als zugetextet empfundenen Liturgie geschätzt werde. Die Missa mundi ist ein Beispiel für eine leicht singbare Vertonung des Ordinariums, die sich den Mitsingenden schnell erschließt. Tatsächlich fungiert sie, wie beispielsweise die großen Eucharistiefeiern beim Papstbesuch auf dem Weltjugendtag zeigen, als einendes Element. Kombiniert mit Kompositionen im Stil verschiedener Nationen wurde sie zu einem beispielhaften Klangbild der vielgestaltigen Einheit unserer Kirche. Diese Einheit in der Vielfalt, die Papst Benedikt im ökumenischen Dialog seit vielen Jahren hervorhebt, zeigt sich auch in der Genese des Sanctus. Es ist Teil des eucharistischen Hochgebetes, für das es in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte keine festgelegten Formulare gab.

Der heilige Justin bezeugt, dass der Vorsteher das Gebet jeweils so spreche, wie er es vermag und die Gemeinde seinem Gebet mit dem Amen-Ruf zustimme. Die älteste bekannte Textvorlage für ein Hochgebet stammt aus der Zeit um 215. Hippolyt von Rom hat sie ausgearbeitet, weil in seinem Umfeld mehr und mehr Vorsteher Schwierigkeiten hatten, das Gebet selbst frei zu formulieren. Dieses Formular wurde in den Folgejahren nun Stück für Stück ergänzt und erweitert, bis sich aus ihm in der Spätantike der sogenannte Canon Romanus entwickelte. Das Sanctus ist in den Quellen erstmals um 350 nach Christus bezeugt, seit 400 nach Christus ist es fester Bestandteil der Eucharistiefeier. Zunächst wurde es im Wechsel zwischen Klerus und Gemeinde gesungen, deren Part später der Chor übernahm. In komplexeren mehrstimmigen Kompositionen ist das Sanctus häufig zweigeteilt. Der erste Teil hat dabei in der Regel einen festlichen Duktus, während das „benedictus qui venit“ eher meditativ gestaltet ist. Die gregorianischen Vertonungen entstanden in ihrer Mehrzahl zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert. Von den 231 Ordinariumsmelodien, die im 15. Jahrhundert bekannt waren, sind heute noch 21 im Graduale Romanum und fünf im Gotteslob enthalten. Neben den wörtlichen Übertragungen des Sanctus gibt es im Gotteslob eine Reihe von Paraphrasen, die den Text nicht immer vollständig wiedergeben. Das gern gesungene Sanctuslied GL 199 beispielsweise verzichtet auf den dreimaligen Gesang des heilig.

Wie viele Teile des Ordinariums basiert auch das Sanctus auf der heiligen Schrift. Den Text, der dem Sanctus zugrunde liegt finden wir beim Propheten Jesaja, in der Offenbarung des Johannes und in Psalm 118,25. Die Visionen von Jesaja und Johannes stimmen an zwei entscheidenden Punkten überein. Zum einen verwenden beide den dreimal wiederholten Heilig-Gesang. Zum anderen sind es jedes Mal Engel, die ihn singen. Das dreimalige „heilig“ wird als Anrufung des dreifaltigen Gottes gedeutet. Aber warum sind es gerade Engel, die da singen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage findet sich in den Schriften der Hildegard von Bingen. Sie, die offenkundig fasziniert war von den Visionen des Jesaja und des Johannes, hat ebenfalls in einer Schau die vor Gott singenden Engel gesehen und gehört. Das wunderschöne Visionsbild von den Chören der Engel in ihrem Liber Scivias vermittelt einen Eindruck von der Strahlkraft ihrer Vision. Die Engel, so beschreibt Hildegard es, singen Tag und Nacht vor Gott, denn es ist ihre ureigenste Aufgabe, Gott zu loben. Allerdings ist die Zahl der Engel nicht mehr vollständig. Denn ursprünglich waren es zehn Engelchöre, die zum Gotteslob berufen waren. Wer diesen Dienst tut, wird von Gottes lebendigem Licht durchstrahlt. Der Chorleiter eines Chores aber, sein Name ist Lucifer, der Lichtträger, kam nun auf den Gedanken, dass er seine strahlende Schönheit sich selbst verdanke. Deshalb wandten er und sein Chor sich von Gott ab. In diesem Moment aber verwandelte sich ihre lichtstrahlende Leichtigkeit in finstere Schwere und sie stürzten wie ein Klumpen Blei in die Finsternis. Seitdem fehlt ein Chor im Klangbild der Schöpfung. Doch die Menschen sind berufen, den Platz dieses Chores einzunehmen.

Das Gotteslob ist unsere ureigenste Aufgabe, das, worin wir uns im Tiefsten selbst verwirklichen. Je mehr Menschen diesen Dienst wahrnehmen, desto mehr kommt die Welt in Ordnung. Aber welche Lieder sollen wir singen und wie können wir lernen, Gott so zu loben wie die Engel? Ganz einfach: indem wir mitsingen. In jeder Eucharistiefeier werden wir dazu aufgefordert. Denn am Ende jeder Präfation singt oder spricht der Priester „… und singen mit den Engeln und den himmlischen Heerscharen… heilig, heilig, heilig“. Unser Part besteht darin, einzustimmen, so gut wir es eben können. Überflüssig zu sagen, dass es dabei nicht auf die Schönheit der Stimme ankommt. Das, was uns wandelt, ist unsere Bereitschaft, von ganzem Herzen mit einzustimmen. Den Moment, in dem das Sanctus gesungen wird, kann man sich dabei wie einen Kreis vorstellen, der Himmel und Erde verbindet. In der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede ist dieses Kreismodell baulich verwirklicht und erleichtert deshalb die Erfahrung des Singens mit den Engeln.

Die Abteikirche bildet gemeinsam mit dem hinter dem Altarraum angelegten Friedhof für die verstorbenen Mönche einen Kreis. Die Mönche der Abtei sitzen in der Kirche in einem Halbkreis. Sie wissen sich bei ihrem Gesang mit denen verbunden, die bereits im Chor der Engel mitsingen. Der Kreis, der entsteht, wenn wir in der Eucharistie in den Gesang der Engel einstimmen, ist das Ursymbol des Heilen und Ganzen. Heilig – Heilung – Heiligung bilden ein Wortfeld, das die Sehnsucht der Menschen nach ihrem ganz heilen Ursprung berührt. Im Sanctus schwingen wir uns auf eine Frequenz ein, die unsere irdische Existenz übersteigt. Durch den geöffneten Himmel dringt die Klangwelt der Ewigkeit in unsere begrenzte Existenz, erweitert unsere engen Grenzen, schafft weiten Raum, eine Perspektive über den Tod hinaus. Das Sanctus ist die Voraussetzung der Wandlung. Denn nur dann, wenn der Himmel offen ist, kann Gott Mensch werden. Unsere Verantwortung dafür, dass die Wandlung je neu gelingen kann, ist groß. Denn wie offen der Himmel auch immer sein mag – wenn wir nicht einstimmen, kann das Heil nicht wirklich werden.

In manchen liturgischen Formularen oder Veröffentlichungen ist zu lesen, dass man das Sanctus anstatt es zu singen, auch sprechen könne. Aber das ist ganz und gar unmöglich. Man stelle sich doch einfach einmal eine Geburtstagsfeier vor. Die Gäste sind versammelt und erheben sich, um das Geburtstagskind zu ehren. Mit ernster Miene und gesenkter Stimme murmeln sie: Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag, liebe Ilse, zum Geburtstag viel Glück. Es ist unwahrscheinlich, dass eine solche Art der Gratulation ein glückliches Lächeln auf das Gesicht der Geehrten zaubern wird. Auch ein Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit rezitierter Nationalhymne ist ganz und gar undenkbar. Die beiden Beispiele zeigen: Es gibt keine Ausrede dafür, das Sanctus nicht zu singen, schon deshalb, weil ein gesprochenes Sanctus gar kein Sanctus ist. Das Sanctus ist seinem Wesen nach Gesang. Auch wenn wir in einem Gottesdienst ohne die Begleitung einer Orgel auskommen müssen, auch wenn wir kein Pavarotti oder stimmlich indisponiert sind – beim Sanctus gehört das Erheben der Stimme einfach dazu. Denn wer singt, betet hier nicht nur doppelt, sondern wird auch Teil der unübersehbaren Menge der himmlischen Heerscharen. In ihrem Schutz können wir in aller uns eigenen Unvollkommenheit unseren Dienst als zehnter Chor einüben.

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