Auf der Seite der Verlierer

Wie ist Gott? Der Allmächtige – „Tagespost“-Serie zum Heiligen Jahr (Teil IV). Von Klaus Berger

Pantokrator. Fresko in der Kirche des byzantinischen Chora-Klosters, Kariye Camii (14. Jahrhundert) in Istanbul. Foto: KNA

In der Generation der jetzt Lebenden hat die „Allmacht“ Gottes einen höchst verdächtigen Beigeschmack. Das betrifft vor allem den „allmächtigen Vater“ des Credos. Keine Feministin konnte frohen Herzes diese beiden Worte sprechen. Das biblische Gottesbild war und ist hier belastet durch den jeweils umfassenden Machtanspruch väterlicher Gewalt, wie man ihn in den jeweils anderen Kulturen wahrzunehmen scheint.

Für Preußen, dem Musterland des Patriarchalismus, wurde dieses dargestellt in dem historischen Roman von Jochen Klepper „Der Vater“ (über Friedrich Wilhelm I. 1938): Der tyrannische Patriarch also, der Frau und Kinder verprügelt, der bedient und betrogen werden will – das ist der sich allmächtig dünkende Vater, der in Wahrheit doch gar nicht mächtig, sondern erbärmlich ist. Aber man geht noch weiter: Der grundsätzliche Verdacht betrifft jegliche Gewalt und Macht überhaupt. Daher konnten auch viele Zeitgenossen einen Papst, der seines Amtes und aller Macht entsagte, diesen erst seit seinem Rücktritt schätzen, ja, dieser wurde als seine größte Tat bewertet. Und so hätte man es auch gerne vom Herrgott, dass er nämlich seit der Menschwerdung der freiwillig Ohnmächtige sei, so dass man noch nicht einmal von einem Glauben reden dürfe, der doch „die Welt besiegt“.

Nein, gesiegt wird hier nicht. Gott ist auf die Seite der Verlierer getreten. Und so ist auch die innerweltliche Selbstwahrnehmung besonders der evangelischen Kirchen. Denn wer behauptet, wie ohnmächtig er sei, der ist jeder historischen Schuld und aller versteckten Tyrannei unverdächtig. Ein schöner Schein! Hinzukommt, dass man sich oft der Illusion hingibt, eine erdrückende Liebe sei das Gegenteil von Tyrannei.

In den deutschen Bibelübersetzungen ist das Wort „allmächtig“ eine zumeist irreführende Wiedergabe des griechischen Wortes „Pantokrator“. Das Bild, das dieses Wort wachruft, ist freilich ein anderes als das des blutigen Tyrannen. Der Bildtypus Pantokrator, der oft auch durch dieses griechische Wort erläutert wird, zeigt einen Herrscher ohne Attribute seiner Macht (Krone, Schwert), der sich nicht verschanzt. sondern die Arme weit ausbreitet, der ernst, aber nicht böse und verkniffen dreinschaut, zu dessen Füßen sich die Gemeinde zum Singen, aber nicht zum Gemetzel versammelt. Kurzum, ein Herrscher, der Autorität besitzt, das aber nicht in jedem Satz sagen muss, sondern der majestätisch und zugleich verheißungsvoll sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Denn wenn der thronende Pantokrator ein Buch in der Hand hält, dann steht dieses Wort im Johannesevangelium 14, 6. Gewiss, es ist ein Herrscher, der sich da vorstellt, einer, dessen Reich in die letzten Winkel durchdringen will. So wie der römische Kaiser, der allmächtige hieß, weil er bis in den letzten Winkel Germaniens hin respektiert werden wollte. Das geschah, indem man Steuern zahlte und das römische Recht gelten ließ. Allmacht hatte aber nicht das Attribut, das wir oft damit verbinden: Als könnte der Pantokrator, wenn er nur wollte, die Welt und ihre Ordnung auf den Kopf stellen. Letzteres gerade nicht, denn Chaos und Tyrannei, Unrecht und Mord waren nie Attribute von Macht, sondern das Gegenteil.

So möchte ich die biblische Allmacht Gottes, wenn wir schon dieses missverständliche Wort dafür wählen, mit Johannes 14, 6 erklären. Wir geben Gott diese Attribute, weil wir die wahre Macht nicht dem Hau-Ruck, sondern dem Weg zuschreiben. Denn wer vom Weg redet, der hat sehr viel Hoffnung, dass sich für alles ein Weg finden lässt. Gerade bei Politikern ist dieses wirkliche Weisheit, denn jeder Weg, der sich finden lässt, ist ein Vermeiden von Gewalt. Hass und Krieg. „Herr, lass uns wieder einen König sehen, bevor die Welt die Könige vergisst. Denn sonst vermögen wir nicht zu verstehen, nach welchem Maß du deine Ordnung misst“ (Jochen Klepper).

Wir nennen Gott die Wahrheit, weil wir meinen, dass sich die Wahrheit und mit ihr die Gerechtigkeit durchsetzen wird, so wie es von dem weißen Reiter im sechsten Kapitel der Apokalypse heißt, dass er immer weiter vordringe. Und wir nennen Gott Leben, weil in Wirklichkeit nur das Leben, das Gottes Segen hat, Bestand haben kann, dieses aber wirklich. Bekanntlich gibt es neben Christentum, Judentum und Islam eine entfernt biblische Religion, die sich auf Johannes den Täufer beruft, den im Irak beheimateten Mandäismus. Einer seiner Hauptsätze heißt: „Und das Leben ist siegreich“. Anschaulich wird dieser Satz, wenn im norddeutschen Gebirge des Harzes an steinigen Steilhängen das Leben in Gestalt einer grünen Pflanze sich einnistet, die oft genug wieder alles Erwarten zum Baum wird. Genau das ist die Macht des Lebens und eine Spur des Segens Gottes. Da es eine Ahnung davon vermittelt, wer und wie Gott ist. Und im Bild des Herrn des Lebens, der selbst im Steinbruch Bäume wachsen lässt, kommen der Erbarmer und der Allmächtige zusammen.

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