Der Weg der Seele in die Herrlichkeit Gottes

Eine Stimme für Dämonen, Engel und Seelen im Fegefeuer: Edward Elgars „Der Traum des Gerontius“. Von Barbara Stühlmeyer

Er wurde zum Schöpfer einer der wesentlichen identitätsstiftenden Melodien des britischen Empire: Der Komponist Edward E... Foto: un

Edward Elgar ist zweifellos einer der Giganten der englischen Musikgeschichte. Der renommierte Musiker, der, aus der Provinz kommend, sein Kompositionshandwerk im Selbststudium erlernte und sich zeitlebens in der akademisch geprägten englischen Musikwelt als Außenseiter fühlte, obwohl er es bis zum Master of the Kings Music brachte und vom englischen König in den Adelsstand erhoben worden war, wurde zum Schöpfer einer der wesentlichen identitätsstiftenden Melodien des britischen Empire.

Bis heute gehört sein „Pomp and Circumstances March“ mit der Melodie von „Land of Hope and Glory“ zum festen Repertoire der „Last Night of the Proms“ und es ist beeindruckend, wenn Tausende begeisterter Briten in der Royal Albert Hall oder den zahlreichen Parks und Plätzen, auf die das Abschlusskonzert übertragen wird, sich zu diesen Klängen erheben und sich zu einem das ganze Land repräsentierenden Chor vereinen. Was weniger bekannt ist: Der Katholik Elgar komponierte auch zahlreiche kirchenmusikalische Werke. Tatsächlich liegen die musikalischen Wurzeln des Musikers, der in Lower Broadheath außerhalb von Worcester geboren ist und auch in der Zeit, als er in London längst Erfolge feierte immer wieder nach Worchester zurückkehrte, um in der Natur Ruhe zu finden und Bäumen beim Singen zuzuhören, in der Kirchenmusik. Sein Vater William, der in Worcester einen kleinen Musikalienhandel unterhielt, in dem er Noten und Instrumente verkaufte, arbeitete zudem als Klavierstimmer und Kirchenmusiker in der katholischen Kirche St. Georg.

William selbst scheint kein Interesse an Glaubensfragen gehabt zu haben und es heißt von ihm, er habe das Organistenamt, das er rund vierzig Jahre lang innehatte, vor allem aus finanziellen Gründen angenommen. Anders seine Frau Ann. Sie begleitete ihren Mann zu den Gottesdiensten, konvertierte kurz vor Edwards Geburt und ließ auch ihren Sohn katholisch taufen. Seinen ersten Musikunterricht erhielt Edward von seinem Vater, der neben Orgel und Klavier auch Violine spielte. Wenn William Klavierstimmungen in gesellschaftlich gehobenen Kreisen vornahm, lud er seinen Sohn ein, ihn zu begleiten und seine Fähigkeiten auf den frisch gestimmten Instrumenten zu präsentieren.

Edward besuchte die Gottesdienst und Konzerte in St. Georg und las jedes Buch über Musiktheorie, das er in die Finger bekam. Er lernte sogar im Selbststudium Deutsch, weil er gerne am Konservatorium in Leipzig studiert hätte, doch sein Vater konnte den gewünschten Auslandsaufenthalt nicht finanzieren. „The Musical Times“ konstatierte Jahre später, dass dies Elgar letztlich zum Vorteil gereicht hätte, weil sich seine musikalische Prägung so frei von manch festgefahrenen musikalischen Vorstellungen entfalten konnte. Zu den bedeutendsten kirchenmusikalischen Werken Elgars zählt „Der Traum des Gerontius“, oft entgegen dem Wunsch des Komponisten als Oratorium bezeichnet.

Es basiert auf einem 900 Zeilen umfassenden 1865 veröffentlichten Gedicht des seligen Kardinals John Henry Newmann, das den Komponisten viele Jahre begleitet hatte und auf das er zurückgriff, als er im Jahr 1898 beauftragt wurde, für das 1899 in Birmingham stattfindende Triennial Musica Festival ein großangelegtes geistliches Werk zu schaffen. „Der Traum des Gerontius“ ist zweiteilig angelegt und beschreibt den Weg der Seele durch die verschiedenen Jenseitsregionen bis zur Anschauung der Herrlichkeit Gottes. Elgar war nicht der erste Komponist, der sich mit dieser Textvorlage beschäftigte. 15 Jahre vor ihm hatte schon Antonin Dvorak eine Vertonung erwogen und war deswegen auch mit Kardinal Newmann in Kontakt getreten, hatte seine Kompositionspläne aber wieder verworfen. Gerade weil sich Elgar zum Zeitpunkt des Kompositionsauftrags seit mehr als zehn Jahren intensiv mit Newmans Gedicht auseinandergesetzt hatte, fiel ihm die klangliche Umsetzung zunächst schwer. Er begann erst im Herbst 1889 mit den Arbeiten und stellte das Werk ein Vierteljahr vor dem geplanten Aufführungstermin fertig – eine Herausforderung für den Laienchor und die Instrumentalisten, die das komplexe Werk in so kurzer Zeit einstudieren sollten. Die Qualität der Uraufführung war dementsprechend wenig zufriedenstellend. Doch Zuhörer und Musikkritiker erkannten die musikalische Substanz ungeachtet der mangelhaften Umsetzung. „Der Traum des Gerontius“ wurde in der katholischen Londoner Westminster Cathedral aufgeführt, es entstand eine deutsche Übersetzung des Textes, und Aufführungen beim Rheinischen Musikfestival in Düsseldorf machten das Werk schon ein Jahr nach der Uraufführung auf dem Kontinent bekannt. Inhaltlich präsentiert der „Traum des Gerontius“ – der Name des Protagonisten bedeutet übersetzt „alter Mann“, den von einem Priester und Freunden begleiteten Prozess des Sterbens und den von einem schützenden Engel begleiteten Weg durch die Regionen des Jenseits. Die Seele trifft hier auf Dämonen und Engel und erlebt das Gericht in der Begegnung mit Gott und die reinigende und segenspendende Kraft des Fegefeuers. Anglikanische Kleriker kritisierten das Werk als klingende katholische Theologie und verlangten, dass bei Aufführungen in anglikanischen Kirchen, die zu verhindern sie sich aufgrund des überragenden Erfolgs nicht in der Lage sahen, mit modifiziertem Text präsentiert wurde. Die insgesamt ökumenische Rezeption des Werkes hängt auch damit zusammen, dass einzelne Teile des „Traum des Gerontius“ bereits als Liedtexte ins anglikanischen Gesangbuch Eingang gefunden hatten und somit als gemeinsames Liedgut empfunden wurde. Musikalisch zeigt sich „Der Traum des Gerontius“ als großes romantisches Chor- und Orchesterwerk mit vier Solisten. Die Rolle des Gerontius wird vom Tenor gesungen, der begleitende Engel von einem Mezzosopran, der Priester von einem Bariton und ein weiterer Engel von einem Bass.

Der Doppelchor erfüllt verschiedene Funktionen. Mal findet er sich in der Rolle der Freunde, die das Sterben des Gerontius begleiten, er gibt aber auch den Dämonen, den Engeln und den Seelen im Fegefeuer eine Stimme. Formal ist das Werk zweiteilig angelegt. Dem mit 35 Minuten kürzeren ersten Teil folgt ein einstündiger zweiter. Beide Teile sind in sich gegliedert, die einzelnen Teile aber musikalisch eng miteinander verknüpft und werden ohne Unterbrechung vorgetragen, weshalb Elgar mit Recht die Bezeichnung Oratorium als nicht adäquat ablehnte.

Erste Einspielungen von Teilen des Werkes erfolgten schon 1916. Edison Bell machte 1924 eine ebenfalls partielle Aufzeichnung mit stillschweigender Zustimmung des Komponisten, wenngleich Elgar zu diesem Zeitpunkt einen Kontrakt mit dem Label HMV hatte. Die erste komplette Aufnahme erfolgte 1945. Eine hörenswerte Einspielung in jüngerer Zeit erfolgte 2007 beim Label Warner Classics. Es musizieren das City of Birmingham Symphonie Orchestra & Chorus, Janet Baker, John Mitchinson und John Shirley Quirk unter der Leitung von Simon Rattle.

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