Die Welt mit wachen Ohren hören

Musikalischer Lobpreis des Schöpfers – Die Chorkomposition „Look at the world“ des britischen Komponisten John Milford Rutter. Von Barbara Stühlmeyer

Es gibt Musik, die verstörend ist, Klänge, die aufrütteln, solche, die die Ohren umschmeicheln und andere, die rund um den Hörer und mitten in seiner Seele eine Welt aufscheinen lassen, die immer da ist, aber nicht zu jeder Zeit wahrgenommen werden kann.

Zu den Komponisten, die die letztgenannte Form von Musik kreieren, zählt ohne Zweifel John Milford Rutter, dessen Dirigentenstab aus demselben Holz geschnitzt sein könnte wie der Stab des Mose, mit dem er Wasser aus dem Felsen hervorquellen ließ. Die Steine, die der britische Kirchenmusiker, der am 24. September 1945 in London als Sohn eines Chemikers geboren wurde und über dem Globe Pub in der Marylebone Road aufwuchs, erweicht befinden sich allerdings nicht in der Wüste, sondern mitten in den Herzen der Gläubigen, deren Spiritualität er seit 1975 mit seinen Werken stärkt. Rutter besuchte die Highgate School, damals eine reine Jungenschule, die in Schulhäuser gegliedert ist, denen die Schüler zugeteilt werden und deren Mitschüler während der schulischen Ausbildung ihre Familie bilden. Rutter lernte hier gemeinsam mit dem späteren Kirchenmusikkomponisten John Taverner, mit Howard Shelley, der ein bedeutender Pianist wurde, mit Brian Chapple, der als Komponist den BBC Monarchy price gewann und dessen Werke bei den BBC Proms erklingen und mit Michael Nicholas Snowmann, den der „Telegraph“ eine der einflussreichsten Gestalten der klassischen britischen Musikszene der letzten 30 Jahre nennt.

Es ist unter diesen Umständen – die Highgate School verfügt über eine eigene Kapelle, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden, die musikalisch von den Schülern gestaltet werden – nicht überraschend, dass Rutter sich für ein Musikstudium entschied und sich auf Kirchenmusik fokussierte. Sein Studienort, das Claire College in Cambridge, blickt wie viele britische Ausbildungsstätten für Musik auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, es ist mit seiner Gründung im Jahr 1326 das zweitälteste College der Universität Cambridge. Bekannt ist Clare College vor allem durch seinen Kapellchor und seinen Garten. Beide Einflüsse kommen in „Look at the world“ zum Tragen, einem Chorwerk, das 1996 anlässlich des 70. Jahrestages des Rates zum Schutz des ländlichen England entstand und das Diktum von Charles, Prince of Wales, konterkariert, die neopaganen Bewegungen täten mehr für den Umweltschutz als die christlichen Gemeinschaften.

Der Text ermutigt zur Wahrnehmung der Welt, verweist auf die Fruchtbarkeit der Erde, das Zusammenspiel der Elemente, besingt in von der Kenntnis der Psalmen geprägter Sprache die Schönheit der Berge, Felder, Flüsse und den Wechsel der Jahreszeiten und verbindet das Staunen über die Schöpfung mit dem Lobpreis des Schöpfers, dem wir all diese Gaben und Segnungen verdanken. Ein genauerer Blick in die Partitur zeigt die theologischen Tiefenschichten, die der dem Wohlklang verpflichtete Komponist Rutter in sein Werk eingeschrieben hat. In der scheinbaren Einfachheit fokussiert er unprätentiös das Wesentliche. Die Struktur ist antiphonal angelegt und verweist damit darauf, wie stark die englische Kirchenmusik in der Liturgie verwurzelt ist. Dem Unisonogesang der Frauenstimmen, die auch von einem Kinderchor realisiert werden können, was Rutter mit Blick auf das Psalmwort „Aus dem Mund der Kinder schaffst Du Dir Lob oh Herr“ ausdrücklich vorsieht, und Männerstimmen kommt breiter Raum zu – alle Strophen werden einstimmig vorgetragen. Sie repräsentieren die irdische, die horizontale Perspektive, den liebenden Blick auf die Schöpfung, die detailgenau beschrieben und in farbenreiche, berührende Klänge umgesetzt wird. Im Kehrvers hingegen eröffnet sich im Lobpreis des Schöpfers die vertikale Perspektive – dem Querbalken des Kreuzes, den man im irdischen Leben oft mühsam trägt, wird, das Heilszeichen und die Heilserfahrung vervollständigend, der Längsbalken hinzugefügt und der Gläubige so aufgerichtet. Bemerkenswert ist, wie wenig pädagogisch dies daherkommt, dass Rutter keinen spaßbremsenden Zeigefinger zeigt, sondern in der intensivierenden Wirkung des sich in der Mehrstimmigkeit entfaltenden Lobpreises vielmehr die Seelen zu Gott erhebt. Auch in der Wahl der Tonarten spiegelt sich der Weg, den die Seele die Schöpfung wahrnehmend und in ihr den Schöpfer erkennend geht. Denn anstatt, wie man es von einem scheinbar im Schlichten, Harmonischen verharrenden Komponisten wie Rutter erwarten würde, durch ein stetes Aufsteigen in den Tonarten eine Steigerung zu bewirken, tut Rutter das Gegenteil. Er beschreibt im sich langsam vollziehenden Wechsel von C-Dur ins tiefere H-Dur vielmehr den Prozess der spiralförmig im Verlauf des Schöpfungs- und Kirchenjahres sich vertiefenden Erfahrung des Glaubens, aus der heraus es möglich wird, sich zum Himmel zu erheben, der mit dem Wechsel ins strahlende D-Dur verbunden wird. Damit dies für alle erlebbar wird, hat Rutter dieses wie alle seiner Chorwerke so angelegt, dass es, je nachdem, in welchen musikalischen Verhältnissen es realisiert wird, mit Orgel- oder Klavierbegleitung oder mit vollem Orchester interpretiert werden kann.

„Look at the world“ ist typisch für den Stil Rutters, der, in der Tradition der französischen und englischen Chormusik wurzelnd, auch Einflüsse der Unterhaltungsmusik und der klassischen amerikanischen Liedkomposition des Great Amerikan Songbook mit volksliedhaften und Jazzelementen aufweist. Rutter betont, wie sehr seine Kompositionen von der heiligen Schrift und der Liturgie beeinflusst sind und versteht den Genius des Komponisten als die einzigartige Fähigkeit, die Lebenswirklichkeit der Menschen, für die er schreibt, zu transformieren. Seine Verwurzelung in harmonischen Klangwelten, die ihn für all jene uninteressant machen, die der Überzeugung anhängen, neue Musik müsse zwangsläufig verstörend und dissonant sein, hält er entgegen, dass die Reinheit der Musik derjenigen der Mathematik ähnlich sei und referenziert dies mit der von den alten Griechen postulierten engen Vernetzung von Harmonie und ganzzahligen Verhältnissen. Musik und Leben sind für John Rutter untrennbar miteinander verbunden. Seine „Mass of the children“, die Messe der Kinder, entstand kurz nach dem plötzlichen Tod seines zu dieser Zeit am Clare College in Cambridge studierenden Sohnes Christopher.

Rutters Schaffen ist nahezu komplett der geistlichen Chormusik gewidmet. Es umfasst Christmas, Charols, Anthems, Auftragskompositionen, wie das anlässlich der Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton entstandene „This ist he day“, und ausgedehntere Werke, wie sein Gloria, sein Requiem, sein Magnificat oder den im letzten Jahr uraufgeführten, ebenfalls die Schöpfung thematisierenden Zyklus „The gift of live“. Und selbst seine einzige Oper, „Bang!“ entstand für den Trinity Boys Chor und erzählt die Geschichte des Gunpowder Plots, jenes vereitelten Anschlags auf den Palast von Westminster, in dessen Folge die englischen Katholiken massive Verfolgungen zu erleiden hatten, aus der Sicht des Jesuiten Father Garnet. Wer „Look at the word“ nachhören möchte, kann dies auf der CD John Rutter, The Choral Collection des Labels Universal Music tun. Es singen und spielen die von John Rutter gegründeten Cambridge Singers unter der Leitung des Komponisten.

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