Vom Glück, nicht für alle Ewigkeit abgestempelt zu werden

Der Sünder verliert nicht das Recht, von Gott geschützt zu werden, wenn er umkehrt: Warum es sich lohnt, beichten zu gehen. Von Bischof Franz-Josef Overbeck

Bischof Franz-Josef Overbeck. Foto: KNA

Ich war's. Sieben Wochen ohne Ausreden.“ Unter diesem Motto die Fastenzeit zu gestalten, hatte vor Jahren die Evangelische Kirche eingeladen. Es ging um die Ermutigung, auch in den kleinen Dingen des Alltags ehrlich zu sein und sich unverblümt zu dem zu bekennen, was „danebengegangen“ ist.

Im Kleinen wie im Großen werden Menschen schuldig, aneinander, am Wohl der Gemeinschaft, in der und mit der sie leben, an der Schöpfung, am Frieden, an der Versöhnung. Dies geschieht jeden Tag, sei es durch äußere Umstände getrieben oder durch den eigenen Willen bewusst unterstützt. Schuldig zu werden gehört zu uns Menschen und zu unserem Zusammenleben.

„Die war's“, sagen auch diejenigen, die die Ehebrecherin vor Jesus zerren, um sie aburteilen zu lassen. Die entwaffnende Antwort Jesu lautet: Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein (vgl. Johannes 7, 53–8, 11). Die Ankläger werden plötzlich zu denen, die mit ihrer eigenen Begrenztheit konfrontiert sind. Jesu klares Wort der sündigen Frau gegenüber, mit ihr allein, trifft ins Mark: Sündige von jetzt an nicht mehr. Hier geschieht keine Verharmlosung der Sünde. Hier wird Barmherzigkeit konkret. Jesu Handeln und Tun zeigen Wirkung. Sie sind wie die Worte eines Versprechens, die Frau als Sünderin nicht allein zu lassen. Um die schuldig Gewordene wieder mit der Barmherzigkeit Gottes in Berührung zu bringen, zeigt sich Jesus von sich her in seiner unbedingten Zuwendung zu ihr. So verwirklicht sich Gottes Barmherzigkeit. Die Frau kann umkehren.

Es ist das große Glück des Menschen, dass Gott niemanden bis in alle Ewigkeit auf seine Sündhaftigkeit und Schuld festlegt. Gottes Barmherzigkeit selber überwindet jede Unbarmherzigkeit, macht zugleich aber deutlich, dass darin Gottes Gerechtigkeit wirkt. Gottes Barmherzigkeit selbst ist ein Vollzug seiner Gerechtigkeit. Gott setzt uns Menschen ins Recht, auch uns selbst gegenüber. Selbst der sündige Mensch verliert nie das Recht, von Gott geschützt zu werden, denn seine Barmherzigkeit ist voraussetzungslos, aber nicht blind, sieht sie doch die Schattenseiten des Menschen, gerade auch im Blick auf die Opfer von sündigem und schuldhaftem Tun. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind eben keine Gegensätze. Gottes Gerechtigkeit ist seine Barmherzigkeit. Das klingt paradox, gehört aber als Paradoxie zum Christsein. Weil Gott uns in die Freiheit entlassen hat, braucht es darum unsere Umkehr, die uns nichts kostet, denn Gottes Barmherzigkeit ist gratis. Aber sie ist nicht umsonst. Darum sind unser alltägliches Leben und die Antworten, die wir auf die entscheidenden Fragen geben, wie auch unser Handeln, so bedeutungsvoll. Gott will im Alltag mit uns sein.

Bei diesem Alltag genau setzt die Beichte an. Hier zeigt sich auf sakramental dichte Weise, welche Bedeutung unser ganzes Leben im Alltag vor Gott hat, welche Verantwortung wir in Freiheit dafür übernehmen und wie wir mit Jesus Christus verbunden sind und bleiben. Gerade in den Versuchungen und umkehrbedürftigen Situationen des Lebens zeigt sich dem Glaubenden, dass Jesus, der auf Erden gelebt hat, für uns nicht nur ein bloßes gelungenes menschliches Beispiel und Vorbild ist, sondern dass er uns in allem, was er auf Erden als Mensch getan hat, Gott gebracht hat. Im ersten Teil seines Jesusbuches fragt Papst Benedikt XVI. einmal, was Jesus eigentlich gebracht habe, wenn er denn nicht den Weltfrieden, den Wohlstand, nicht die bessere Welt gebracht habe. Die Antwort ist schlicht: Jesus hat Gott gebracht. In Jesus sehen wir Gottes Antlitz, können wir ihn anrufen und kennen den Weg, den wir als Mensch in dieser Welt zu nehmen haben (vgl. Jesusbuch I, 73).

Im Bußsakrament wird Wesentliches dieser Einmaligkeit Jesu zu einem beständigen Ereignis für uns. Dieses Sakrament zu empfangen bedeutet darum: Das Christsein lohnt sich in der persönlichen Verbundenheit mit Jesus. Im Empfang des Bußsakramentes zeigt sich die Umkehrbereitschaft der Christen. Sie signalisiert das Ernstnehmen der Verantwortung für das eigene Leben und zugleich für die Gemeinschaft aller, mit denen wir glauben, also für die Kirche. Buße ist die Bereitschaft, zum Ausdruck zu bringen, dass wir fern von Gott und fern vom Wohl unserer selbst und vieler Menschen gelebt haben. In existenzieller Verbindung mit Jesus Christus zeigt derjenige, der zur Beichte geht, auf personale Weise: Ich war?s! Ich stehe zu meiner eigenen Schuld und bekenne mich dazu. Ich glaube zugleich aber, dass in den dunkelsten Winkeln meiner eigenen Verfehlungen Gott gegenwärtig ist. Er streckt mir, wie der barmherzige Vater, seine geöffneten Arme entgegen.

Hier wird Barmherzigkeit angesichts der Sünde erfahrbar, die von Gott und vom guten Kern in mir selbst trennt. Die Beichte ist Bekenntnis unserer eigenen Ohnmacht, die Brücke der Versöhnung nicht von uns allein beschreiten zu können. Sie ist ein Eingeständnis unserer Begrenztheit, von der wir Christen glauben, dass sie durch Jesus Christus selbst, seinen Tod und seine Auferstehung endgültig aufgebrochen ist. So kommen wir in eine neue Verbundenheit mit Jesus Christus. Diese wird im Bußsakrament Ereignis. In ihr geht es nicht zuerst um das Büßen, in ihr geht es um das neue Finden und das sich Einfinden auf den Weg Jesu Christi, der zu Gott führt. Eine solche Beichte kostet jeden etwas, nämlich die Umkehr; zugleich kostet die Beichte nichts, nur die Barmherzigkeit Gottes, die zwar gratis ist, aber eben nicht umsonst. Gottes Liebe zeigt sich darin, dass er uns die Freiheit lässt, sich nach ihm im Leben der Umkehr auszurichten. In dieser Ausrichtung erfahren wir seine Barmherzigkeit als den Vollzug seiner Gerechtigkeit, denn wir Menschen haben, so zeigt es uns Jesus, Gott gegenüber ein von ihm selbst verbrieftes Recht darauf, von ihm geliebt zu werden. Wir können uns dieses Recht nicht nehmen, aber Gott hat es uns zugesprochen. Darum verharmlost Jesus auch die Sünde nicht. Die Sünderin des Johannes-Evangeliums ist für Jesus nicht nur Sünderin. Er sieht das Größere in ihr; sie ist und bleibt geliebtes Kind Gottes. Diese Erfahrung kennt keine Grenze. Darum gibt es Beichte. Sie ist der Erfahrungsraum dieser entgrenzenden Liebe Gottes für den Menschen. Das zu erfahren, zeigt, wie Sakrament und Existenz zusammenhängen, und lohnt sich immer.

 

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