Von Gott erwartet und geliebt

Die Seele wieder aufrichten lassen: Warum die Beichte ein österliches Sakrament ist. Von Weihbischof Ulrich Boom

Weihbischof Ulrich Boom. Foto: KNA

Am kommenden Osterfest werden wir wieder in der Feier der Osternacht bei der Erneuerung des Taufversprechens gefragt: „Widersagt ihr dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“, „Widersagt ihr den Verlockungen des Bösen, damit es nicht Macht über Euch gewinnt?“, „Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen?“ Wir werden dreimal antworten: „Ich widersage“ Diese großen Fragen haben etwas von einem Spiegel, den wir uns bei der Gewissenserforschung vorhalten. Die Fragen zum Osterfest erinnern an die Fragen des Auferstandenen an Petrus: „Zu wem hältst du – liebst du mich?“ Ähnlich wie in der Osternacht wird bei jeder Firmung gefragt und immer ist die Antwort: „Ich widersage“.

Dieses kurze Wort geht nicht leicht über die Lippen. Gewiss zum einen, weil wir den Bösen und das Böse vielleicht so schwer mit eigener Schuld und eigenem Versagen verbinden. Zum anderen aber auch, weil wir ahnen und wissen, schon wenn wir es aussprechen, dass wir dem Bösen immer wieder erliegen und auf das Böse hereinfallen, weil er und es raffiniert ist und den Blick verstellt durch ein leichteres, gefälliges Leben. Mit Petrus sind wir schwache Menschen. Dreimal fragt ihn Jesus, zweimal antwortet er mit einem kräftigen Ja. Beim dritten Mal merkt er, wie viel Angst und Erbärmlichkeit in ihm steckt, das „Ich liebe dich“ geht ihm gleich leicht über die Lippen wie das „Ich kenne diesen Menschen nicht“.

In jedem „Ich widersage“ steckt für den Christenmenschen aber auch das Vertrauen, dass Gott stärker ist als all das, was uns in unserem alltäglichen Leben klein macht und erniedrigt. Dazu gehört unser Versagen und Vergehen. Gott ist größer als Sünde und Schuld. „Sein Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (Röm 8, 26). Gott möchte uns nicht liegen lassen, er möchte uns aufrichten, damit wir aufrecht den Weg durchs Leben gehen können. „Gott wird nicht müde, die Hand auszustrecken. Er ist immer bereit, zuzuhören“ (MV 19) sagt Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle zum Jubiläum der Barmherzigkeit. Gott hat ein barmherziges Ohr für uns. Er hört uns zu auf vielfältige Weise in der Liturgie der Kirche, wo wir uns „mit reumütigem Herzen und mit demütigem Sinn“ an ihn wenden. Das Sakrament des Wieder-Aufrichtens schlechthin ist das Sakrament der Versöhnung, die Beichte. Die Beichte ist ein österliches Sakrament. Der auferstandene Herr legt die Vergebung der Sünden den Seinen ans Herz. In seiner Auferstehung zeigt er uns, dass die Macht von Tod und Sünde nicht das letzte Wort über unserem Leben hat. Es ist der liebende Gott, der am Werk ist. Liebe besiegt den Tod und alles Dunkel des Lebens. Und weil Gott Liebe ist, möchte er uns, die er ewig liebt, nicht im Dunkel der Schuld liegen und zurücklassen. Er will uns aufrichten und mitnehmen ins Licht und ins Leben, ja bis hin in ewiges Licht und ewiges Leben. Die Beichte ist ein Zeichen der liebenden Nähe Gottes in meinem Leben, in dem ich mich oft so weit entferne von Liebe und Barmherzigkeit im Blick auf Gott, die Menschen und mich selbst.

Wo ich mich der Liebe verweigere, bleibe ich zwar geliebt, werde aber die Liebe nicht an mir erfahren. Was im Blick auf die Menschen gilt, das gilt auch im Blick auf Gott. Zur Liebe gehört die Freiheit, mein persönliches Ja. Dadurch wird mir geholfen, dass ich aufrichtig zu mir, vor den Menschen und vor Gott stehen kann. In der Beichte spricht Gott sein Ja, das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in seinen großen Frieden (vgl. GL 422). Nicht von ungefähr schließt die Beichte mit den Worten „Der Herr hat dir die Sünden vergeben. Geh hin in Frieden“.

In dem Gesprächsbuch von Papst Franziskus „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ spricht er davon, dass die Beichte „die leibhaftige Begegnung mit der Barmherzigkeit“ ist. „Vor einem Priester zu beichten heißt, dass ich mein Leben in die Hände und das Herz eines anderen Menschen lege, der in diesem Augenblick im Namen und im Auftrag Jesu handelt.“

Liebevoll und berührend spricht der Papst in diesem Buch von Schuld und Vergebung, wie sehr er selbst die Barmherzigkeit Gottes für sein Leben braucht. Bisweilen denke ich mir, dass wir in Raum und Zeit uns eine harte Schale zugelegt und einen Panzer angelegt haben, damit unsere inneren Verletztheiten und Verlorenheiten nicht zutage treten und unsere Schwächen nicht bemerkt werden. Wir müssen selbst durchkommen und der, der es gut mit uns meint, wird nicht erfahren oder ist weit weg. Wir sind uns selbst zum Nächsten geworden. Gewiss spielen viele Faktoren eine Rolle mit wie zum Beispiel das Gottesbild oder seelsorgliche Kontrolle im Beichtstuhl. All das hat zu einem Verlust der Beichtpraxis in den Gemeinden geführt. Entscheidend doch wohl ist, dass, wo das Ich das Sagen hat, die Schuld zum Schluss nicht mehr bei mir, sondern beim Anderen oder in den Umständen gesucht wird. Sünde und Schuld sind nicht Flecken in unserem Leben.

Der Papst sagt es so: „Die Sünde ist eine Wunde. Sie muss versorgt und verarztet werden … Im Dialog mit dem Beichtvater sollten wir uns gehört fühlen, nicht verhört.“ Dabei kann es auch eine Hilfe sein, auf die liturgische Vielfalt des Sakramentes der Versöhnung zu schauen. Noch zu wenig Beachtung findet die gemeinschaftliche Form des Sakramentes, in der die Besinnung und das Beten in Gemeinschaft geschieht, während Bekenntnis und Lossprechung in der Zweierbegegnung mit dem Beichtvater verbleibt. Gerade die gemeinschaftlichen Elemente dieser Form können eine Hilfe sein, den Zugang zu einem Sakrament, das in Vergessenheit zu geraten droht, neu zu entdecken.

Wir sind begrenzte Menschen, und als solche bleiben wir anderen und uns selbst immer etwas schuldig. Wir sind auf das Entgegenkommen angewiesen. Gott kommt uns entgegen. In seiner Barmherzigkeit, weil er ganz Liebe ist, kann er nicht anders, als uns immer wieder auf- und anzunehmen. Sein Vergeben ist kein Vergessen. Er drückt nicht alle Augen zu, sondern schaut mich liebend an, so wie ich bin mit der Geschichte, die ich habe und all den Geschichten, die ich mache. Er wendet mir sein barmherziges Auge zu.

Gott ist der barmherzige Samariter, der gute Hirt und der wartende Vater zugleich. Er verbindet die Wunden, wo ich verletzt bin und auch verletzt habe. Er geht den Menschen nach, er lässt uns in aller Freiheit gehen und trägt uns zurück, wo wir uns verstiegen und verlaufen haben. Er wartet auf den Menschen und vergibt noch, bevor der Mensch um Vergebung bitten kann und schließt ihn in seine Arme, bevor der Mensch seine Entschuldigung vortragen kann.

Am Beichtvater soll die Barmherzigkeit Gottes sichtbar werden, wie sie in den Gleichnissen vom barmherzigen Samariter, dem guten Hirten und dem wartenden Vater beschrieben ist. Da ist es wichtig, dass der Beichtvater um seine eigenen Schwächen weiß und dass er selbst auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen ist. Es wird im Gebet zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit für die Beichtväter so gebetet: „Du wolltest, dass deine Diener selbst der Schwachheit unterworfen sind, damit sie Mitleid verspüren mit denen, die in Unwissenheit und Irrtum leben.“ Von oben herab geht nicht, Empathie ist gefordert. Das Wort des Auferstandenen an die verängstigten Jünger im Abendmahlssaal gilt es unter dem Aspekt des Mitgefühls zu hören „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20, 22–23). Beichtväter sollen Hirten, nicht Gesetzeswärter sein, legt uns der Papst ans Herz. Immer ist nach dem Türspalt zu suchen. Den Jüngern ist der Geist geschenkt, der sich auch ihrer Schwachheit annimmt. Der von den Wunden gezeichnete Auferstandene erinnert die Seinen auf indirektem Weg an ihre Schwächen, an die wunden Punkte in ihrem Leben.

Zum Schluss vor dem Friedensgruß endet die Beichte mit der Lossprechung. „So spreche ich dich los von deinen Sünden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Vor allem Anspruch steht der Zuspruch. So wichtig wie das Sündenbekenntnis ist, wichtiger ist, was Gott mir sagen will. Lossprechung geschieht im Zeichen des Kreuzes: Gott, der Liebe ist, der uns seine Liebe gezeigt hat in Jesus Christus und dessen Geist mit seiner Liebe in alle Bereiche unseres Lebens dringt, auch in die, wo wir uns schämen, wie und wer wir sind. Beichte ist die geschenkte „Erfahrung, von Gott erwartet und geliebt zu sein und bei ihm Vergebung zu finden“. Nicht nur im Gebet zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, sondern immer gilt, um dieses Geschenk zu bitten.

Vom reumütigen Petrus können wir lernen, was es heißt, dem Herrn grenzenlos zu vertrauen. Wie Petrus kennt Jesus uns und findet den Türspalt in unserem Herzen, um uns mit seiner Barmherzigkeit zu berühren, anzurühren. Wir können bei Petrus in die Lebens- und Glaubensschule gehen, in seine Bußkatechese, um wie er in der Begegnung mit Christus sagen zu können: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebhabe“ (Joh 21, 14–17).

Der Autor ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Außerordentliche Heilige Jahr

 

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