Unauslotbare Tiefen

Früh wurde die „Matthäuspassion“ Johann Sebastian Bachs als „autonomes Kunstwerk“ interpretiert – dabei ist sie ein Werk christlicher Empathie. Von Barbara Stühlmeyer

Es wurde debattiert, ob die Matthäuspassion vor der Johannespassion entstand. Foto: IN

Bachs Matthäuspassion ist in mehrfacher Hinsicht ein vielschichtiges Werk, das Johann Wolfgang von Goethe als Musik bezeichnete, die er von fern brausen hörte und die nicht die eines Baches sei, dessen Energie durch ein enges Bett begrenzt und in eine einzige Richtung gelenkt werde, sondern vielmehr die eines Meeres mit seinen wechselnden Strömungen, grenzenlosen Ausdehnungen und unauslotbaren Tiefen. Die Matthäuspassion lässt sich nicht eindimensional deuten, sie ist so facettenreich wie der Widerhall des Leidens Christi in der Geschichte der Passionsvertonungen, in der sie einen Höhepunkt bildet.

Die Matthäuspassion entstand 1727 nach der Johannespassion, ein Punkt, über den in der Forschung auch wegen des höchst unterschiedlichen Charakters der beiden Werke lange debattiert wurde. Bemerkenswert, wie die Frage des Entstehungsjahrs die Bewertung des Werkes beeinflusste. Robert Schumann beispielsweise ging noch davon aus, dass Bach die Matthäuspassion früher komponierte als die Johannespassion und schrieb am 8. Juni 1851 an Moritz Hauptmann: „Es scheint mir kaum zweifelhaft, dass die Johannespassion, die später, in der Zeit höchster Meisterschaft, geschriebene ist; in der anderen spürt man, dächte ich, mehr Zeiteinflüsse, wie auch in ihr der Stoff überhaupt noch nicht bewältigt erscheint. Aber die Leute denken freilich, die Doppelchöre machens.“ Maarten ?t Hart, der seinem innigen Verhältnis zu Bachs Musik ein ganzes, höchst lesenswertes Buch gewidmet hat, mutmaßt, dass Schumann auch deshalb so urteilte, weil er die Matthäuspassion kaum je und wenn in keiner guten Aufführung gehört habe. Tatsächlich verschwand dieses bedeutende Werk, das Bach selbst so sehr schätzte, dass er 1736 eine für seine Verhältnisse geradezu kalligrafierte Abschrift davon anfertigte, in den Jahrhunderten nach seiner Entstehung mehr oder weniger in der Versenkung. Das liegt nicht nur an den dreieinhalb Stunden seiner Aufführungsdauer – deutlich mehr als bei der Johannespassion. Tatsächlich nahm man sich im 17. und 18. Jahrhundert viel Zeit für den Gottesdienst. Die sogenannte Frühpredigt, der sonntägliche Gottesdienst in der Leipziger Thomaskirche, begann morgens um sieben Uhr und zog sich nicht selten bis 11 Uhr hin. Für den Kantor Bach entstanden so lange Dienstzeiten, denn an den Festtagen musste das als Haupt-Music bezeichnete Programm aus Orgelpräludien, Fugen Choralvorspielen und Kantaten in der jeweils anderen der beiden Leipziger Hauptkirchen St. Nikolai und St. Thomas wiederholt werden, sodass ein zweiter, von 13.00 Uhr bis 15.00 Uhr dauernder, als Vesperpredigt bezeichneter Gottesdienst am Nachmittag hinzukam. Obwohl das vielen Musikwissenschaftlern, die fast alles tun, um die Matthäus- und die Johannespassion, wie Martin Geck es formuliert, als „bürgerliche Kunstwerke, die zwar im Kirchlichen wurzeln, doch zugleich das Tor zu bedeutsamer Konzert- und Ideenmusik aufstoßen“, zu präsentieren, gar nicht gefällt, ist festzustellen: Die Matthäuspassion hatte ihren Ort im Predigtgottesdienst, der Karfreitagsvesper.

Bach führte in jedem Jahr eine Passion auf. Nicht nur eigene, auch Passionen anderer Komponisten wie Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann, Georg Friedrich Händel und Carl Heinrich Graun erklangen unter der Leitung des Thomaskantors. Bach selbst komponierte, folgt man den Aufzeichnungen im von seinem Sohn Carl Philipp Emmanuel verfassten Nekrolog, fünf Passionen, zunächst die nach Johannes, dann 1727 die Matthäuspassion. Die 1730 aufgeführte Passion nach Lukas war hinsichtlich ihrer Autorschaft lange umstritten. Noch Johannes Brahms spottete über dieses Werk: „Wenn er die komponiert hat, so zu einer Zeit, als er noch ins Bett nässte.“

Heute gilt die Lukas-Passion als, im Vergleich zu den großen Passionen nach Johannes und Matthäus, zweifellos weniger bedeutendes Gemeinschaftswerk der Bachfamilie, das unter Verwendung bereits vorliegenden kompositorischen Materials entstand. Nichts Ungewöhnliches für einen Vielschreiber wie Johann Sebastian Bach, der auch Teile seiner Matthäuspassion in der Trauermusik für seinen Fürsten Leopold einfließen ließ. Stilistisch ist die Matthäuspassion, deren Text der Leipziger Christian Friedrich Henrici, der sich der Latinophilie seiner Zeit folgend Picander nannte, zusammenstellte, eng mit dem Kantatenwerk Bachs verknüpft. Allerdings wird die in diesem gewaltigen Zyklus gefundene Formensprache weiter entfaltet, sodass wir es bei dieser Passion nicht mehr mit einem Zyklus gleichartiger oder einer Kombinationsfolge verschiedener Kleinformen, sondern mit einer ganz eigenen ästhetischen Größe zu tun haben. Der Kathedralcharakter der Matthäuspassion war es, der unter denjenigen, die sich analysierend und deutend mit dem Werk beschäftigten, die Rede vom autonomen Kunstwerk entstehen ließ. Aber der Ausdruck leitet in die Irre. Hier geht es eben nicht um das selbstreferenzielle Handeln des künstlerischen Subjekts, sondern vielmehr um ein von zutiefst christlicher Empathiefähigkeit getragenes sich Einschwingen in den klingenden Ausdruck des Leidens Christi, das seine erlösende Kraft gerade durch die Religio, die Bindung entfaltet.

Dass die Matthäuspassion nicht verloren gegangen ist, verdanken wir der Tatsache, dass Johann Sebastian Bach sie seinem Sohn Carl Philipp Emmanuel und nicht dem nach seinem Tod ins soziale Abseits und eine finanzielle Schieflage geratenen Wilhelm Friedemann vererbte, der nicht wenige Manuskripte mit Kompositionen seines Vaters veräußerte und so mit dazu beitrug, dass ein Teil des Nachlasses in alle Winde zerstreut wurde. Als Bach die Matthäuspassion komponierte und mit diesem tönenden Kristall eine bemerkenswerte Mischung aus, wie Martin Geck es treffend zusammenfasste, Leidenschaft, Sammlung, von Dramatik und Vergeistigung schuf, die ungeachtet der großen Werke, die noch folgen sollten, einmalig dasteht, war er zweiundvierzig Jahre alt. Felix Mendelssohn Bartholdy war gerade 20 geworden, als er im Jahr 1829 die Matthäuspassion aus der Rolle des Studienobjektes für Kenner befreite. Zwar hatte Carl Friedrich Zelter in der Berliner Singakademie Anfang des 19. Jahrhunderts bereits Teile daraus zu Gehör gebracht, doch erst der junge Mendelssohn wagte eine komplette Wiederaufführung und läutete damit ein neues Zeitalter ein. Ihm verdanken wir es, dass der Funke des Verstehens nicht nur im Hinblick auf dieses einzigartige Werk übersprang, sondern die gesamte Bandbreite des kompositorischen Schaffens nun wiederentdeckt und breitflächig rezipiert wurde. Zelter, der das Programmheft zur Wiederaufführung schrieb, bezeichnete die konzertante Wiedergabe als „Sekularfeier“. Bach selbst hat sein Werk anders, tiefer verstanden. Dass er – ebenso wie seine Frau in gut bezahlter fürstlicher Stellung – ins Thomaskantorat nach Leipzig wechselte, hat damit zu tun, dass weltliches Tönen für ihn nachrangig war. Bach ging es vielmehr darum, zur höheren Ehre Gottes zu musizieren. Dafür setzte er nicht nur sein Talent ein, er erwies sich auch als streitbar, wenn es darum ging, darum zu kämpfen, ob er oder der Pfarrer die Lieder für den Gottesdienst aussuchten und klarzumachen, dass er mit schlechten Musikern keine gute Musik machen könne und daher zu Recht finanzielle Förderung von der Gemeinde erwarten könne. Worum es ihm dabei ging? Um die klingende und deshalb, folgt man Augustinus, doppelt wirksame Verkündigung des Wortes Gottes. Die funktioniert dann, wenn sie von gläubigen Musikern realisiert wird, übrigens sogar im Konzertsaal. Das sagt jedenfalls Friedrich Nietzsche: „In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion gehört, jedes Mal mit demselben Gefühl der unermesslichen Verwunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“

Wer die Matthäuspassion hören und sehen will, dem sei die vom BR und SWR gerade neu herausgegebene Matthäuspassion mit dem Ballet des Katholiken und Tänzers John Neumeier empfohlen. Hörenswert ist die Einspielung des kürzlich verstorbenen Dirigenten und Katholiken Nicolaus Harnoncourt bei Teldex Classics.

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