Die Klangspur des Leidens

Erlösende Kraft in ihrer musikalischen Fülle: Ein Streifzug durch die Geschichte der Passionsvertonungen. Von Maria Palmer

Betender Christus in der Kirche St. Matthäus in Melle. Foto: Stühlmeyer

Neben der wie im Alleluja in den Jubilus überströmenden Freude ist auch das Leid eine Erfahrung, die sich mit erhobener Stimme vor Gott Raum verschafft. Dem Schmerz und der inneren Zerrissenheit Ausdruck zu geben ist ein wichtiger, ein unerlässlicher Teil der Trauerarbeit. Dies gilt auch für die Trauer um unserem Herrn Jesus Christus, dessen Leiden und Sterben wir in jedem Jahr neu erinnern, um die erlösende Kraft seiner Auferstehung in ihrer lichten Fülle erfahren zu können.

Der gesungene Vortrag ist in der Liturgiegeschichte ab dem 5. Jahrhundert belegt. Dies schließt nicht aus, dass die Passionslesungen auch schon vorher gesungen wurden, aber vom fünften Jahrhundert an gibt es auch schriftliche Belege für diese Praxis. Zunächst war der Vortrag der Passion ebenso wie der des Evangeliums allein die Aufgabe des Priesters, der den Text auf dem sogenannten Passionston rezitierte. Vom 12. Jahrhundert an, der Zeit, in der sich auch die ersten liturgischen Spiele entwickelten, die ihre Keimzelle in der Ostersequenz Victimae Paschali laudes des Wipo von Burgund haben, die man in dieser Zeit mit verteilten Rollen sang und dann sukzessive dramaturgisch weiter entfaltete, wurde der Vortrag der Passion von drei Personen vorgenommen. Die tiefe Stimme, vox Christi genannt, übernahm die letzten Worte Jesu, ein Bariton sang die erzählenden Textpassagen des Evangelisten und eine hohe Stimme die übrigen Personen wie Simon Petrus, die Magd und Pilatus.

Nachdem man sich für einen Vortrag mit verteilten Rollen entschieden hatte, lag es nahe, auch die Turbastellen, jene Textpassagen, an denen eine größere Menge zu Wort kommt wie die Hohepriester, die Juden oder die Soldaten, diese von mehreren Personen mehrstimmig singen zu lassen. Neben der zentralen, an jedem Karfreitag vorgetragenen Johannespassion gab es auch Vertonungen der Passionen der anderen Evangelisten. Sie wurden in der mittelalterlichen Liturgie und werden in der Praxis der Missa usu antiquiore am Palmsonntag (Evangelium nach Matthäus), am Dienstag und Mittwoch der Karwoche (Evangelien nach Markus und Lukas) vorgetragen, während im Ordo novus, der dreijährigen Leseordnung folgend, die Passionen der Synoptiker an drei aufeinanderfolgenden Jahren am Palmsonntag und die Johannespassion am Karfreitag gesungen werden. Seit dem 15. Jahrhundert finden sich in den Quellen Belege für eine weitere Differenzierung des Vortrags in männliche und weibliche Rollen und die Hinzufügung einer musikalischen Einleitung, des Introitus, der in diesem Fall nicht der ritusbegleitende Gesang zum Einzug ist, sondern die Passion eröffnet und eines Abschlusses, der Conclusio.

Das 16. Jahrhundert verzeichnet eine Weiterentwicklung dieser auf gregorianischen Rezitationstönen basierenden responsorialen Form zum Typus der sogenannten Rezitativpassion. In der Reformationszeit entstand auf Initiative Martin Luthers, der sich für eine Abschaffung der Passionslesungen an den Werktagen einsetzte, eine von Johannes Bugenhagen 1562 erstellte Passionsharmonie, die Auszüge aus den Synoptikern zu einem eigenen Passionstext verbindet, mit dessen Musikalisierung in deutscher Sprache Johann Walter beauftragt wurde. Dabei ging es vorrangig um die Anpassung der Rezitationstöne an die deutsche Sprache. Im musikalischen Ausdruck unterscheiden sich evangelische und katholische Vertonungen der Passion in dieser Zeit nicht. Wegweisend für die Verbindung von rezitativen Elementen und mehrstimmigen Passagen sind die Passionen von Heinrich Schütz, der den Passionston weiterentwickelt und zu einer musikalisch transformierten Metamorphose des Sprechmelos verdichtet hat. Schütz' Passionen sind in der Liturgie realisierbar, während den großen Passionen Bachs eher die konzertante Präsentation entspricht.

Es ist interessant, dass zeitgenössische Komponisten im 20. und 21. Jahrhundert wieder zunehmend an die liturgieverbundene Formensprache des Spätmittelalters anknüpfen und ihre Passionskompositionen so konzipieren, dass sie an ihrem liturgischen Ort erklingen können. Ernst Pepping vertonte 1951 die Matthäuspassion. Hermann Schroeder legte 1963, 1964, 1970 und 1971 sukzessive die Passionen nach Johannes, Matthäus, Lukas und Markus vor, wobei seine Johannespassion die häufigsten Aufführungen erfährt. Paul Ernst Ruppel wagte mit Cruxifixion ein innovatives Konzept einer Passion für vierstimmigen Chor, Posaune und Kontrabass, das an die Tonsprache der Spirituals anknüpft und aufgrund seiner Instrumentierung für die Aufführung in der Liturgie des Palmsonntags geeignet ist. Sophia Gubaidulina wählte für ihre anlässlich des 250. Todestags Johann Sebastian Bachs von der Internationalen Bachakademie Stuttgart in Auftrag gegebene Johannespassion im Jahr 2000 die russische Sprache, verknüpft den Passionstext mit Passagen aus der Offenbarung und präferierte ungeachtet der großen Besetzung für vier Solostimmen, zwei Chöre, Orchester, Synthesizer und Orgel bewusst eine ruhige, von Gelassenheit geprägte Tonsprache. Johannes Matthias Michel verbindet in seiner Kreuzigung genannten Passionsszene für Bariton Solo, Sprecher, gemischten Chor und Orchester die Texte der evangelischen Liturgie mit denen der Psalmen 22, 69, 142, Passagen aus dem Matthäus- und Johannesevangelium und Gedichten von Karl Schloss zu einem innovativen Konzept.

Ludger Stühlmeyer konzipierte seine liturgiegerechte Johannespassion für vierstimmigen Chor und Solisten, die 2014 als Auftragswerk der katholischen Stadtpfarrkirche St. Marien entstand, in der Tradition der responsorialen und rezitativischen Passion mit Solopassagen und Turbachören. Die Gemeinde wünschte sich bewusst eine in die Feier der Liturgie integrierbare Komposition mit ein- und mehrstimmigen Elementen, die die bisherige Praxis der gelesenen Passion mit integrierten Gemeindechorälen aufgriff und in eine moderne, eng an der Sprachmelodik orientierte Tonsprache transformierte. Introitus (Psalm 130) und Conclusio (Vexilla Regis) bilden als Motettenvertonungen die Klammer, sechs weitere Choräle sind jeweils als den Text vertiefende meditative Stationes eingefügt. Die Vielzahl und das breite Spektrum der Passionsvertonungen sind ein Zeichen der Hoffnung. Aus dem durch die emotionale Ausdruckskraft der Musik vertieften Erleben der Passionstexte kann eine neue Auferstehungserfahrung entstehen.

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