Professor, Dichter, Troubadour

Pierre Abaelards „Klagegesang der Jungfrauen über die Tochter Jephta Galadite“. Von Barbara Stühlmeyer

Pierre Abaelard war seinen Zeitgenossen neben seinen theologischen Leistungen am meisten durch seine Liebeslieder für Heloise, seine Geliebte und spätere Ehefrau bekannt. Leider ist keines dieser Lieder überliefert. Auf- und abgeschrieben wurden aber die 133 Hymnen und die sechs Planctus, die er für den Konvent von Heloise verfasst hat. Planctus bedeutet übersetzt Klagegesang. Die Planctus waren in der Stauferzeit äußerst beliebt und sowohl in den Volkssprachen als auch im Lateinischen weit verbreitet. Die volkssprachlichen Planctus, unabhängig davon, ob sie eine wahre Geschichte erzählen oder aber eine, die so gut ist, dass sie das eigene Empfinden widerspiegelt und es so bewältigen hilft, dienten überwiegend der Trauerarbeit im persönlichen oder halböffentlichen Bereich. Darüber hinaus gab es Planctus als Gesänge anlässlich des Todes bedeutender Persönlichkeiten, Klagegesänge, die von Wanderschaft oder Exil oder der Trennung Liebender singen, Klagegesänge der Jungfrau Maria oder solche, die auf der Grundlage klassischer oder biblischer Themen verfasst sind.

Aufgrund seiner Lebensgeschichte hatte Pierre Abaelard allen Grund, nicht nur einen, sondern mehrere Planctus zu schreiben. Denn schon kurz nach seiner nicht ganz freiwilligen Heirat mit Heloise wurde er entmannt. Er entschied sich, Mönch von St. Denis zu werden und zwang zuvor seine Frau, ebenfalls in ein Kloster einzutreten. Obwohl Pierre Abaelard sich im Briefwechsel der beiden, der viele Jahre nach dem Klostereintritt auf Druck von Heloise beginnt, immer sehr distanziert darauf reagiert, wenn Heloise ihre immer noch sehr lebendigen Gefühle für ihren Ehemann und Bruder in Christo zum Ausdruck bringt, sprechen die Planctus hier eine ganz andere Sprache. Die von Abaelard gewählten alttestamentlichen Textvorlagen erscheinen wie ein Sprachrohr für all das, was seine Frau empfunden haben mag. So schildert etwa in einer seiner Kompositionen Dinah, eine junge Frau, deren Erlebnisse im Alten Testament thematisiert werden, wie sie die Entmannung ihres Bräutigams miterleben musste. In dem Planctus virginum Israel super filia Jephte Galadite geht die Identifikation noch weiter. Der Planctus erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die durch unglückliche Umstände früh sterben muss. Ihr Vater hatte versprochen, das erste, was ihm aus seinem Haus nach seinem Sieg entgegenkam, Gott zu opfern, und das war ausgerechnet seine einzige Tochter. Dieses Opfer wird nun von der Tochter Jephtas als Erwählung umgedeutet.

Ein Deutungsmodell für die erlösende Wirkung Jesu

Sie sagt ihrem Vater und ihren Freundinnen: Gott hat das Opfer Abrahams, den Jungen Isaak, nicht gewollt. Das Mädchen aber akzeptiert er als Opfer. In dieser für uns heute schwer verständlichen Form des Umgangs mit dem, was Jephtas Tochter als den Willen Gottes verstanden hat, verbindet sich für Abaelard eine doppelte Botschaft an Heloise. Zum einen akzeptiert er, dass ihre Laufbahn als Äbtissin für sie ein Opfer ist, zum anderen bietet er ihr aber eine Strategie an, selbstbewusst damit umzugehen. Denn die Geschichte von Abraham und Isaak, auf die sich die Tochter Jephtas in seinem Planctus bezieht, wird von den Kirchenvätern auf die Feier der Eucharistie hin gedeutet. Wenn Pierre Abaelard in seiner Komposition also Jephtas Tochter sagen lässt: Gott hat mein Opfer angenommen, dann heißt das übersetzt in die Lebenswirklichkeit von Heloise und ihrem Konvent, dass ihr Lebensweg als Deutungsmodell für das Leben Jesu und seine erlösende Wirklichkeit gelten kann. In den Denkstrukturen des 12./13. Jahrhunderts ist dies eine Botschaft von revolutionärer Kraft. Zugleich ist sie ein Zeugnis gelebter Gleichberechtigung und explizit frauenfreundlicher Theologie, dass weiterzuerzählen unbedingt lohnenswert ist.

Musikalisch ist der Planctus der Sequenz verwandt. Die Melodieabschnitte sind aus Fragmenten melodischen Materials zusammengesetzt, die dem Textverlauf angepasst sind und seiner Übermittlung dienen. Es ist davon auszugehen, dass der für Heloise und den Konvent Paraclet getextete und komponierte Klagegesang weit über die benediktinische Schwesterngemeinschaft hinaus rezipiert worden ist. Denn Petrus Abaelardus gehörte zu den bekanntesten und umstrittensten Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts. Schon der Beginn seiner Biografie ist ungewöhnlich. Geboren ist er 1079 in Le Pallet in Nantes in der Betragne. Sein Vater Berengar war Ritter und Petrus war sein ältester Sohn. Er hätte also in aller Ruhe eine Ausbildung im Hauen und Stechen machen und das väterliche Gut erben können. Stattdessen hatte er sich aber in den Kopf gesetzt, zu studieren. Und ungewöhnlicherweise wurde er weder von Vater und Mutter noch von seinem Lehrer daran gehindert. Sie übertrugen das Gut ihrem zweitgeborenen Sohn und unterstützten Pierre in seinem Wunsch nach einer akademischen Laufbahn. Die begann in ganz wörtlichem Sinne damit, dass er sich auf den Weg machte. Denn das, was wir heute als Wissenschaftszentren erleben, Universitäten, an denen man je nach Neigung und Begabung eine Ausbildung in diversen Fachgebieten absolvieren kann, war im 12. Jahrhundert erst im Entstehen.

Gelernt wurde dort, wo der Lehrer lebte, und das konnte Paris, aber auch ein Dorf irgendwo in den Wäldern sein, wie wir an der Geschichte Pierre Abaelards sehen können. Der junge ambitionierte Student zog also los und ging zunächst nach Paris, wo Wilhelm von Champeaux Dialektik lehrte. Die Dialektik ist eine Kunst, die das Mittelalter besonders geliebt hat. Sie bezeichnet eine Art von Diskurs, bei dem es darum geht, durch logisches Nachdenken und Nachfragen im Dialog den Dingen auf den Grund zu gehen. Pierre fällt Wilhelm schnell durch seinen scharfen Verstand auf, er ist sein begabtester Schüler. Doch schon bald zeigte sich, sehr zum Nachteil Wilhelms, dass Abaelard die Grenzen zwischen Lehrer und Schüler uninteressant fand, wenn er entdeckte, dass er intellektuell im Recht war. Pierre entdeckte eine Schwachstelle in der Argumentation Wilhelms und widerlegte ihn öffentlich. Wilhelm zog sich aus der Lehrtätigkeit zurück und der Student Pierre übernahm – ein ungewöhnlicher Vorgang – die Stellung des Lehrers. Doch schon bald verließ er Paris und gründet in Melun bei Corbeil eine eigene Schule.

Diese schnellen Wechsel sind typisch für den Lebensweg Abaelards. Er ist ein ruheloser Mensch, der von Ort zu Ort, von Idee zu Idee unterwegs war und auf seinen Wegen neben einer Menge Porzellan auch einige Herzen brach. Berühmt geworden ist seine Auseinandersetzung mit Bernhard von Clairvaux, die mit einer Verurteilung mehrerer Lehrsätze Abaelards endete und unwiderruflich schien. Erst Petrus Venerabilis schaffte schließlich das scheinbar Unmögliche. Er sorgte dafür, dass Pierre Abaelard und Bernhard von Clairvaux sich versöhnten. Und er tat noch mehr. Als Abaelard nach einigen ruhigen Jahren schließlich starb, schickte er Heloise einen wunderbaren Brief voll beispielloser seelsorglicher Sensibilität und sorgte dafür, dass Pierre im Kloster seiner Geliebten und Ehefrau beigesetzt wurde. Dorthin wurde auch die Lossprechung vom Bann gebracht, die er schließlich erhielt. Heute befindet sich das Grab der beiden auf dem Friedhof Pere Lachaise in Paris.

Wer einen Höreindruck von Abaelards Planctus erhalten möchte, kann dies mit der Einspielung „Abaelard“, interpretiert vom Ensemble für frühe Musik unter der Leitung von Thomas Binkley oder mit der CD „Hildegard von Bingen und ihre Zeit“ des Ensembles für frühe Musik Augsburg beim Label Christophorus, bekommen.

Rückblick