Gott ist nicht nachtragend

In einfachen Worten zur Wahrheit des eigenen Lebens stehen – Gedanken zu einem vergessenen Sakrament. Von Bischof Wolfgang Ipolt

Bischof Wolfgang Ipolt. Foto: KNA

Mit der Beichte scheint es mir zu sein wie mit einem wertvollen Silberbesteck. Wenn man es nicht benutzt und nur im Schrank liegen lässt, wird es mit der Zeit schwarz und wirkt alt und wertlos. Man muss es wieder putzen und benutzen, damit es seinen Glanz behält. Ich möchte Ihnen einige Gedanken vorlegen, die dem Sakrament der Versöhnung neuen Glanz verleihen und helfen sollen, dass wir das wertvolle Silber wieder entdecken und sehen lernen.

Papst Franziskus hat uns im Jahr der Barmherzigkeit besonders eingeladen, selbst empfangsbereit für die Barmherzigkeit Gottes zu werden. „Dieses Geheimnis der Barmherzigkeit gilt es stets neu zu betrachten… Es gibt Augenblicke, in denen wir aufgerufen sind, in ganz besonderer Weise den Blick auf die Barmherzigkeit zu richten und dabei selbst zum wirkungsvollen Zeichen des Handelns des Vaters zu werden.“ (Misericordiae vultus 2 und 3) Es ist geradezu eine Voraussetzung, zunächst von Gott zu lernen, was es heißt barmherzig zu sein, damit wir zu Menschen werden, die anderen mit Güte und Erbarmen begegnen. Wo empfangen wir die Barmherzigkeit Gottes mehr, wo begegnen wir ihr tiefer als in der Beichte, im Sakrament der Versöhnung?

I. Beichte bedeutet zunächst etwas aussprechen und zu etwas stehen können. Zu oft werden Schwierigkeiten und auch Fehler und Schwächen von Menschen einfach unter den Teppich gekehrt. Man hofft so, das Bedrückende und auch die Sünde loszuwerden. „Das ist ja nicht so schlimm…!“ oder: „Das machen doch alle!“ – das sind die gängigen Versuche des Vertuschens der dunklen Seiten unseres Lebens. Aber: Was nicht aufgedeckt ist, kann nicht heilen. Darum weist das Johannesevangelium darauf hin, dass uns nur die Wahrheit befreien wird (vgl. Joh 8, 32). Die Beichte verhilft uns zu solcher Wahrheit über uns selbst, über die Wirklichkeit unseres Lebens. Freilich, es ist nicht immer leicht, die rechten Worte zu finden für unsere Sünden. Manches ist uns peinlich und wir möchten es verdrängen und verschweigen. Ich möchte dennoch dazu ermutigen, mit einfachen und vielleicht auch manchmal unbeholfenen Worten alles zu bekennen, was uns von Gott und von unseren Mitmenschen trennt und wodurch wir schuldig geworden sind. Es kommt bei unserem Bekenntnis in der Beichte nicht auf wohl gewählte Worte an (die können manchmal auch eher vertuschen als offenbaren) – es kommt vielmehr auf Ehrlichkeit und den Mut an, zur Wahrheit des eigenen Lebens zu stehen.

II. Beichte ist eine Begegnung mit dem barmherzigen Gott selbst, der in Christus unsere Sünden auf sich genommen hat. Das wird heute häufig übersehen. Der Priester hat zwar eine wichtige Aufgabe, denn ohne ihn kommt das Sakrament nicht zustande. Aber er muss dennoch hinter dem zurücktreten, der allein Sünden vergeben kann. „Gott, der barmherzige Vater hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden…“ Mit diesen Worten leitet der Priester die Lossprechung ein und erinnert uns in diesem Augenblick daran, dass wir gemeinsam – der Priester und der Pönitent – jetzt alles von Gott empfangen und die Kirche dabei einen wichtigen Dienst tut. Ich weiß wohl, wieviel dennoch von demjenigen abhängt, der diesen Dienst tut. Manch einer hat über viele Jahre einen treuen und hilfreichen Beichtvater gefunden. Andere scheuen sich vor einem Priester, der sie kennt und suchen lieber die Anonymität. Beides ist durchaus berechtigt und kann auch zu verschiedenen Zeiten im Leben seinen Platz haben. Wenn Beichte eine Begegnung mit dem barmherzigen Gott ist, dann müssen wir Priester uns selbst sehr darum mühen, transparent zu sein für den Gott, der den Menschen lösen will aus der Verstrickung in die Sünde. Der Priester darf dabei Helfer und Werkzeug sein. Das kann er am besten, wenn er selbst aus der Kraft dieses Sakramentes lebt und demütig auch Empfänger der Lossprechung bleibt.

III. Beichte ist ein neuer Anfang, den Gott mir schenkt. Es ist wahrhaftig nicht selbstverständlich, dass Gott mir verzeiht. Er verhält sich dennoch so, wie es gute Eltern ihren Kindern gegenüber immer tun werden. Selbst wenn die Kinder große Fehler gemacht haben und Irrwege gegangen sind, werden die Eltern zu ihnen stehen. Manches, was Kinder tun, zerreißt den Eltern das Herz und macht sie unglücklich und traurig. Wenn aber der eigene Sohn oder die Tochter ins Haus kommen und etwas von alledem in Ordnung bringen wollen, dann wird die Tür immer offen stehen. Die Beziehung zwischen Eltern und den eigenen Kindern ist so tief, dass sie kaum überboten werden kann. So verhält sich Gott. Er gibt uns eine neue Chance – so wie das Gleichnis vom barmherzigen Vater es eindrücklich beschreibt.

Gott ist nicht nachtragend. Er rechnet uns das, was wir bereut und gebeichtet haben, nie wieder vor und ermöglicht auf diese Weise einen echten Neubeginn. Bei ihm ist dann alles vergeben und vergessen. Insofern nimmt die Beichte schon etwas vorweg vom letzten Gericht Gottes. Wir stellen uns ehrlich diesem seinem Gericht und lassen uns von ihm durch den Beichtvater Wege zeigen, wie wir seinem Willen besser entsprechen können. Wie zu der Ehebrecherin im Evangelium sagt Jesus im Bußsakrament auch zu uns: „Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Das will heißen: Mach aus diesem Anfang etwas, indem du im Guten wächst und alles meidest, was dich künftig von der Liebe zu Gott und zum Nächsten wegführt.

Etwas ehrlich aussprechen können, einen befreiende Begegnung mit dem barmherzigen Gott haben und die Chance eines neuen Anfangs geschenkt bekommen – darin zeigt sich die Kostbarkeit der Beichte. „Beicht' macht leicht!“ – sagt ein altes Sprichwort. Das Heilige Jahr, das wir derzeit begehen, kann ein Anlass sein, diese Leichtigkeit und die Freude dieses Sakramentes neu zu entdecken – einfach dadurch, dass wir es empfangen.

 

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