Wie die Reform der Kirche beginnt

Wer die Tür zum barmherzigen Vater findet, öffnet das Tor zur geistlichen Erneuerung der christlichen Gemeinschaft. Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Bischof Heinz Josef Algermissen. Foto: KNA

Seit Jahren stelle ich mich besonders vor den Hochfesten als Beichtvater zur Verfügung und reihe mich unter die anderen Priester in den Beichtstühlen des Fuldaer Domes ein. Der Beichtbedarf vor Weihnachten 2015, kurz nach Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, war sehr groß. Einer nach dem anderen kam zu mir und begann die Beichte fast immer etwa so: „Herr Bischof, helfen Sie mir. Ich war schon zwanzig Jahre nicht mehr beichten; ich schon dreißig Jahre nicht mehr…“ Es war für mich eine berührende Erfahrung, Menschen nach so langer Zeit sakramental helfen zu können, sie wieder „hinzuführen zum Haus des Vaters, wo der seine verlorenen Kinder mit offenen Armen erwartet“, wie es Papst Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika „Redemptor hominis“ (1979) zur Sprache brachte.

Die „Pforte der Barmherzigkeit“ im „Haus des Vaters“ finden wir in einem biblischen Text, der zu den ganz besonders kostbaren Perlen gehört. Der Evangelist Lukas schenkt ihn uns im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder – besser – vom barmherzigen Vater. Eingebaut in einer längeren lukanischen Gleichnisrede, in der es um das verlorene Schaf und die verlorene Drachme geht, ist diese Textstelle Lukas 15, 11–32 gleichsam Konzentrat der Frohen Botschaft Jesu Christi, sozusagen ein Evangelium im Evangelium. Wir können uns darin wiederfinden und dem Wesen Gottes auf die Spur kommen.

„Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zu-sammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen“ (Lk 15, 11–13).

Nachdem der Sohn alles durchgebracht hatte, kam eine „große Hungersnot“ über das Land. Dieser Hinweis deutet auch eine tiefe innere Not an. „Es ging ihm sehr schlecht“ meint nicht nur leiblichen, sondern noch mehr geistigen Hunger nach menschlicher Zuwendung, die ihm in dem hemmungslosen selbstbezogenen Ausleben seiner Freiheit, in einem „zügellosen Leben“, offenbar versagt geblieben ist.

Die Erfahrung des fundamentalen Mangels führt den Sohn in eine tiefe existenzielle Krise. Angesichts seiner Ausweglosigkeit erkennt er, dass die Abkehr von seinem Vater Sünde war und der Versuch einer Selbst-verwirklichung an ihm vorbei gescheitert ist. Tatsächlich: Nur auf der Grundlage der nüchternen Selbsterkenntnis ist eine Aussöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte möglich. Therapeutische Erfahrungen lehren dies. Der dann folgende Text gehört zu den tröstlichsten Worten über die Beziehung Gottes zum Menschen: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“ (Lk 15, 20–24).

Der Vater hat die Beziehung zu seinem Sohn nie abgebrochen und schon immer auf ihn gewartet. Nun sieht er ihn kommen und läuft ihm entgegen. Das Wort „Mitleid“, aus einer sprachlichen Wurzel, die „starkes Gefühl“ bedeutet, bringt zum Ausdruck, dass der Vater von Erbarmen bewegt ist. Er fällt dem, der ehrlich bekennt „Vater, ich habe mich… gegen dich versündigt“, um den Hals und führt ihn durch die offene Tür in sein Haus zurück. Kein Vorwurf, keine Abrechnung, nur Freude: Er ist wieder da! Der Vater schenkt dem in Lumpen das „beste Gewand“, das heißt seine Würde zurück, sowie den Ring der Vollmacht und feiert mit ihm das Fest der Umkehr und Versöhnung.

Dieses wunderbare Gleichnis Jesu mit der Zusage, dass nur die erbarmende Zuwendung Gottes uns im Grunde heilen und retten kann, ist gleichzeitig ein Bild für „Verzeihung und Frieden durch den Dienst der Kirche“ im Sakrament der Versöhnung. Hier ist das Wesentliche vorgezeichnet: Der Mensch erinnert sich der Barmherzigkeit Gottes, erfährt dessen Entgegenkommen durch die sakramentale Begegnung mit dem Priester, spricht alles aus, was ihn von Gott entfernt hat, hört das Wort der Vergebung und ist neu eingeladen zum Fest des Glaubens.

Speziell im Bußsakrament „können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen“ (Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit Nr. 17). „So dürfen wir das Heilige Jahr auch als eine besondere Einladung verstehen, den barmherzigen Gott in dem Sakrament der Versöhnung um Vergebung zu bitten und uns von ihm mit Verzeihung und Frieden beschenken zu lassen“ (Botschaft der deutschen Bischöfe zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit).

Der den deutschen Bischöfen am Ende ihres Ad-limina-Besuchs in Rom am 20. November 2015 vom Heiligen Vater persönlich übergebene Brief bringt das alles so zur Sprache: „In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche.“ So ist es. Beginnen wir darum mit dem Abbau des größten Widerstands gegen dieses Sakrament, mit der Versuchung, sich autonom erlösen, sich, dem Baron von Münchhausen gleich, am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen zu wollen. Dagegen wird die Einladung geschenkt: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5, 20). Das Geschenk der reinigenden und erneuernden Kraft des Bußsakraments ist tatsächlich die Bedingung der Möglichkeit einer geistlichen Erneuerung der Kirche.

 

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