Der Glaube wächst durch Hören

Ein Werk gleich einer Krönungsmesse: Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Messias“. Von Barbara Stühlmeyer

Das Denkmal Georg Friedrich Händels mit den Noten zu seinem „Messias“ in Halle an der Saale. Foto: dpa

Der „Messias“ ist Georg Friedrich Händels bekanntestes Werk. Weitaus bekannter als seine Opern, die den in Halle geborenen Wahllondoner zu einer der berühmtesten Persönlichkeiten des englischen Königreiches machten, einen Mann, dem die ungewöhnliche Ehre zuteil wurde, bereits zu Lebzeiten mit einem Monument geehrt zu werden. Die Royal Choral Society führt in einer ununterbrochenen Tradition das Halleluja aus dem Messias seit 1878 jedes Jahr am Karfreitag in der Royal Albert Hall auf, und wo immer dieser Chor aus dem Messias auf den britischen Inseln erklingt, erheben die Zuhörer sich von ihren Sitzen.

Als Georg Friedrich Händel im August 1741 mit der Vertonung der Textvorlage Charles Jennens begann, die er im September beendete, befand er sich an einem Tiefpunkt seines Lebens. Seine Opern Imeneo und Deidamia waren gerade beim Londoner Publikum durchgefallen, die Konzertbesucher blieben aus und der vormals so beliebte Komponist musste sich zunehmend mit Anfeindungen aus verschiedenen Lagern auseinandersetzen. Statt um seine Reputation zu kämpfen, zog Händel sich entmutigt zurück und kündigte an, in diesem Jahr keine Konzerte mehr zu veranstalten. Seine Resignation ist verständlich und man kann ihm nicht vorwerfen, zu früh kampflos aufgegeben zu haben. Eher schon scheint Händel 1741 die Kraft für weitere Auseinandersetzungen einfach ausgegangen zu sein. Ein Rückblick auf seine Karriere als Opernkomponist macht dies verständlich.

1719 hatte er die Royal Academie of Music gegründet, die das Kings Theatre mit italienischen Opern beliefern sollte. Bis 1728 leitete er das Unternehmen und steuerte selbst 14 Opern bei. Der überragende Erfolg von Academy und Theatre rief Neider auf den Plan, der Prince of Wales begann, Händels Konkurrenzunternehmen, die Opera of the Nobility zu protegieren mit dem Ergebnis, dass nicht nur diese, sondern auch das von Händel gegründete Nachfolgeunternehmen 1737 vor dem Bankrott standen. Der Grund für den Niedergang der Barockoper lag jedoch nicht nur an den Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Anbietern. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels hatte sich die bisherige Form überlebt und war durch die schnell Beliebtheit erlangende Beggars Opera, der Betteloper, ersetzt worden, eine satirische, gesellschaftskritische Musikalisierung der politischen Debatte. Zugleich zeigte die kulturinteressierte Öffentlichkeit ein verstärktes Interesse an spiritueller Orientierung. Händels Antwort darauf war das Oratorium, eine Gattung, mit der der Komponist sich bereits in seiner Zeit als Musiker am römischen Hof des Kardinals Benedetto Phamiljs auseinandergesetzt hatte. Diese Entwicklung hatte bereits im Mai 1732 eingesetzt, als Händel eine überarbeitete Fassung seines Oratoriums Esther, der ersten englischsprachigen Komposition der Gattung, anlässlich seines Geburtstags in privatem Rahmen aufgeführt und aufgrund der günstigen Aufnahme beschlossen hatte, die Geschichte der jüdischen Königin in seine Konzertreihen aufzunehmen. Jennens Wunsch, seine Zusammenstellung biblischer Text zu vertonen alleine, hätte Händel wohl nicht zum Handeln bewegen können. Als er jedoch eine Einladung des irischen Vizekönigs Lord Lieutenant William Cavendish nach Dublin erhielt, stellte er die Komposition noch vor seiner Abreise fertig.

Die Konzertreihe in Dublin begann noch im Winter 1741 und endete am 3. Juni mit der zweiten Aufführung des Messias. Bereits die öffentliche Generalprobe und die Uraufführung am 13. April waren ein überragender Erfolg. Händel hatte ganz offenkundig ein Werk geschaffen, das auf die Bedürfnisse des Publikums perfekt zugeschnitten war. Die Zahl der Aufführenden war wie bei heutigen Realisierungen gemäß der historischen Aufführungspraxis eher überschaubar. Der Chor umfasste 20 Personen, die sich aus Chorsängern der Dubliner Hauptkirchen Christ Church und St. Patricks Cathedral zusammensetzten. Generalprobe und Uraufführung waren Benefizkonzerte zugunsten der Society for relieving Prisoners, das Charitable Infirmary und das Mercer's Hospital.

Bemerkenswerterweise wurde das Werk in London zunächst weit weniger günstig aufgenommen, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass das in diesen Dingen sehr delikate Publikum Händel übel nahm, dass er dem irischen Dublin die Ehre der Uraufführung hatte zuteilwerden lassen. Die Irritation legte sich jedoch angesichts des zwingenden Charmes der Musik und „Der Messias“ wurde zu einem festen Bestandteil des jährlichen Konzertrepertoires. Darüber hinaus sorgt die biblische Textgrundlage für eine lückenlose Rezeption, die bei heute oft als schwer verständlich oder schwülstig empfundenen freien barocken Oratorientexten weniger selbstverständlich ist oder zusätzlicher Vermittlung bedarf. Der Text des Messias wird, wenngleich das für dessen Form nicht ganz adäquat ist, als Libretto bezeichnet. Er basiert auf Texten des Alten und Neuen Testaments, die in großen Teilen dem „Book of Common Prayer“, das die Grundlage für die anglikanische Liturgie darstellt, entnommen sind, wo sie als Lesungstexte für die Liturgie der Weihnachts-, Fasten- und Osterzeit verwendet werden.

Der dritte Teil ist den Lesungen für Trauergottesdienste entnommen. Jennens verfolgte damit eine zweifache Absicht. Zum einen war ihm wichtig, die Heilsgeschichte darzustellen und deutlich zu machen, dass die Propheten des Alten Testaments bereits die Ankunft des Messias vorausgedeutet hatten, zum anderen ging es dem Librettisten um die persönliche Aneignung der Heilsgeheimnisse durch die Zuhörer. Ganz klar bezieht er mit seiner Textkompilation gegen den damals in England populären Deismus Stellung, der nicht nur unter scheinbar Aufgeklärten und Intellektuellen verbreitet war, sondern zunehmend auch in der anglikanischen Kirche rezipiert wurde. Jennens betonte also die göttliche Natur Jesu und wählte zugleich eine Textform, die vermied, dass Jesus persönlich zu Wort kam. Oratorien waren bei den anglikanischen Bischöfen nicht unumstritten. Manch einer fragte, ob es sich dabei um Glaubensausübung handele und wenn ja, warum diese dann in Konzertsälen stattfände, wenn aber nicht, warum man dann ein religiöses Thema überhaupt in dieser Form behandele. Jesus direkt sprechen zulassen, wäre in dieser Situation als Grenzüberschreitung wahrgenommen worden. Händel selbst verstand sein Oratorium als intensivierte Form der Glaubensvermittlung, bei der vor allem dem Chor eine weitaus größere Bedeutung zukam, als dies etwa in der Oper der Fall war. Da Oratorien auf szenische Darstellung verzichteten, war es ihm möglich, den Chor sowohl als Kommentator in der Tradition der griechischen Tragödie als auch als singende Gemeinde einzusetzen. Bei seiner Ankündigung verglich der Komponist dies mit der Form der englischen Krönungsmessen, in denen dem Chor wie auch heute noch eine maßgebliche Rolle in der Gestaltung zukommt.

Eine hörenswerte Interpretation

des Messias bietet die beim Label

Erator erschienene CD „Messiah“, in englischer Sprache interpretiert vom

Ensemble The Sixteen und dem Amsterdam Barockorchester unter der Leitung von Ton Koopmann.

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