Klänge einer neuen Welt

Vielstimmiger Lobpreis der Gottesmutter Maria: Die Wiederentdeckung der lateinamerikanischen Barockmusik. Von Barbara Stühlmeyer

Die Kathedrale von Mexiko-Stadt, an der der Komponist López Capillas wirkte. Foto: IN

Wer in den 1980er Jahren Musik studierte, konnte meinen, es gäbe ihn nicht. Doch in Mexiko war Francisco López Capillas ein weithin bekannter Komponist und ausübender Musiker. Der 1605 in Mexiko Stadt geborene Künstler stammte von spanischen Vorfahren ab. Er wirkte zunächst als Assistent eines anderen berühmten lateinamerikanischen Barockmeisters, Juan Gutierrez des Padilla. 1648 wechselte López Capillas als Assistent von Fabián Ximeno nach Mexiko Stadt und folgte ihm 1654 als Kapellmeister und Organist an der Kathedrale nach. Von seinen zahlreichen Kompositionen sind heute acht Messen und acht Magnificat-Kompositionen überliefert.

Francisco López Capillas verwendete in seinen Werken auch Motive aus dem Gregorianischen Choral, so etwa das „Alleluja Dic nobis Maria“. Doch Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Das gilt auch für die der Musik. Deshalb war es hierzulande bis in die 1990er Jahre hinein weitgehend unbekannt, dass es in Lateinamerika eine eigene barocke Musiktradition gibt. Dies ist umso erstaunlicher, als die Erforschung der Kompositionen und der Musikpraxis jener an inspirierenden Werken so außergewöhnlich reichen Epoche in dieser Zeit schon sehr ausgeprägt war. Aber die Institute für Alte Musik, an denen man in den 1980er Jahren bereits ausgezeichnete Kenntnisse über historische Aufführungspraxis, Instrumentenbau, gesellschaftspolitische Entwicklungen, Ernährungsgewohnheiten oder das Modebewusstsein des Barock erwerben konnte, hatten zwei blinde Flecken. Der eine betrifft den Glauben. Alles, was mit lebendiger religiöser Praxis zu tun hatte, wurde bewusst ausgeblendet. Der andere betrifft die Tradition der mehrstimmigen Musikpraxis. Man tat so, als ob Musikgeschichte, zumal die mit polyphonen Kompositionen verbundene, etwas war, das sich nur in Europa abgespielt hatte. Dieses Faktum ist interessant, denn es ist in gleich zweierlei Weise kolonialistisch. Zum einen projizierte es das damals trendige Desinteresse an allem, was mit europäischer Religion zu tun hatte – indische Traditionen kennenzulernen, Joga zu praktizieren oder Buddhist zu sein war in Ordnung – auf die Barockzeit zurück. Dass Johann Sebastian Bach, was für einen Kirchenmusiker nicht ungewöhnlich ist, zu dessen Aufgaben das Orgelspiel oder das Leiten des Chores während der Austeilung des Abendmahls gehört, selten kommunizierte, hielt mein damaliger Chorleitungsprofessor für erwähnenswert. Bachs Frömmigkeit und die bemerkenswerte Weise, in der er sie in seinen Kompositionen sowohl visualisiert als auch hörbar zum Ausdruck brachte, war kein Thema. Zum anderen pflegte man auch in der Musikszene das Bewusstsein, Polyphonie sei nicht nur eine europäische Erfindung, sie werde auch nur auf dem alten Kontinent praktiziert.

Auf diesem Hintergrund wird verständlich, warum Gabriel Garrido sowohl unter Kirchenmusikern als auch unter Musikwissenschaftlern und ganz allgemein Musikinteressierten gewissermaßen eine kleine Revolution auslöste, als er in den 1990er Jahren eine Reihe von CD Produktionen mit dem Titel Les Chemins du Baroque edierte, auf der er das reiche Erbe lateinamerikanischer Barockmusik hörbar machte. Der 1950 in Buenos Aires in Argentinien geborene Musiker, der bereits im Alter von 17 Jahren mit dem argentinischen Ensemble Pro Arte in Europa konzertierte und Musik an der Universität von la Plata, in Zürich und an der Schola Cantorum basiliensis studierte, konnte auf die Kenntnis beider Musiktraditionen zurückgreifen und so zusammenklingen lassen, was zusammengehört. Was Gabriel Garrido gemeinsam mit dem von ihm gegründeten Ensemble Elyma wieder hörbar gemacht hat, ist zum einen die inspirierende geistliche Musiktradition, die sich in ganz Lateinamerika in den Kathedralen und Missionsstationen entfaltete. Überall, wo Menschen die gute Nachricht von der Erlösung durch Jesus Christus verkündet wurde, gründeten sich Kirchenchöre und Instrumentalensembles und die Musiker, die sie leiteten, begannen, neue Kompositionen zur Ehre Gottes zu komponieren. Im Umfeld von Wallfahrtsorten wie Guadalupe entstand ein facettenreicher, vielstimmiger Lobpreis der Gottesmutter Maria. In der Klangsprache dieser Kompositionen, die ihre Wurzeln zunächst in der europäischen Musikpraxis haben, in diesem Fall speziell in der spanischen, flossen bald folkloristische Elemente sowohl des Herkunftslandes der Missionare wie des neuen Zuhauses in ihren neu gegründeten Gemeinden ein, die der Musik ein ganz eigenes Gepräge gaben. Interessanterweise sind, was die Barockmusik Mexikos angeht, nicht nur Einflüsse der ursprünglich heimatlichen spanischen Klangwelt nachweisbar, sondern auch die französische Musikpraxis hat ihre Klangspuren in Mexiko hinterlassen.

Wenn man den Prozess der Wiederentdeckung der Werke lateinamerikanischer Komponisten der Barockzeit verfolgt, könnte man meinen, die musikbezogene Beschäftigung mit der Neuen Welt sei eine Idee unserer Tage. Aber die Forschungsarbeit und die künstlerischen Aktivitäten Claudio Garridos machen hör- und erlebbar, dass bereits 1755 mitten in Europa die Eroberung Mexikos auf der Bühne zum Klingen gebracht worden war.

Das Libretto für die Barockoper „Montezuma“ stammte von keinem Geringeren als dem Preußenkönig Friedrich II., der in der von ihm präferierten französischen Sprache mit dem Aztekenherrscher Montezuma ein Gegenbild seiner selbst als militärisch bestens ausgebildetem und wachsamem Herrscher entwarf. Die Musik dieser Opera seria in drei Akten schrieb Carl Heinrich Graun, der 1735 in Friedrichs Dienste getreten war, seit 1740 als dessen Kapellmeister wirkte und in Friedrichs Auftrag in Berlin eine italienische Königliche Hofoper Unter den Linden errichtete und der Star des Berliner Opernwesens wurde, was erklärt, dass Friedrich sich, was für einen Monarchen ja durchaus ungewöhnlich ist, selbst als Librettist betätigte. Neben der französischen Fassung gibt es ein von Giampetro Tagliazucchi verfasstes italienisches Libretto. Montezuma wurde am 6. Januar 1755 uraufgeführt und war zuletzt 2012 anlässlich des dreihundertsten Geburtstags Friedrichs des Großen im Neuen Palais in Potsdam und in der Staatsoper am Schillertheater in Berlin zu hören.

Wer sich einen Klangeindruck der lateinamerikanischen Barockmusik verschaffen möchte, kann dies auf der Einspielung Offrandes de la Mere du Baroque Universel tun. Es musizieren Carla Lopez-Speziale, Claudia Montiel, Silvia Rizo, die Compania Musical de las Americas, das Ensemble Elyma, La grande Ecurie et la Chambre du Roy, jean Tubery, Jean-Claude Malgorie und Gabriel Garrido.

Hörenswert sind zudem die drei CDs Lateinamerikanische Barockmusik aus Mexiko und Bolivien. Es musizieren das Ensemble Vocal des Profundis, La Grande Ecurie et la Chambre du Roy, das Ensemble Elyma, Christina Garcia Banegas, Jean-Claude Malgoire und Gabriel Garrido.

Empfehlenswert ist auch die CD Hanacpachap mit Werken aus der Zeit der lateinamerikanischen Eroberer. Es musiziert das Ensemble Elyma unter der Leitung von Gabriel Garrido. Die CD ist 1991 beim Label PAN erschienen und wurde 2011 wieder neu aufgelegt.

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