Über die wartende Geduld Gottes

Priester im Beichtstuhl erinnern an den Vater, der auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes hofft. Von Joachim Kardinal Meisner

Kardinal Meisner
Joachim Kardinal Meisner. Foto: dpa

Jeder Mensch hat einen unstillbaren Durst nach dem unbedingt Guten. Aber ohne Beziehung zum lebendigen Gott bleibt diese Sehnsucht im Unverbindlichen stecken. Der Mensch kommt einfach nicht über sich selbst hinaus. Er erstickt oft an sich selbst. Damit das nicht passiert, ist uns von Christus das Bußsakrament am Ostertag geschenkt, indem er bei verschlossenen Türen zu seinen Jüngern kommt, sie anhaucht und sagt: „Empfanget den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben…“ (Joh 20, 22).

Vier Beichttermine reservieren

Den Menschen ist die Sprache gegeben, um diesem geistigen Erstickungstod zu entgehen. Die Sprache ist die Brücke, auf der mein Herz bei der heiligen Beichte zu Gott hinüber pilgert. Denn das Leben mit seinen vielen und unwahrscheinlichen Möglichkeiten erfüllt das menschliche Herz in einer Weise, die den Menschen oft zu erdrücken droht. „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“, sagt der Herr den Aposteln. Hier ist die Stelle im Bußsakrament, an der wir Menschen den Aposteln und ihren Nachfolgern unsere Sünden übergeben, indem sie vor ihnen im Bußsakrament ausgesprochen werden. Schon rein irdisch bedeutet es eine Befreiung, wenn ein Mensch seine Probleme mit anderen besprechen kann. Aber sie bleiben auf dieser Ebene ihm verhaftet, während im Bußsakrament nach dem Bekenntnis in der Lossprechung wirkliche Vergebung geschenkt wird. Das ist eine Befreiung von dem, was mein Leben zu ersticken drohte.

Nach der Beichte ist nicht mehr das existent, was ich gebeichtet habe und was mein Leben trostlos machte. Das Bußsakrament ist wirklich das Osterereignis im Alltag eines Christen, und zwar das ganze Jahr über. Hier sollten wir zu einer wirklichen seelischen Hygiene finden, indem wir im Jahreskalender mindestens vier Termine festlegen, an denen wir das Bußsakrament empfangen. Dabei ist sehr darauf zu achten, dass man bei der Beichte jedes Mal einen konkreten Beichtvorsatz hat, der uns die Möglichkeit gibt, in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten die erlangte Vergebung zu vertiefen und zu erweitern. Und es ist sehr gut, bei der nächsten Beichte den gefassten Vorsatz zu benennen, um sich selbst und dem Beichtvater über seinen status quo Rechenschaft zu geben.

Im Bußsakrament berührt uns ganz real der auferstandene Christus. Das wird schon daran deutlich, dass der Herr sein schönstes Gleichnis im Evangelium dem Bußsakrament gewidmet hat, nämlich im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder besser vom barmherzigen Vater (vgl. Lk 15, 11f).

Der Verlorene glaubt zunächst, er werde vom Vater nicht mehr geliebt. Er sei nicht mehr Sohn. Nur um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Das nennen wir die unvollkommene Reue. Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Sobald er ihn entdeckt, eilt er ihm entgegen, umarmt ihn, lässt ihm noch nicht einmal Zeit, sein Geständnis zu beenden und ruft die Diener herbei, damit sie ihn kleiden, nähren und pflegen. Weil man ihm so große Liebe erzeigt, beginnt der Sohn in diesem Augenblick, sie auch zu verspüren.

Priester und Laien schuld an der Krise des Bußsakraments

Eine ungeahnte Reue überkommt ihn. Das ist die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit und seine Unverschämtheit. Dann erst kommt er wirklich zurück. Wird er wieder Sohn. „Mein Sohn war tot und lebt wieder“ (Lk 15, 24), sagt der Vater daher dem zu Hause gebliebenen Sohn.

Der Verlust des Bußsakramentes in der Kirche ist die Wurzel vieler Übel im Leben der Priester und Gläubigen geworden. Und die sogenannte Krise des Bußsakramentes liegt nicht nur darin begründet, dass die Leute nicht mehr zum Beichten kommen, sondern dass wir Priester nicht mehr im Beichtstuhl präsent sind. Ein besetzter Beichtstuhl in einer leeren Kirche ist das ergreifendste Symbol für die wartende Geduld Gottes. So hat der barmherzige Vater im Evangelium jahrelang auf seinen Sohn gewartet. So ist Gott! Er wartet auf uns oft lebenslang.

Ich kenne aus meiner vierzigjährigen bischöflichen Tätigkeit ergreifende Beispiele, wo Priester täglich im Beichtstuhl präsent waren, ohne dass ein Pönitent gekommen ist, bis dann aber der Erste oder die Erste nach Monaten oder Jahren des Wartens kam. Damit war – wie man so sagt – der Knoten geplatzt. Dann wurde der Beichtstuhl reichlich frequentiert. Hier wurde der Priester angefordert, aus aller äußeren Planungsarbeit der Seelsorge mit Gruppen einzusteigen in die persönliche Not des Menschen. Und hier hat er zunächst nicht zu reden, sondern zu hören. Eine eiternde Wunde am Körper kann nur heilen, wenn sie sich ausbluten kann. Ein verwundetes Herz des Menschen kann nur geheilt werden, wenn es sich aussprechen kann. Es kann sich aber nur aussprechen, wenn jemand zuhört, und zwar in dieser absoluten Diskretion des Bußsakramentes. Für den Beichtvater gilt zunächst, nicht zu reden, sondern zu hören. Die österliche Bußzeit sollte uns das geschenkte Osterereignis, die heilige Beichte, neu wiederbringen!

 

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