Den Glauben singen

Starkes Engagement für mehr Musikausbildung: Das Oratorium „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Von Barbara Stühlmeyer

Der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy. Foto: IN

„Die Leute beklagen sich gewöhnlich, die Musik sei so vieldeutig; es sei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstände doch ein Jeder. Mir geht es aber gerade umgekehrt. Und nicht bloß mit ganzen Reden, auch mit einzelnen Worten, auch die scheinen mir so vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die Einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als Worten“, schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy am 15. Oktober 1842 an Marc André Souchay.

Mendelssohn, 1809 in Hamburg geboren und 1847 in Leipzig gestorben, lagen Töne näher als Worte. Sein Oratorium „Paulus“, mit dem er eine alte, im 19. Jahrhundert aber in Vergessenheit geratene Gattung der Musikgeschichte wiederbelebte, zeigt dies deutlich. Es steht beispielhaft für das Ringen des Komponisten um das Verhältnis von Wort und Ton. Bereits die Noten, die er seinem Verleger Simrock zum Druck übergeben hatte, waren mehrfach überarbeitet, was etwa bedeutet, dass im Vergleich zur Erstfassung allein zehn Nummern gestrichen worden waren. Mendelssohn war ein Komponist, der seine Werke immer wieder überdachte und sie änderte, wenn er zu neuen Erkenntnissen kam.

Bemerkenswert bei den Revisionen des „Paulus“ ist, dass der Komponist sich hier mehrfach für eine weniger dramatische, schlichtere, der Liturgie gemäßere Form der Vertonung entschied. So verwarf er beispielsweise den nach dem Eröffnungschor ursprünglich eingeplanten Choral „Ach bleib in deiner Gnade“, in dessen zweite Strophe er eine aufwendig verzierte Tenorstimme eingearbeitet hatte, wählte stattdessen die schlicht gehaltene Vertonung des Chorals von Nikolaus Decius „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ und setzte damit Abraham Mendelssohns Ausführungen über liturgiegerechte Choralpraxis um, der über verzierte, also figurierte Choräle geschrieben hatte: „Überhaupt ist mit dem Choral nicht zu spaßen. Das höchste Ziel dabei ist, dass das Volk ihn unter Begleitung der Orgel rein singe, – alles andere erscheint mir eitel und unkirchlich.“

Auch im Bereich der Arien und Rezitative, in denen Paulus zu Wort kommt oder seine Arbeit in den Gemeinden geschildert wird, brachte Mendelssohn in der zweijährigen Entstehungsphase des Oratoriums durchgreifende Änderungen an, deren Grundmuster einerseits die Objektivierung, andererseits die Fokussierung auf die christliche Botschaft ist. Immer dort, wo er ursprünglich zu besonders dramatischen Mitteln gegriffen oder, wie im Falle der Heidenchöre, die an die Druidenchöre aus der „Ersten Walpurgisnacht“ erinnerten, einer anderen als der zentralen Botschaft Raum gegeben hatte, korrigierte er sich durch die Neuorientierung an dem, was allein zählt. Auch nach der Uraufführung arbeitete Mendelssohn weiter an seinem Oratorium, denn die am Pfingstsonntag 1836 präsentierte Fassung weicht sowohl vom wenig später veröffentlichten Klavierauszug als auch von der 1837 als Opus 36 publizierten Gesamtpartitur erheblich ab. Mitunter kam es bei den vielen Revisionen auch zu amüsanten Verwechslungen. So sang der Tenor Ferdinand von Worringen beim für ihn neu geschriebenen Rezitativ statt „Als das die Heiden hörten, wurden sie froh“ aufgrund eines Lesefehlers anstelle des letzten Wortes „frech“. Denn dass Mendelssohn als Sujet für sein Oratorium die Geschichte der Bekehrung des Apostels Paulus wählte, hat mit der intensiven Auseinandersetzung seiner ursprünglich jüdischen Familie mit dem Christentum zu tun. Obwohl die Taufe von Felix und seiner Schwester Fanny auch unter dem Blickwinkel der gesellschaftlichen Integration der Familie zu sehen ist, war den Eltern des Komponisten die bewusste Aneignung der Inhalte des neuen Glaubens sehr wichtig.

Felix Mendelssohn beschäftigte sich nicht nur in seiner von qualifizierten Privatlehrern begleiteten schulischen Ausbildung, sondern auch musikalisch mit religiösen Themen. Dies lag umso näher, als die Kirchenmusik im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der gesellschaftlichen Erneuerung spielte. Denker wie Goethe und Schiller setzten sich in schriftlichen Einlassungen an die politisch Verantwortlichen ihrer Zeit für eine Qualifizierung der Kirchenmusikerausbildung ein und forderten von den zeitgenössischen Komponisten praxistaugliche Werke. Mendelssohn war Teil einer Bewegung von Komponisten, die große Menschenmengen in tönende Bewegung versetzte. Bei der Uraufführung des „Paulus“ im Rahmen des Niederrheinischen Musikfestes am 22. Mai 1936 in Düsseldorf musizierten 536 Laien unter seiner Leitung. Julius Rietz, dem die Organisation des großen Chor- und Orchestertreffens oblag, hatte ein 106 Soprane, 60 Altistinnen, 90 Tenöre, 108 Bässe und ein 172 Violinisten, Violaspieler, Cellisten und Kontrabassisten umfassendes Orchester gewinnen können, das aus den umliegenden Ortschaften, aber auch mit Postkutschen oder Booten aus weiter entfernten Städten angereist war. Drei Jahre zuvor hatten 420 Amateure unter Mendelssohns Leitung musiziert. Das Rheinische Musikfest war also offenbar ein Anziehungspunkt für das an neuer Musik interessierte und zum Teil auf hohem Niveau dilettierende Bürgertum.

Natürlich waren die Aufführungen nicht so perfekt, wie es bei einer Realisation mit Profichören und Orchestern der Fall gewesen wäre. Bei der Uraufführung musste Fanny Mendelssohn, die im Alt mitsang, beispielsweise einem Solisten, der bei der Anhörung des Stephanus die Rolle des falschen Zeugen übernommen und auf dem Weg zu seinem Auftritt die Orientierung verloren hatte, bei seinem Einsatz helfen, was ihr Bruder humorvoll mit den Worten, es habe sich gottlob nur um einen falschen Zeugen gehandelt, kommentierte. Musikalische Großprojekte dieser Art wären auch heute eine ausgezeichnete Möglichkeit, Menschen verschiedener Herkunft miteinander ins Gespräch, integrierend zu wirken und als Gemeinschaft zum Klingen zu bringen. Für Mendelssohn zählte Kirchenmusik zu den Gattungen, mit denen er sich sein ganzes Leben hindurch auf unterschiedlichen Ebenen beschäftigte. Ob es die Liturgie des evangelischen Gottesdienstes war, für die er nach dem Wunsch des Berliner Regenten unbegleitete Chormusik schuf, die Organisation der Kirchenmusik, für die er als Musikdirektor in Düsseldorf zuständig war und die er um Kantaten Bachs, Werke Palestrinas und Lassos bereicherte, wofür er eigens Bibliotheksreisen unternahm, um Aufführungsmaterial zu beschaffen oder seine wegweisenden Beiträge zur Gattung des Oratoriums, die es als einzige neben Händels Messias zu europaweiten Aufführungen brachten – die Beschäftigung mit der Kirchenmusik durchzieht wie ein roter Faden das Leben Mendelssohns. Dabei überschritt er als europäischer Weltbürger die Grenzen der Konfessionen, wenn er sich bei seinem Italienaufenthalt von einem Nonnenkonvent zu Frauenchören inspirieren ließ, eine mehrstimmige Agende für die lutherische Liturgie oder Psalmmotetten für den Hamburger Synagogengottesdienst komponierte.

Hörenswerte Aufnahmen des „Paulus“ realisierten der Kammerchor Stuttgart und die Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Frieder Bernius und der Rundfunkchor sowie das Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Kurt Masur beim Label Philips. Als ausführliche Hintergrundlektüre ist die bei Carus erschienene ausgezeichnete Mendelssohn- Biografie von Larry Todd zu empfehlen.

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