Antiphonen zu Ehren des heiligen Liudger

Ein identitätsstiftendes Liedgut: Spielraum für neue Musik – Die Heiligenoffizien des Mittelalters. Von Barbara Stühlmeyer

Der heilige Liudger erhält von Karl dem Großen das brabantische Kloster Lothusa. Tafelmalerei nach der Originalvita zum ... Foto: Stühlmeyer

Die Komponisten des Mittelalters haben nicht für die Schublade geschrieben. Wenn sie ein neues Werk planten, waren sie stets in Verbindung mit dem Puls der Zeit. Brennpunkt ihres Wirkens war die heilige Liturgie. Es gab keinen wichtigeren Ort und keinen ehrenvolleren Auftrag, als den, neue Klanggewänder für das Wort Gottes zu weben. Kompositionen entstanden nach Bedarf. Dort, wo neue Lieder gebraucht wurden, gab man sie in Auftrag oder komponierte sie gleich selbst. Das Repertoire für die Eucharistiefeier war durch die Gesänge des Gregorianischen Chorals abgedeckt, die zunächst mündlich tradiert wurden, dann in adiastematischer Neumennotation, also durch Notenzeichen ohne Linien, die direkt über dem Text notiert wurden und den ungefähren Verlauf der Melodie, aber keine konkrete Tonhöhe oder einen festen Rhythmus vermittelten.

Neukompositionen waren dort gefragt, wo Heilige verehrt wurden, zu deren Ehren noch keine geeigneten Gesänge vorlagen. Die Gesänge der Hildegard von Bingen beispielsweise, ein spätgregorianisches Repertoire des 12. Jahrhunderts, thematisieren überwiegend Heilige wie die Patrone ihrer Klöster auf dem Disibodenberg, dem Rupertsberg oder befreundeter Konvente wie St. Eucharius und Maximin in Trier oder Heilige wie die Gottesmutter Maria und die heilige Ursula und ihre Gefährtinnen, die im 12. Jahrhundert besonders verehrt wurden und bei denen daher ein ständiger Bedarf an geeigneten Gesängen bestand.

Diese Kompositionen trugen ebenso wie die im Rahmen der Tagzeitenliturgie vorgetragene Vita wesentlich zur Verbreitung der Verehrung bei und stärkten das Gedenken innerhalb der Konvente, Gemeinden oder Bruderschaften, die sie betend sangen. Ein wesentliches Moment bei der Komposition der Heiligenoffizien war zudem, dass sie ein identitätsstiftendes Liedgut waren. Gerade im Frühmittelalter, wo die christlichen Missionare vor der Aufgabe standen, in einer Gesellschaft, in der die Verbindung mit den Ahnen und der Sippe über alles gestellt wurde, funktionierende kirchliche Strukturen aufzubauen, halfen die Offizien mit, neue Identifikationspunkte anzubieten, ganz wie es Papst Gregor den Missionaren in England ans Herz legte, die er bat, im Hinblick auf Orte und Zeiten Anknüpfungspunkte zu bilden, die die Verwurzelung des christlichen Glaubens in den ehemals heidnischen Gebieten erleichterten. Im Frühmittelalter wurden die Heiligen zum Ersatz für die Sippe, zur neuen Familie, ein Vorhaben, das umso leichter gelingen konnte, als einzelne Heilige wie etwa Liudger nicht allein standen, sondern gemeinsam mit ihren Verwandten heilige Sippen bildeten, mit denen sich die Neubekehrten verbunden fühlen konnten.

Die Grundmuster waren ja ohnehin die gleichen: die Memoria, das rühmende Gedenken an die Vorfahren oder an die Heiligen. Das Offizium zu Ehren des heiligen Liudger stammt vermutlich aus Essen-Werden. Das Fragment, auf dem die Antiphonen und Responsorien überliefert sind, befindet sich im Besitz der Abtei St. Josef in Gerleve. Die Gesänge sind in der Neumenschrift des 12. Jahrhunderts auf vier Notenlinien notiert, sodass die Tonhöhe klar ersichtlich ist. Die Texte basieren auf der Vita des Heiligen.

Die erste Antiphon nimmt auf die Abstammung Liudgers aus dem friesischen Adel Bezug. Bereits Liudgers Großvater Wurssing hatte sich zum Christentum bekehrt, eine Zeit lang im Frankenland gelebt und war dann von Karl Martell in das neu unterworfene Friesland zurückgeschickt worden. Liudger erhielt seine Ausbildung in der Schule Gregors d. Gr. in Utrecht bei Alkuin von York, der später als wesentlicher Gestalter der Bildungspolitik Karls des Großen eine bedeutende Stellung einnahm. Auch Liudger war von Karl – er bot ihm den Bischofssitz von Trier an – für eine zentrale Stellung in der Kirchenpolitik des Reiches bestimmt. Liudger zog jedoch die Arbeit in der Mission seiner Herkunftsregion vor und gründete das Bistum Münster. Kurz nach seiner Bischofsweihe erfüllte sich ein wegweisender Traum Liudgers, da er als Bischof von Münster drei Volksstämme seelsorglich betreute. Auf dieses „Zusammenführen in der Einheit des Glaubens“ bezieht sich die zweite Antiphon Ubi postmodum.

Die Antiphon Invocantem se deus berichtet von einem Wunder bei der Errichtung des Klosters Werden, aus dem das Offizium stammt. Die übrigen ausgewählten Gesänge verwenden die gebräuchlichen Wendungen des Lobpreises der Frömmigkeit des Heiligen wie die Antiphon Vir Dei, der Wunder wie die Antiphon O admirabile divinitatis nomen und der Erwählung im Mutterleib wie das Responsorium Gaude mater. Dabei wird ein besonderer Akzent auf seine Bildung und seine Missionstätigkeit gelegt. Dies zeigt das Responsorium Beatus Ludgerus. Die auf dem Fragment überlieferten Antiphonen und Responsorien entstammen der Vigil vom Sonntag. Dies ist aus den den Antiphonen jeweils zugeordneten Psalmen „Beatus vir, Quare fremerunt, Cum invocarem, Verba mea, Domine Deus noster und In Domino confido“ zu ersehen. Es ist davon auszugehen, dass über die auf dem Gerlever Fragment notierten Gesänge hinaus weitere Antiphonen, Responsorien, Hymnen und Sequenzen zu Ehren Liudgers vorlagen. Vergleichbare Offizien wie das zu Ehren des Bremer Bischofs Willehad, das Ursula Offizium aus Cividale oder das Disibodoffizium Hildegard von Bingens sind ein Hinweis auf die intensive Auseinandersetzung mit dem Leben der Heiligen, die in der mittelalterlichen Liturgie selbstverständlich praktiziert wurde.

Wer sich heute mit diesem klangschönen und inspirierenden Repertoire beschäftigen möchte, dem sei die CD „Confessor o dignissime“, Offiziumsgesänge zu Ehren des heiligen Liudgerus, empfohlen, die auf der Homepage der Folkwang Universität der Künste bestellt werden kann. Es singt das Ensemble VOX WERDENSIS unter der Leitung von Stefan Klöckner. Er wählte, der Aufführungspraxis des 12. Jahrhunderts entsprechend, eine Realisierung mit Instrumenten, deren behutsamer Einsatz die melodischen Strukturen hörbar erhellt, und stellt die Gesänge in den Kontext der Vita des Heiligen. Die Einspielung wurde im Herbst 2014 anlässlich des Bistumsjubiläums im Paulusdom zu Münster realisiert. Das Ensemble orientiert sich bei seiner Interpretation daran, dass es sich bei diesen Gesängen um Zweige handelt, die aus den Wurzeln des Gregorianischen Chorals stammen. Für die weitergehende Beschäftigung mit spätgregorianischen Heiligenoffizien sind folgende Einspielungen zu empfehlen:

– Historia sancti Eadmundi. La Reverdie. Arcana.

– Legenda aurea. Laudes des Saint au Trecento italien. La Reverdie. Arcana.

– Mysterium Mariae. Marienlieder des Spätmittelalters. ensemble für frühe musik augsburg. Christophorus.

– Hildegard von Bingen. O vis aeternitatis. Vesper in der Abtei St. Hildegard. Schola der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard Eibingen. Ltg. Johannes Berchmans Göschl. Freiburger Musik Forum.

– Bohemorum Sancti. Schola Gregoriana Pragensis. Supraphon Records.

– Ancilla Domini. Heilige Frauen in der Liturgie. Coro Gregoriano Mediae aetatis sodalicium. Ltg Nino Albarosa. Calig.

– Medieval Pilgrimage to Santiago. ensemble für frühe musik augsburg. Christophorus.

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