Wert, das Knie vor ihm zu beugen

Wie ist Gott? Der eine und einzige – „Tagespost“-Serie zum Heiligen Jahr (Teil I). Von Klaus Berger

Abraham opfert seinen Sohn. Detail einer Skulptur von Alonso Berruguete. Foto: KNA

Ist das nicht ein Widerspruch in sich, ein unerträglicher Gegensatz: Der eine und einzige Gott, der zugleich dreifaltig ist, und das heißt: in drei Personen existiert? Ein fatales Rechenexempel also, zu sagen, eins ist gleich drei? Oder müssen wir mit der Auskunft zufrieden sein, dass sei eben ein Geheimnis, und hier beginne schon der Glauben, für den solche Absurditäten typisch seien? Und man müsse sich halt daran gewöhnen, dass es beim Glauben und in der Kirche auf lauter Dinge hinauslaufe, die man nicht verstehen könne, sondern einfach nur glauben müsse.

Diesen gut gemeinten Ratschlag hört man immer wieder, aber ich habe stets mit Leidenschaft dagegen protestiert. Nein, Gott hat den Menschen nicht dazu den Verstand gegeben, dass wir Menschen den Verstand an der Kirchtüre abgeben und vergessen. Denn eins ist nicht gleich drei. Darin besteht Glauben auch nicht, so etwas anzunehmen. Der Haken beim Glauben, wenn es denn einen gibt, liegt an ganz anderer Stelle: Nicht dass wir unsere Vernunft vergessen sollten, sondern unsere Gier, unseren hemmungslosen Willen zu Macht und Besitzergreifung.

Das wird an einer bekannten Spitzengeschichte gut deutlich, an der Opferung Isaaks. Diese Geschichte wird freilich von vielen als unbegreiflich grausam bezeichnet. Doch am Ende verzichtet Gott ja gerade auf den Vollzug des Opfers, ja auf Menschenopfer generell und für alle Zeit. Aber wenn Gott wirklich alles gehört und wenn insofern auch der Glaube an den einen Gott nichts weiter ist als die grundlegende Anerkennung dieses Verhältnisses, dann kann und darf Gott alles zurückfordern, was er je schenkt hat.

Bis heute verstehen wir durchaus, dass und warum Kinder das Kostbarste sind, das uns geschenkt ist, das höchste Gut auf Erden. So ist es für Abraham nichts weiter als die radikalste Form des Glaubens an Gott, wenn er bereit ist, ihm das Kostbarste zurückzugeben. So teilt auch Hiob des Glauben Abrahams, wenn er sagt: Der Herr hat?s gegeben, der Herr hat?s genommen, der Name des Herrn sei gelobt. In der bestehenden Bereitschaft ist Abrahams radikaler Glaube lebendig. Weder Gott noch Abraham ist hier grausam. Sie sind gerecht. Am Ende ist Gott sogar der Barmherzige. Denn wenn Gott wirklich der schlechthin höchste Wert und der größte Schatz ist, dann können sich alle anderen Werte, auch das Kostbarste in der Welt, ihm nur beugen. So wie sich früher im Hochamt alle Fahnen vor dem, der in Hostie und Wein ihnen gezeigt wurde, beugten. Und das ist nach wie vor der Wert unserer Kniebeuge. Diese Szene habe ich immer als Inbegriff der biblischen Religion betrachtet.

Auch dieses gehört zur biblischen Religion: Das Verhältnis zum Gott Abrahams ist nicht eine Zweckbeziehung, die neben anderen stehen könnte und in er es auf Nehmen und Geben und den rechten Vorteil für den Menschen ankommt. Vielmehr wird das Verhältnis des Menschen zu Gott begriffen wie das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Deshalb heißt es, der Israelit solle Gott lieben „aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele und mit aller Kraft“ (Deuteronomium 6, 4f). Und deshalb ist das Hohelied Salomos, das Lied der Lieder, im Judentum und in der Kirche bis inklusive der großen Mystikerinnen und Mystiker gesehen worden als Darstellung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, also Gott und Mensch, Und zwar beides ohne jeden Abstrich. Daher gibt es denn auch in diesem Lied den Satz „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (8, 6), der inhaltlich dann neutestamentlich überboten wird durch den sozusagen paulinischen Satz „Stärke als der Tod ist die Liebe“.

Mit Blick auf Christen und Juden gilt daher eine bemerkenswerte sehr enge Entsprechung zwischen dem Bild vom Menschen und dem Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Ja, es wird in diesem „Gleichgewicht“ das besonders ausgeprägt, was wir den christlichen Liebesbegriff nennen. Denn Tiefe und Einmaligkeit des Menschen besteht darin, dass er ein Herz hat, mit dem er lieben kann. Das „Herz“ ist der Mensch ganz. Um nichts Geringeres aber geht es auch im Verhältnis zu Gott. Weil Gott so groß ist, kann er nur aus ganzem Herzen und ungeteilt geliebt werden. Er setzt „alles“ auf den einen Gott. Das bedeutet: Er kann keine anderen Götter neben dem einen Gott haben. Und im Laufe der Zeit wird man dann immer stärker erkennen, dass und wie Eingottglaube und Monogamie (Einehe) zusammenhängen: Das Verhältnis zu Gott und das Verhältnis zwischen Mann und Frau bestimmen und normieren sich gegenseitig. Der Zusammenhang war nicht automatisch, wohl aber organisch gegeben. Er bedeutete einen Prozess über Jahrhunderte. Die alttestamentlichen Propheten und Jesus von Nazareth hatten den größten Anteil an dieser Geschichte, dass nämlich Gottesbild und Ehe eng zusammenhängen. Der Grund ist, dass der Mensch durch sein Herz bestimmt wird.

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