Ein Oratorium am Puls der Zeit

Haydns „Schöpfung“ zwischen Publikumserfolg und theologischer Kritik. Von Barbara Stühlmeyer

Joseph Haydn: "Meine Sprache versteht man durch
„Meine Sprache versteht man“: Der Komponist Joseph Haydn. Foto: dpa

Wenn heutzutage der Bundespräsident, die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Sachsen, der Prinz von Wales, die Herzogin von York und die Königin von England die Herausgabe einer zeitgenössischen Komposition subskribierten, würde dies gewiss einiges Aufsehen erregen. Als Joseph Haydn die Drucklegung seines Oratoriums „Die Schöpfung“ bekannt gab, konnte er jedoch tatsächlich eine schier endlose Reihe bedeutender Persönlichkeiten auf der Bestellliste verzeichnen, die nicht nur den gesamten österreichischen Adel, Kaiserin Maria Theresia, sondern auch die erwähnten Mitglieder des englischen Königshauses umfasste. Bereits die nicht öffentliche Erstaufführung am 8. März 1799 im Palais Lobkowitz, nach der Haydn noch einige Korrekturen anbrachte, hatte ein derartiges Interesse erregt, dass die Veranstalter den Aufführungsort absperren ließen und als „Die Schöpfung“ am 19. März im Burgtheater einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert wurde, war der Andrang so groß, dass manch einer gar nicht zu seinem bereits bezahlten Sitzplatz durchdringen konnte. Auch finanziell war „Die Schöpfung“ für Haydn ein Erfolg, wenngleich keineswegs überbezahlt. 4 000 Gulden erhielt er für das Oratorium, an dem er fast drei Jahre lang, von Oktober 1796 bis April 1798 gearbeitet hatte. Um die Relationen deutlich zu machen: Sein Kollege Wolfgang Amadeus Mozart verlangte und erhielt für ein Klavierkonzert 1 000 Gulden, verdiente pro Jahr circa 10 000 Gulden, was ungefähr 125 000 Euro entspricht und zahlte seiner Magd einen Monatslohn von einem Gulden.

Das Werk bezeichnet tatsächlich den Höhepunkt im Schaffen jenes bescheidenen Könners, der, aus einfachen Verhältnissen stammend, sein ganzes Leben der Tonkunst gewidmet hatte. Ein Jahr nach der Uraufführung wurde „Die Schöpfung“ mit dem von Gottfried van Swieten durchaus mangelhaft ins Englische rückübersetzten Text im Londoner Covent Garden und am 24. Dezember im Beisein Napoleons in Paris präsentiert. Aber auch relativ einfache Gemeinden über Land drängten sich danach, das Werk zur Aufführung zu bringen, nicht selten unterstützt von Haydn selbst, der sein Honorar für wohltätige Zwecke stiftete und auch andere Musiker überzeugte, gerade dieses Werk im Rahmen eines Benefizkonzertes aufzuführen. Dabei verlangt „Die Schöpfung“ den Zuhörern durchaus einiges ab. In der Orchestereinleitung, die das Chaos vor Beginn der Schöpfung musikalisiert darstellt, geht Haydn in bisher unerhörter Weise an die Grenzen der Tonalität und präsentiert nach dem starr ausgehaltenen Einklang des gesamten Orchesterapparates auf dem Ton C, über dem sich Fetzen thematischen Materials schemenhaft entfalten, jenen Tristanakkord, den man eigentlich erst Richard Wagner zugetraut hat, um sich über den vom Erzengel Rafael gesungenen Worten „Im Anfang schuf Gott“ über einem verminderten Septakkord in die hohe Lage zu erheben, die Spannung zwischen Schöpfer und Schöpfung tönend symbolisierend. Warum „Die Schöpfung“ ein so überragender Erfolg war? Vermutlich, denn gänzlich erklärbar ist auch bei genialen Werken nie, warum sie von den Zeitgenossen geliebt oder erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später entdeckt und rezipiert werden, antwortete Haydn mit seiner sehr speziellen Konzeption von Text und Musik auf die Situation seiner Zeit.

Geprägt vom Geist der Aufklärung waren nicht nur die Associierten Cavaliers, jene Gesellschaft Wiener Adeliger, in deren Auftrag „Die Schöpfung“ entstand, bildungshungrig und kulturbeflissen. Tatsächlich löste die erfolgreiche Präsentation des Werkes eine Art Boom aus. Allenthalben entstanden Bürgervereine, die sich der Organisation von Konzerten verschrieben und neben zeitgenössischen Werken mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs durch Felix Mendelssohn Bartholdy schließlich die Rezeption der Werke vergangener Epochen einläuteten. In Haydns Oratorium fanden Adelige ebenso wie Bildungsbürger ihr eigenes Streben nach verantwortlichem Handeln widergespiegelt. Denn der deutsche Text, den van Swieten nach der englischen Vorlage verfasste, die ursprünglich für Georg Friedrich Händel aus dem Buch Genesis, dem Buch der Psalmen und John Miltons Epos Paradise Lost erstellt, von diesem aber nie in Musik umgesetzt worden war, weicht an einigen Stellen in durchaus tendenziöser Weise vom Original ab. Wenn van Swieten die Engel als „der Himmelsbürger frohe Schar bezeichnet“, oder mit den Worten „gleich öffnet sich der Erde Schoß und sie gebiert Gottes Wort“ mythologische Vorlagen aufgreift, waren dies Vorstellungen eines Spätaufklärers, die aufgrund ihres materialistischen Deismus theologisch grenzwertig sind, was der Librettist zwar geschickt zu kaschieren verstand, bei den intelligenten katholischen Zuhörern aber durchaus Kritik hervorrief. Nicht ohne Grund wurde „Die Schöpfung“ fast immer in Theatern oder Konzertsälen aufgeführt.

Kirchen blieben dem Werk aber häufig verschlossen. Denn wenn auch die ersten beiden Teile des Oratoriums, die das biblische Sechstagewerk thematisieren, mit einem gerüttelt Maß an Wohlwollen interpretiert noch als gut katholisch durchgehen konnten, bot der dritte Teil Anlass zu erheblicher Kritik. Sie setzte damit an, dass Haydn den Sündenfall gänzlich wegließ. Denn der passte, was angesichts heute moderner theologischer Vorstellungen kaum verblüffen kann, nicht mehr so recht ins Selbstbild des aufgeklärten Menschen. Der wird vielmehr als Genussmensch inmitten des Werkes eines Schöpfers präsentiert, der in den Augen der Theologen, die sich Ende des 18. Jahrhunderts näher mit Text und Musik auseinandersetzen, eine ärgerliche Familienähnlichkeit mit dem großen Baumeister aufwies, den die Freimaurer, zu denen auch Haydn zählte, als Weltenschöpfer verehren.

Tatsächlich hatte Joseph Haydn ein ziemlich praxisbezogenes Bild der Schöpfungsvorgänge: „Ich stelle mir den Vater des Lichts vor mit Stahl und Steinen in den Händen und als die beyden Härten aneinander geriethen, so war der Funke da, aus welchem das prächtige Licht hervorstrahlte“, gibt Carls Friedrich Zelter in einem Brief an Johann Wolfgang von Goethe dessen Vorstellung über den Schöpfer wieder. Kritik löste auch die Streichung jener Verse aus, die die Herrschaft des Menschen über Tiere und Pflanzen thematisieren. Sie wird heute von vielen als frühzeitig in Wort und Ton gesetzte ökologische Ethik begrüßt, doch passt dies zum Auftrag des Menschen, mitschöpferisch tätig zu sein und wie soll die Mitarbeit an der Schöpfung sich ohne ein Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit segensreich entfalten?

Haydn selbst sah in seinen Auffassungen keinen Widerspruch zu seinem Glauben. Er verstand sich als mündigen Christen, der, wenngleich er sich in seinen Messkompositionen strikt an die Textvorlagen hielt, in seinem Oratorium seiner subjektiven Frömmigkeit Ausdruck verlieh. Auf die Kritik eines Klerikers reagierte er selbstbewusst mit der Annahme, „dass die Menschen mit weit gerührterem Herzen aus meinem Oratorio als aus seine Predigten herausgehen dürften“. Das mag sein, doch Rührung allein reicht für ein Leben in der Schule des Evangeliums nicht aus. Eine hörenswerte Aufnahme der „Schöpfung“ bietet Teldec Classics. Es musizieren Solisten, der Arnold Schönberg Chor und die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt.

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