Verkehrte Welt in der Liturgie

Die Tradition der Narrenmessen gehörte zu den Feierlichkeiten im Mittelalter. Von Barbara Stühlmeyer

„Der Teufel sitzt im Chorgestühl“, wie ein Buchtitel über die Bildwelten alter Kirchen heißt. Foto: IN

Wenn heutzutage am 1. Januar der Bischof beim feierlichen Einzug in den Dom eine Maske trüge, die Domkapitulare im Chorgestühl zu tanzen begännen, die Ministranten Purzelbäume schlügen und der Domchor Lieder mit zweifelhaftem Inhalt zu Gehör brächte, die eigens zu diesem Anlass getextet und komponiert wurden, wären Erstaunen und Empörung gleichermaßen groß. Jede einzelne dieser Verhaltensweisen würde als unziemlich und unangemessen eingestuft, sie zöge Kritik auf sich und Konsequenzen nach sich. Im Mittelalter war dies anders.

Wer sich in die British Library in London begibt und das Manuskript Egerton 2615 studiert, stößt dort auf das Officium Circumcisionis aus Beauvais, eine Sammlung von dreistimmigen, auf Vierliniensystem notierten Motetten, Hymnen in Latein und Französisch und ein liturgisches Spiel zum Fest der Beschneidung des Herrn aus dem 13. Jahrhundert, entstanden zwischen 1227 und 1234, das genau die oben beschriebenen Kriterien erfüllt. Und dieses Manuskript ist kein Einzelfall. In der Universitätsbibliothek München befindet sich die Handschrift einer Narrenmesse aus Sens und auch das Moosburger Graduale der Bayerischen Staatsbibliothek München ist eine Fundgrube für liturgische Gesänge, die der heutigen Praxis deutlich gegen den Strich gingen.

Die Narrenmessen zählen zu den interessanten Merkwürdigkeiten der Liturgiegeschichte. Einmal im Jahr, näherhin zwischen Weihnachten und dem Fest der Erscheinung des Herrn herrschten mitten in der Liturgie die Gesetze einer verkehrten Welt. Die Idee des Rollentausches, des Überschreitens der gesellschaftlichen Grenzen und der üblichen Verhaltensnormen hat ihr Vorbild in der antiken Tradition der Saturnalien. Die Römer begingen dieses Fest zunächst am 17. Dezember. Bald schon wurden die Feierlichkeiten bis zum 23. und schließlich bis zum 30. Dezember ausgeweitet. Die Saturnalien begannen mit einer Kulthandlung im Tempel des Saturn, an die sich aller Orten Feste und Feiern anschlossen. In dieser Zeit waren die öffentlichen Gebäude geschlossen. Es wurde ein Saturnalienfürst gewählt, der auch Rex bibendi (König des Trinkens) genannt wurde, was auf einen erheblich gesteigerten Alkoholkonsum in diesen Tagen hinweist.

Entscheidendes Merkmal der Feierlichkeiten war neben den allgemeinen Ausschreitungen der Rollentausch zwischen Herren und Sklaven. Hier knüpft die Tradition der Narrenmessen an. An vielen Orten wurde ein Dominus festi gewählt. Dort, wo es Knabenchöre gab, spielte ein Kind die Rolle des Bischofs. Auch die im Anschluss an die Narrenmessen dargebotenen Komödien, Narrenumzüge und Ballspiele lassen sich auf die Saturnalien zurückführen. Die Tradition des Esels, der den Platz des Bischofs am Altar einnahm, stammt dagegen wohl eher aus der keltischen Tradition und verkörpert vermutlich den gehörnten Gott Cernunnos. Zugleich ist der Esel sowohl ein Fruchtbarkeitssymbol als auch Sinnbild der Dummheit.

Sicherlich fließt hier auch die heidnische Tradition des Festes der Epona, der Göttin der Pferde, Esel und Maultiere mit ein, das um den 21. Dezember herum begangen wurde. Die Einbeziehung des Esels in die Narrengottesdienste gilt als Beispiel für Inkulturation, die Einbeziehung vorchristlicher Rituale in den christlichen Gottesdienst. Natürlich wurden die Narrengottesdienste nicht an jedem Ort in genau der gleichen Weise abgehalten.

Grenzüberschreitungen nicht blasphemisch gesehen

Dies hätte ihrem Wesen als Feier des Ausbrechens aus der gewohnten Ordnung widersprochen. Es musste auch nicht unbedingt eine Messe sein, deren Feier parodiert wurde. Vielerorts diente dazu die Vesper. Denn in ihr gibt es einen Gesang, der besonders dazu geeignet ist, den Startschuss für Verrücktheiten aller Art zu geben, das Magnificat, in dem die Umkehrung der Werte im Vers „Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ thematisiert wird. Dass genau dieser Abschnitt des Canticums aus dem Evangelium der Ansatzpunkt für das närrische Treiben war, zeigen die Vertonungen des Magnificat, bei denen er mehrfach gesungen wurde, so oft, dass der Bischof von Paris 1199 einschritt und die Anzahl der Wiederholungen auf fünf beschränkte.

Es erhob sich also durchaus Kritik an den die Grenzen des Schicklichen überschreitenden Gesängen und Riten, die aber nicht deren Abschaffung intendierte, wie eine Stellungnahme der Theologischen Fakultät von Paris aus dem Jahr 1440 zeigt, in der es heißt, selbst ein Weinfass würde platzen, wenn nicht gelegentlich das Spundloch geöffnet würde, um Luft abzulassen. Tatsächlich waren die Narrenmessen akzeptierter Bestandteil der Liturgie, auch wenn Sängerknaben Unsinn sangen, wozu die Gemeinde durch Verdrehen der Texte, Kreischen und Lallen oder das Ausstoßen von Iah-Rufen während des Gloria und Credo ihren Teil beitrug und der Leiter des Narrengottesdienstes mit Wasser übergossen wurde – ein Ritus, der in einer Maßregel aus dem Jahr 1444 auf dreimaligen Vollzug begrenzt wurde. Das mag daran liegen, dass die Feier der Liturgie im Mittelalter stärker als heute ein gesamtgesellschaftlicher Vollzug war, so selbstverständlich heilig und täglich praktiziert, dass extreme Grenzüberschreitungen wie die geschilderten Gesänge und Riten nicht als gefährlich oder blasphemisch empfunden wurden. Andernfalls wäre es undenkbar gewesen, dass sich Priester wie der Dekan Johannes de Perchhausen als Texter und Komponisten für diese Feste engagiert hätten. Von ihm stammen einige der im Moosburger Graduale aus dem 14. Jahrhundert enthaltenen Gesänge, andere sammelte der Dekan und fügte sie dem Kompendium hinzu.

Die Narrenmessen wurden bevorzugt am 1. Januar, dem Fest der Beschneidung des Herrn, aber auch am Fest der unschuldigen Kinder gefeiert. Der ernste Hintergrund des Festes der kindlichen Märtyrer erwies sich insofern als Einfallstor für das närrische Treiben in der Liturgie, als die Identifikation mit dem Jesuskind, das dem mordenden König Herodes entronnen war, weil sein Ziehvater Josef seine Familie in Sicherheit gebracht hatte, ein Gefühl des Entronnenseins hervorrief, ein Bewusstsein, dass mittellose Flüchtlinge einem Mächtigen ein Schnippchen geschlagen hatten, was einen gewissen Übermut hervorbrachte, der sich in den Narrenmessen Ausdruck verschaffte. Dort, wo die Narrenmessen am 28. Dezember stattfanden, wählten die Kinder einen der ihren als Kinderbischof und überreichten ihm als Zeichen seiner Vollmacht einen Baculus, den Dirigentenstab, mit dem er an diesem Tag den Chor leiten durfte. Das restliche Jahr hindurch – und hier zeigen die weisen Liturgen des Mittelalters, einer nachhaltigen Ausuferung der kurzzeitig erlaubten Eigenmächtigkeiten vorbeugend, die Grenzen auf – sorgte der Kinderbischof für die notwendige Disziplin seiner Mitsänger während der Chorproben und Gottesdienste.

Wer sich eine Narrenvesper und eine Narrenmesse anhören möchte, sei auf die CD „The feast of fool“ verwiesen, Edition de L'Oiseau – Lyre, ASIN: 8001887RSS. Es musiziert das New London Consort unter der Leitung von Philip Picket.

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