Alles im Namen Jesu tun

Die Kantate „Alles, was ihr tut“ gilt als sein beliebtestes Vokalwerk: Klingende Lebensweisheit von Dieterich Buxtehude. Von Barbara Stühlmeyer

Im Barockzeitalter eine Autorität in Sachen Orgelmusik: Dieterich Buxtehude. Foto: IN

Kaum jemand außerhalb des kleinen Kreises der Fans der Orgelmusik des norddeutschen Barock kennt heute noch seinen Namen. Doch zu seinen Lebzeiten war Dieterich Buxtehude die unbestrittene Autorität in Sachen Orgelmusik und auch heute kommt niemand, der sich ernsthaft mit der Königin der Instrumente auseinandersetzt, an ihm vorbei. Denn er ist nicht nur der bedeutendste Repräsentant jenes neuen, freien und fantasievollen Orgelstils, dem die Musikwissenschaftler den Namen Stylus phantasticus gegeben haben, weil er sich in seinem Einfallsreichtum und seiner Formenvielfalt so sehr von dem vormals geltenden strengen, an den Choralmelodien orientierten Stilideal unterscheidet. Er ist auch der erste Musiker, der in seinem Umfeld nicht mehr nur als Handwerker wahrgenommen wurde und der die Konzertreihe an seiner Kirche zu einem gesamtstädtischen Event auszugestalten wusste. Denn neben dem Orgelspiel in den Gottesdiensten und der Unterrichtstätigkeit widmete Buxtehude sich vor allem der Gestaltung der Abendmusiken an der Marienkirche.

Diese von seinem Vorgänger und Schwiegervater Franz Tunder eingeführte Konzertreihe geht auf die Verbindung zwischen der Marienkirche und der Lübecker Kaufmannschaft zurück. Sie ist insofern etwas Besonderes, als in Lübeck erstmals unabhängig von der Feier des Gottesdienstes kirchliche Musik in einem konzertanten Rahmen erklang. Wie so oft stand auch bei dieser Erfindung das Alltagsleben Pate. Denn die Lübecker Pfeffersäcke pflegten sich einmal in der Woche zur Börse zu versammeln, die auf dem Markt neben der Marienkirche stattfand. Da sie in der Regel ein wenig eher kamen, um Geschäfte schon vorher abzusprechen, und dabei, da Lübeck nicht an der Adria liegt mitunter jämmerlich froren, verlegten sie diese Absprachen in die Marienkirche. Dort hörten sie ein um das andere Mal dem Organisten Tunder zu, der auf die Idee kam, aus dem Zufall eine Institution zu machen und die Lübecker Abendmusiken erfand. Waren sie zunächst reine Orgelkonzerte gewesen, zog Dieterich Buxtehude schon bald Chorsänger und Instrumentalisten hinzu. Die Werke komponierte er selbst, das Geld für die Aufführungen kam von den Kaufleuten.

Das Konzept sprach sich herum und wurde zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, die als Werbeträger sogar Eingang in die Stadtführer der Hansestadt fand. Da die Abendmusiken unter Buxtehudes Leitung standen, gerieten seine Kantorenkollegen zunehmend ins Hintertreffen, da ihnen deutlich weniger Geld für die Chor- und Instrumentalmusik im Gottesdienst zur Verfügung stand, worüber der Kantor Caspar Ruetz beredte Klage führte: „Denn in den Abend-Musicken singet und spielet alles, was einen musicalischen Odem hat, weil bey nahe die gantze Bürgerschaft dazu beiträgt, damit eine prächtige und starck besetzte Music könne herausgebracht werden: Kommt aber das heilige Weihnachts-Fest herran, das feyerliche Andencken des Geheimnisses der Menschwerdung des Sohnes Gottes, welches auch die Engel gelüstet an zu schauen, so habe ich nicht mehr als 8 Raths-Musicanten und ein Paar Sänger, mit welchen ich die Fest-Musicken bestellen muß, und will ich auch einmahl eine starck besetzte und feyerliche Music, nach der Hoheit des Festes aufführen, wie solches gar öfters, insonderheit zu Anfang meines Amtes geschehen, so trägt die Gemeinde nicht einen Schilling dazu bey, sondern ich muss alles aus meinem Beutel bezahlen, welches aber der nechste Weg ist, sich arm zu musicieren.“

In Lübeck war die Gestaltung der Musik an der Marienkirche wie in allen großen Kirchen in den Bereich des Organisten und des Kantors unterteilt. Der Organist war für das Orgelspiel in den Gottesdiensten zuständig. Dazu gehörten das Soloorgelspiel vor und nach der Predigt, sowie zu Beginn und am Ende des Gottesdienstes und die Vorspiele zu den Liedern, nicht aber deren Begleitung. Die wurde von Chor vorgenommen, der gemeinsam mit der Gemeinde die Lieder sang. Der Chor erklang dabei vierstimmig, während die Gemeinde die Melodie sang. Die Aufgabe des Kantors war es, die Gesänge mit dem Chor einzustudieren. Er arbeitete außerdem, da dies ja kein Vollzeitjob war, als Latein- und Musiklehrer an der Lateinschule. Da der Chor auch im Wechsel mit der Gemeinde und solistisch in Erscheinung trat, war der Kantor auch für die Instrumentalmusik zuständig. In Lübeck wurden die Grenzen der Aufgabenbereiche jedoch dadurch fließend, dass Buxtehude in den Abendmusiken überwiegend Chor- und Instrumentalmusik aufführte, die er dann nach und nach auch in die Gottesdienste einfließen ließ.

Dass Buxtehude also außer einem genialen Organisten, einem ideenreichen Komponisten auch noch ein Manager von beachtlicher Qualität war, sieht man an seiner Tätigkeit als Foundraiser. Jeweils zum Jahresbeginn verschickte er an alle, von denen er sich Spenden erhoffte, Briefe mit Einladungen zu den Konzerten, die bereits die Textbücher der Kantaten enthielten, die er aufzuführen gedachte. Außerdem scheute er sich nicht, bedeutende Kaufleute und Ratsherren zu bitten, die Patenschaften für seine zahlreichen Kinder zu übernehmen und sich auf diese Weise eng mit den führenden Lübecker Familien zu verbinden.

Natürlich zog dies wieder neue Aufträge nach sich, wie die vielen Bitten um Kompositionen zu Hochzeiten oder Beerdigungen innerhalb der entsprechenden Familien zeigen. Dass diese extra bezahlt wurden, versteht sich von selbst. Dabei war Dieterich Buxtehude nach den Maßstäben seiner Zeit und seines Berufsstandes ohnehin ein Großverdiener. Von den vierzehn Musikern, die auf der Gehaltsliste der Marienkirche standen, verdiente er mit 709 Mark lübisch bei weitem am meisten. Dazu kamen 180 Mark für seinen Dienst als Werkmeister, sowie ein Deputat an Fleisch, Wein und Kleidung. Sein Haus bewohnte er mietfrei und bezog außerdem noch Mieteinnahmen für die Wohnung des Werkmeisters, die er selbst nicht benötigte, sowie die Gelder für Auftragskompositionen und Unterrichtstätigkeiten. Sein Kantorenkollege bekam für seinen Dienst 80 Mark lübisch pro Jahr, dazu kamen 330 Mark für seine Tätigkeit als Lehrer und eine mietfreie Wohnung. Die Kantate „Alles, was ihr tut“ gilt als beliebtestes Vokalwerk Buxtehudes. Denn mit ihr traf der Komponist zu hundert Prozent den Geschmack seines Publikums. Hanseatische Kaufleute waren auf ihr Seelenheil bedacht – so gehört es sich für einen klug kalkulierenden Handelsmann. Doch sie wollten die Worte, die ihnen zum Heil dienten in verständlicher und mitreißender Form hören.

Erstes Gebot war daher – ganz wie es auch das Konzil von Trient gefordert hatte – die Textverständlichkeit. Ihr trug Buxtehude mit der aus Concerto, Aria und Choralsatz gemischten Form der Kantate Rechnung. Den Concertosatz, in dem ein Komponist für gewöhnlich seine Kunstfertigkeit in komplex verwobenen Rhythmen zeigt, gestaltete er homophon, sodass durch den gleichzeitigen Vortrag des Textes dessen Botschaft „Alles, was ihr tut in Worten oder Werken geschehe im Namen Jesu“ von allen verstanden werden konnte. Die Wiederholung des festlichen Eingangschors am Ende der Kantate bekräftigt die Kernbotschaft und sorgt für deren Einprägsamkeit. Auch die Aria, bei Buxtehudes Kollegen oft die Gelegenheit für komplexe Formensprache, gestaltet er in strophiger Form als verhältnismäßig schlichten Chorsatz. Dies war für die Kaufleute besonders wichtig, weil sie hier, im Gegensatz zum aus der Heiligen Schrift stammenden Eingangschor, den Text nicht kannten. Ihn wollten sie aber unbedingt verstehen, weil er eine zeitgemäße Deutung des Kolosserbriefs versprach.

Mit dem Evangelium das Leben in Einklang bringen

Interessant ist der Effekt am Ende dieses Teils, in dem Buxtehude nach drei vierstimmigen Strophen im Sinne einer Vertiefung des inneren Miterlebens den Solisten die inhaltliche Essenz kurz zusammenfassen lässt. Ähnlich, diesmal durch einen Wechsel von solistischem und mehrstimmigem Vortrag verfährt Buxtehude beim zweistrophigen Choral „Gott will ich lassen raten“, dessen erste Strophe wie in der englischen Hymnenaufführungspraxis einstimmig, dessen zweite mehrstimmig gestaltet ist. Der Grund für den Erfolg dieser Kantate liegt auf der Hand. Wie ein guter Prediger sprach Buxtehude mit diesem Werk die Probleme der Bürger seiner Stadt, ihr von Profit und Kommerz geprägtes Leben mit dem Evangelium in Einklang zu bringen an und gab mit dem Hinweis auf die Konzentration allen Tuns auf Jesus Christus und seinem Hinweis auf die Namen Jesu Verehrung eine im Alltag gut umsetzbare Lebenshilfe, deren Einprägsamkeit tief war wie die Einprägsamkeit der Melodien der Kantate.

Überzeugende Aufnahmen in historischer Aufführungspraxis gibt es vom Amsterdamer Barock Orchester und Chor unter der Leitung von Ton Koopmann in der Reihe Dieterich Buxtehude Opera Omnia VII, Vokalwerke 3 von Challenge Classics und bei Naxos mit dem Copenhagen Chapel Choir und dem Dufay Collective unter der Leitung von Johan Reuter.

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