Gloria in altissimis!

Der heiligen Liturgie verbunden: Das Oratorio de Noël von Camille Saint-Saens. Von Barbara Stühlmeyer

Camille Saint-Saens (1835–1921), der Meisterwerke der Kirchenmusik schuf. Foto: IN

Camille Saint-Saëns war gerade einmal 23 Jahre alt, als er innerhalb von nur zwei Wochen sein Weihnachtsoratorium vorlegte. Die Entstehung des Werkes ist eng mit dem Arbeitsfeld des Ausnahmemusikers verbunden, dessen Talent schon mit drei Jahren zutage trat, als er lesen lernte und seine musikalische Ausbildung begann.

Saint-Saëns, dessen kirchenmusikalisches Schaffen 1856 mit seiner Messe für Soli, Chor, Orchester und Orgel Opus 4 seinen Anfang nahm, die Franz Liszt „ein großartiges, herrliches Meisterwerk“ nannte, „das einer wunderbaren gotischen Kathedrale gleicht, in der Bach seine Kapelle haben könnte“ und sich bis zum auf einem englischen Text basierenden biblischen Oratorium „The promised Land“ (Das gelobte Land) aus dem Jahr 1913 und seiner Fantasie in C-Dur für Orgel 1919 erstreckte, war 1853 Organist an der Pariser Kirche Saint Merri geworden und wechselte 1858 als Nachfolger des renommierten Organisten und Komponisten Louis James Alfred Lefebure-Wély nach La Madeleine.

Ausnahmetalent einer ganz besonderen Persönlichkeit

Wie in Saint Merri, wo er 1857 als eine seiner letzten Amtshandlung die Wiedereinweihung der restaurierten und neu disponierten Orgel mit einem Konzert, in dem er die D-Dur-Fuge von Johann Sebastian Bach, eine Mendelssohnsonate und seine Fantasie Es Dur präsentierte, vorgenommen hatte, stand Saint-Saëns auch in der durch ihren berühmten Portikus und die Kuppel geprägten Madelaine eine Orgel von Aristide Cavaille-Coll zur Verfügung, dem führenden Orgelbauer Frankreichs.

„Um alle Möglichkeiten eines großen Instruments auszunutzen, muss man es durch und durch kennen. … Es gibt keine zwei Instrumente in der Welt, die gleich wären; die Orgel ist ein Thema mit unzähligen Variationen … und nur mit der Zeit kann ein Organist sein Instrument ,wie seine Westentasche‘ kennen und sich auf ihm wohlfühlen wie ein Fisch im Wasser. Wenn er so weit ist, dass er sich nur mehr um musikalische Fragen zu kümmern braucht und über alle Farben seiner immensen Palette frei verfügen will, dann gibt es nur eines: die Improvisation … Auch ich habe während der rund zwanzig Jahre als Organist an der Madelaine fast immer improvisiert, dem Zufall, der Fantasie freien Lauf gelassen; es war eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens.“ Kein Wunder also, dass die Orgel neben den fünf Vokalsolisten Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor und Bariton, dem vierstimmigen gemischten Chor, dessen Frauenstimmen in einem Satz zur Vierstimmigkeit erweitert auskomponiert sind, der Harfe und dem Streichorchester eine entscheidende Rolle spielt.

Die Texte, die Camille Saint-Saëns seinem Werk zugrunde legte, sind der Vulgata entnommen, jener auf den Kirchenvater Hieronymus zurückgehenden lateinischen Übersetzung beziehungsweise Revision der Heiligen Schrift, die ab dem 9. Jahrhundert als maßgeblich für den Gebrauch in der Liturgie galt. Manch ein Musikwissenschaftler, der zumeist aus höchst persönlichen Gründen am Bild der in Biografien gern kolportierten Kirchenferne des Komponisten festhält, hat sich verwundert über die Textkompilation aus einzelnen, verschiedenen Büchern der Bibel wie dem Evangelisten Johannes, dem Propheten Jesaja und dem Buch der Psalmen entnommenen Versen gewundert und sich gefragt, woher Saint-Saëns wohl die Inspiration für diese Zusammenstellung genommen habe. Doch hier hilft ein Blick in die liturgischen Texte der ersten Messe zur Mitternacht und der zweiten in der Morgenfrühe weiter, die Saint-Saëns als Grundlage dienten. Offenkundig war der Komponist der heiligen Liturgie eng genug verbunden, um ganz selbstverständlich dort nach den geeigneten Schriftversen zu suchen, die gemeinsam mit dem Weihnachtsevangelium nach Lukas Teil der klingenden Verkündigung der frohen Botschaft von der Inkarnation sein sollten. Saint-Saëns Oratorio de Noël führt bewusst den Gattungsnamen Oratorium.

Wie kein anderer Komponist des 19. Jahrhunderts galt der Franzose als Kenner der Musikgeschichte. Und obwohl sein Weihnachtsoratorium mit 35 bis 40 Minuten Aufführungsdauer eher dem Umfang einer Kantate entspricht – Johann Sebastian Bachs gleichnamiges Werk ist sechsmal so lang – ist der Thomaskantor zweifelsohne ein Referenzpunkt für Saint-Saëns, wie das „Prélude dans le style de Séb. Bach“ zu seinem Oratorio de Noël zeigt. Saint-Saëns konzipierte es in Anlehnung an dessen Sinfonia, der die zweite Kantate des Weihnachtsoratoriums einleitenden Hirtenmusik. Doch der Franzose schuf keine Stilkopie, obwohl er dies als Subskribent der alten Bachausgabe, deren Weihnachtsoratorium er 1856 in Händen hielt, und aufgrund seiner technischen Fertigkeiten zweifelsohne vermocht hätte, er referenziert lediglich die Form und variiert in seiner Kombination aus englischen Streicherklängen und an Schalmeien der Hirten erinnernde Oboenklänge das Thema der Begegnung von himmlischen Mächten und irdischer Lebenswirklichkeit in der Tonsprache seiner Zeit.

Die zehn Sätze seines bewusst für die Aufführung im Rahmen der weihnachtlichen Eucharistiefeier konzipierten Werkes sind überwiegend von lyrischem Charakter, jedoch blitzt die jubelnde Weihnachtsfreude in großartigen, von überbordendem Jubel geprägten Soloparts und im festlichen Schlusschoral auf, der hierzulande in der deutschen Fassung „Lobsinget Gott dem Herrn, bringet ihm Ehre“ vielen Gemeinden vertraut ist. Und auch dramatische Momente fehlen nicht, wie etwa bei dem die Verfolgung des Jesuskindes durch Herodes thematisierenden Chor „Quare fremerunt gentes.

Das Oratorio de Noël verrät unzweifelhaft die Kompositionsstudien, die Saint-Saëns durch seine intensive Beschäftigung mit den Werken Bachs, Händels, Mozarts, Berlioz und Gounods betrieben hat. Zugleich trägt dieses wie alle anderen seiner Werke den Stempel der ganz eigenen Persönlichkeit des Ausnahmetalents. Denn dies ist das Bemerkenswerte an Saint-Saëns, den man, wie er selbst mit leiser Selbstironie erzählte, erst einen Revolutionär und dann einen Reaktionär nannte. Der Grund für diese natürlich von außen kommende und nicht das Oeuvre aus sich selbst, sondern in Beziehung zu seinen Zeitgenossen betrachtende Beurteilung geht letztlich an Camille-Saint-Saëns vorbei. Er hat als Wunderkind beginnend, dessen frühe Kompositionen man mit denen Mozarts verglich, der mit elf Jahren als Konzertpianist brillierte, mit 15 seine erste Sinfonie vorlegte und dessen Werkverzeichnis neben seinen kirchenmusikalischen Kompositionen Bühnenmusiken, Opern, Filmmusik, weltliche Chor- und Orchesterwerke, zahllose Lieder, Klavierkompositionen, Kammermusik und eine schier endlose Liste von Transkriptionen und Bearbeitungen umfasste, mit ungewöhnlicher Entschiedenheit früh seinen Stil gefunden und ist ihm sein ganzes Leben lang treu geblieben. Das aber ist nur in einer Welt schlecht, in der allein das jeweils Neue zählt. Dort, wo auch Bewährtes als gut gelten darf, ist es hervorragend.

Eine empfehlenswerte Einspielung des Oratoriums durch das Vocalensemble Rastatt, Les Favorites, Antonia Bourvé, Gundula Schneider, Sabine Czineczel, Marcus Ullmann und Jens Hamann unter der Leitung von Holger Speck ist 2006 im Carus Verlag erschienen.

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