Der „wundersüße Kern“ des ewigen Lebens

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“ des Komponisten Philipp Nicolai ist der Auftakt zur neuen „Tagespost“-Serie „Hauptwerke der Kirchenmusik“ Von Barbara Stühlmeyer

Der Komponist Philipp Nicolai (1556–1608). Foto: IN

Der christliche Gottesdienst ist von Anfang an mit Musik verbunden. Die Verbindung der Klänge mit den Worten der Schrift und den Antworten, die die Menschen auf sie finden, spielt dabei eine zentrale Rolle. Jede Epoche hat ihre eigenen Lieder zum Klang des Glaubens beigesteuert. In der Barockzeit luden sie zur persönlichen Aneignung der Glaubensgeheimnisse ein, wurden zum Thema von Kantaten, auskomponierten Choralvorspielen, Passionen und Oratorien und in der Aufklärung stellten sie sich der Herausforderung, Gefühl und Verstand miteinander zu verbinden.

In einer Zeit der Krankheit und gesellschaftlicher Unruhe

Sie blieben in einer Zeit, in der die großen Werke der Kirchenmusik im Konzertsaal präsentiert wurden, der Kristallisationspunkt des Glaubensklangs. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil standen Nüchternheit und Funktionalität der Kirchenlieder im Vordergrund und in den Kompositionen des „Neuen Geistlichen Liedes“ fanden junge und jung gebliebene Menschen in den Gemeinden eine neue musikalische Heimat. Die Gemeinsamkeit der Lieder aller Zeiten ist, dass sie vom Glauben singen, den ganzen Menschen in Schwingung versetzend auf das uns zugesprochene Gotteswort antworten. Dadurch laden sie alle, die sich singend, spielend oder lesend mit ihnen beschäftigen, ein, selbst an der Fülle des Lebens teilzuhaben.

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist so ein Lied. Es entstand 1599 in einer bewegten, von Krankheit und gesellschaftlichen Unruhen geprägten Zeit. Dies galt auch für dessen Texter und Komponist Philipp Nicolai, der 1596 auf eine der beiden Pfarrstellen im westfälischen Unna berufen wurde. Kaum war er in seinem neuen Wirkungskreis eingetroffen, starb seine Schwester, die ihm den Haushalt geführt und für ihn gesorgt hatte. Wenig später brach in Unna die Pest aus. Nicolais Kollege gehörte zu den Ersten, die an der furchtbaren Krankheit starben. Und dann ging es Schlag auf Schlag. 20 bis 30 Beerdigungen täglich hielt Pfarrer Nicolai auf dem Kirchhof hinter seinem Haus. Und damit war es ja nicht getan. Er besuchte die trauernden Familien, spendete Trost wo er nur konnte und versuchte, den Menschen in ihrer Angst vor der tödlichen Krankheit zur Seite zu stehen. Im Juli, auf dem Höhepunkt der Seuche, starben 300 Menschen aus seiner Gemeinde, im August 170. Bis zum Frühjahr hatte seine Pfarrei 1 400 Mitglieder verloren. Man könnte meinen, dass dies genug der Plagen seien, aber weit gefehlt.

Kaum hatte Philipp Nicolai wieder ein wenig Atem geschöpft, erreichte ihn die Nachricht, dass 300 spanische Reiter des kaiserlichen Heeres auf dem Weg nach Unna waren und dass er um Leib und Leben fürchten musste. Die Stadtväter dankten ihm sein seelsorgliches Engagement, indem sie ihn rechtzeitig informierten und ihm die Flucht ermöglichten. Nicolai machte sich auf den Weg zur Familie des Grafen von Waldeck, dessen Sohn er von seiner vorherigen Pfarrstelle in Wildungen aus als Erzieher betreut hatte. Der aufgeweckte 13-Jährige war wie ein eigener Sohn für den unverheirateten und kinderlosen Pfarrer. Doch kaum konnte in ihm die Hoffnung keimen, dass er in Waldeck zur Ruhe käme, starb der junge Graf. Was tut man, wenn alle Sicherheiten wegbrechen, die Menschen die man liebt, sterben und es nichts mehr gibt, an dem man sich festhalten kann? Philipp Nicolai schreibt, dass ihm in dieser dunklen Zeit „nichts süßer, lieber und angenehmer war“, als über das ewige Leben nachzudenken. Jenes Leben, das Jesus Christus uns durch seinen Tod erworben hat. Sein Sterben, sein Hinabsteigen in die tiefste Dunkelheit des Todesschattens ist es, das den Menschen das Leben gebracht hat. Ewiges Leben. Den Zusammenhang zwischen Sterben und Auferstehen blendet man gerne aus. Er ist unbequem, schmerzhaft und es wäre vielen lieber, sie könnten den ersten Teil der Botschaft umgehen. Aber wie das Leben nun einmal spielt, ist dies selten möglich. Jedem begegnet Leid. Unverständliches, unerwartetes, unverdientes Leid.

Nicolai erschien die Beschäftigung mit dem Gedanken an Tod und Auferstehung Jesu, den er auch in den Schriften des Kirchenvaters Augustinus wiederfand, wie eine Nuss, die er knacken musste, um an den, wie er schreibt „wundersüßen Kern“ zu gelangen. Als ihm dies gelungen war, entstand 1599 ein Buch mit dem Titel „Freudenspiegel des ewigen Lebens“. Es enthält in seinem Anhang vier Lieder. Eines davon ist „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Während sein Text auf die subjektive Frömmigkeit des Pietismus vorausweist, hat die lautmalerisch gestaltete Melodie, die an die Tage- und Wächterlieder des Minnesängers Wolfram von Eschenbach anknüpft, ihre Wurzeln im Mittelalter. Obwohl sein Autor gerade in der Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen ein äußerst streitbarer Theologe gewesen war, überschritt das Lied sehr schnell deren Grenzen. Heute steht es nicht nur im katholischen und evangelischen, sondern auch im freikirchlichen und mennonitischen Gesangbuch. Im neuen Gotteslob ist es, der Rezeption der protestantischen Kirchen, die ihr Jahr mit diesem Lied beenden folgend, dem Kirchenjahresende zugeordnet. Es kann jedoch auch in der Adventszeit gesungen werden. Denn in den Wochen vor dem Fest der Inkarnation kommt es mehr denn je darauf an, wachsam zu sein.

Das Lied hat immer wieder Komponisten inspiriert

Die Achtsamkeit im Umgang mit der Zeit und die liebende Aufmerksamkeit für den rechten Augenblick laden zu einer inneren Ruhe ein, die in krassem Gegensatz zum lärmig festlichen Getümmel konsumorientierten Vorweihnachtstresses steht. Die entscheidende Aufgabe ist es, inmitten aller notwendigen Tätigkeiten einen Raum der Erwartung zu schaffen. Als Martin Luther sagte: „Heute muss ich viel arbeiten, also muss ich viel beten“, meinte er genau dies. Das Öl wird bei all denjenigen immer dann in ausreichender Menge in den Lampen vorhanden sein, die sich regelmäßig auf den Weg zur Quelle machen. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ wird nicht nur in den Gemeinden gerne gesungen. Es hat über die Zeiten hinweg auch immer wieder Komponisten zu neuen Werken inspiriert. Max Reger schrieb eine Fantasie für Orgel über diesen Choral, weil er sich über eine wenig freundliche Kritik geärgert hatte. „Erfinderische Schwäche, Mangel an innerer Kraft und Persönlichkeit“ hatte der Rezensent ihm vorgeworfen. Ob es jener Kritiker war, dem Reger schrieb: „Ich sitze am stillsten Örtchen meines Hauses. Ihre Kritik ist vor mir. Bald wird sie hinter mir sein“, ist nicht sicher. Wohl aber, dass der so wachsam Gewordene innerhalb von zehn Tagen seine drei großen Choralfantasien, darunter eben jene über „Wachet auf“ komponierte.

Die Zuhörer sind tief berührt und erheben sich

Felix Mendelssohn-Bartholdy integrierte den Choral in sein Oratorium Paulus, das er 1836 im Alter von 27 Jahren schrieb. In dessen erstem Teil wird in farbenreichen Harmonien das Damaskus-Erlebnis des Apostels geschildert. Und genau in dem Moment, als Paulus in dem, der ihn anruft, Jesus von Nazareth erkennt, erklingt das reich orchestrierte Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.

Ähnlich wie der Chor in der griechischen Tragödie die Verbindung zum Publikum herstellt oder die Choräle in den barocken Kantaten die Gemeinde repräsentieren, nutzt auch Mendelssohn den Wendepunkt von Paulus Biografie, um dessen Geschichte mit der seiner Zuhörerinnen und Zuhörer zu verbinden. Auch ihnen gilt der Ruf: „Wachet auf“. Manchmal wirkt Musik so tiefgreifend, das die Menschen, die sie hören, sich unwillkürlich erheben. In England ist dies beim Halleluja aus Georg Friedrich Händels Messias Tradition und auch beim Hören des „Gloria sei Dir gesungen“ aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist es manchmal der Fall. Ein schönes Zeichen: Die Zuhörer erheben sich, weil sie aufmerksam geworden sind. Da kommt jemand auf sie zu, der ihnen wichtig ist, da ereignet sich etwas, das sie nicht still sitzenbleiben lässt. Sie fühlen sich erhoben. Wenn eine innere Bewegung in eine äußere übergeht, ist man wahrhaft bewegt. Man fühlt sich von etwas berührt, das den Kern der Persönlichkeit betrifft. Dann wird erfahrbar, was Friedrich Gottlieb Klopstock in seiner Abendmahlsstrophe zur Melodie des Liedes „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ geschrieben hat, dass die Gläubigen zu Gottes Mahl eingeladen sind, dass er mitten unter ihnen ist und sie das ewige Leben haben.

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