Gegen die Kirche

Vor 125 Jahren wird der Chef-Ideologe der NSDAP geboren - Alfred Rosenberg.

Alfred Rosenberg
Alfred Rosenberg. Foto: Bundesarchiv Bild 146-1979-099-35A. Wikimedia (CC BY-SA 3.0 de).

Dass der Nationalsozialismus antiklerikal ausgerichtet war, zeigt sich ziemlich früh. Bereits der heute vor 125 Jahren geborene Chef-Ideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg, attackiert die Kirche und den christlichen Glauben in einer Schärfe, die keinen Raum für Zweifel daran lässt, dass der Antisemitismus der Nazis im Hass auf die christliche Religion ihre logische Fortsetzung findet. So, wie Judentum und Christentum miteinander verbunden sind, ist auch die Ablehnung beider Religionen in einem Kontext zu sehen, der bei Rosenberg argumentativ geklammert wird: die arische Rasse überwinde beides. Ab 1920 trug Rosenberg mit zahlreichen rassenideologischen Schriften erheblich zur Verschärfung des Antisemitismus in Deutschland bei, kurz darauf begründet er in ähnlich völkischer Diktion den NS-Kirchenkampf.

1930 hat Alfred Rosenberg in „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ das anti-christliche Programm des Nationalsozialismus umrissen: „Der Mythus des römischen Stellvertreters Gottes muß ebenso überwunden werden wie der Mythus des ,heiligen Buchstabens‘ im Protestantismus. Im Mythus von Volksseele und Ehre liegt der neue bindende, gestaltende Mittelpunkt.“ Die Kirche wiederum warnte ihre Mitglieder vor dem Nationalsozialismus und hat bereits 1932 die Zugehörigkeit zur NSDAP für unvereinbar mit dem christlichen Glauben erklärt. Als Erwiderung auf die Propaganda für eine neue politische Religion entstand im Erzbistum Köln die von Clemens August Graf von Galen veröffentlichte Schrift „Studien zum Mythos des XX. Jahrhunderts“ (1934), an der insbesondere Theologen der Universität Bonn mitgearbeitet haben.

Auf diese kirchliche Kritik reagierte wiederum Rosenberg ein Jahr später: „An die Dunkelmänner unserer Zeit. Eine Antwort auf die Angriffe gegen den Mythus des 20. Jahrhunderts“. Eine „Religion des Blutes“ solle das Christentum ersetzen, so Rosenberg in seiner Replik, denn dieses sah er durch die Katholische Kirche verdunkelt, verfälscht und „verjudet“.

Zu dieser klaren beiderseitigen Abgrenzung von Nationalsozialismus und Christentum einerseits durch Rosenberg und andererseits durch die Katholische Kirche liegt der Befund nur scheinbar quer, dass viele Nazi-Größen selbst christlich sozialisiert waren. Nur dadurch, dass sie sich in den Glaubensinhalten gut auskannten, waren sie überhaupt in der Lage, sich auf Begriffe des Christentums zu beziehen („Vorsehung“, „Erlösung“, „Heil“) und diese Metaphern mit völlig neuen Bedeutungsgehalten zu füllen. Was man ersetzen will, muss man kennen.

Die Rosenbergsche „Blutreligion“ sollte die nationalsozialistische Sache mit der christlichen Tradition „gleichschalten“, was bei vielen Christen der Erkenntnis, wie lächerlich die Metaphysik des Nationalsozialismus ist, nur endgültig zum Durchbruch verholfen haben dürfte. Tatsächlich aber war die Bildsprache des Nationalsozialismus wirkmächtig an dem Versuch beteiligt, den Deutschen eine rassistisch-völkisch zentrierte Pseudoreligion aufzuzwingen, um das Christentum zu verdrängen.

Die „Rassenlehre“ der Nazis ist das Gegenkonzept zum christlichen Menschenbild. Dass sie auch religiös deutbar ist, heißt nicht, dass damit weniger aufgefallen wäre, wie sehr sie dem christlichen Menschenbild widersprach. Wer fest im Glauben stand, hat den Widerspruch bemerkt, zumal auch kirchliche Würdenträger das Ihre zur Aufklärung beitrugen. In einer Stellungnahme der Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz zur nationalsozialistischen Bewegung vom 5. März 1931 heißt es beispielsweise unmissverständlich: „Wir katholischen Christen kennen keine Rassenreligion, sondern nur Christi weltbeherrschende Offenbarung, die für alle Völker den gleichen Glaubensschatz, die gleichen Gebote und Heilseinrichtungen gebracht hat. Wir Katholiken kennen kein nationales Kirchengebilde. Katholisch heißt allgemein. Ein Hirt und eine Herde rings auf dem Erdkreise: das ist der Grundplan des Reiches Christi, feierlich verkündigt vor seinem Kreuzestode“.

Josef Bordat