Erzmärtyrer Stephan

Die Kirche zeigt mit dem Heiligen Stephanus, was mit Menschen passieren kann, wenn sie zum Kind in der Krippe halten: Sie ernten manchmal Unverständnis und Ablehnung, sogar Hass, der sich in Gewalt entlädt.

Steinigung des Stephanus
Steinigung des Stephanus. Hochmittelalterliche Wandmalerei, Romanische Abteilung des MNAC, Barcelona. – Foto: JoBo, 04-2013.

Der heutige Zweite Weihnachtstag heißt in Österreich „Stephanstag“. Das ist die Bezeichnung, die der Liturgieordnung entspricht, nach der heute des Diakon Stephanus gedacht wird. Die Kirche stellt dem Geburtsfest des Messias am Tag danach den Tod des ersten Märtyrers gegenüber. Was wie ein dramaturgischer Kontrast erscheint (Geburt und Sterben, Leben und Tod), ist im Grunde genommen das Bezugsverhältnis von Urbild und Spiegelbild: Christus und Stephanus (sowie alle anderen Märtyrer der Kirchengeschichte) bilden die beiden Seiten der Glaubensmedaille.

Die Kirche zeigt mit dem Heiligen Stephanus, was mit Menschen passieren kann, wenn sie zum Kind in der Krippe halten: Sie ernten manchmal Unverständnis und Ablehnung, sogar Hass, der sich in Gewalt entlädt. Damit folgen sie dem Kind, das als Erwachsener selbst zum Opfer mangelnder spiritueller Reife der Menschen in seiner Umgebung wird, Opfer ihres erstaunlichen Unwillen, das Andersartige auch nur zu tolerieren, und ihres beharrlichen Unvermögens, dessen Güte und Wahrheit einzugestehen.

Stephanus wird von der Kirche als erster Märtyrer der Christenheit verehrt. Viele sind ihm seither gefolgt, wie viele genau, das wissen wir nicht. Was wir hingegen wissen: Gott wird Mensch, der Gesteinigte wird zum Heiligen und der Mann, der für die Steinigung zuständig war, zum Apostel der Völker. In dieser Gewissheit können wir auch heute für unsere Verfolger beten: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“

Josef Bordat